Die Fans, die dem FC Augsburg schon ganz lange die Treue halten, geraten schon wieder ins Schwärmen von den guten alten Zeiten. Damals war es der große Star Helmut Haller, der die Herzen höher schlagen ließ. Doch eines konnte selbst der, den sie liebevoll mit "Hallerluja"-Sprechchören verehrten, nicht verwirklichen - den Aufstieg in die höchste deutsche Spielklasse.

Anfang der 70er-Jahre löste der in Italien als Star verehrte Haller in Augsburg eine Euphorie aus. Lange hat es gedauert, bis dieser Hype nun wieder ähnliche Dimensionen erreicht hat. Doch damit nicht genug: Der FCA könnte dieses Mal sogar noch einen Schritt weiter gehen und endlich die große Bundesliga-Bühne betreten.

Einkaufskriterium: Bundesliga-Erfahrung

1974 fehlte ein mageres Pünktchen in der Aufstiegsrunde in die Bundesliga, nachdem man zuvor die Liga dominiert hatte und souverän Platz 1 der Regionalliga Süd erreichte. Doch dieses Mal scheint einiges anders. Die Fuggerstädter bekamen schon vor der Saison von den meisten Trainern der 2. Bundesliga die Favoritenrolle zugesprochen und werden dieser mittlerweile absolut gerecht.

Nach einigen Anfangsschwierigkeiten beweist das Team um Jos Luhukay schon fast Bundesliga-Reife. Wirft man einen Blick auf die Einkaufspolitik, scheint das alles auch kein Zufall zu sein. Die Vereinsführung legte bei Verpflichtungen wie Simon Jentzsch, Domink Reinhardt und Ibrahima Traore Wert auf Bundesliga-Erfahrung.

Thurk, der Knipser der Liga

Eben jener Jentzsch im Kasten des FCA stellte auch gleich mal einen neuen Vereinsrekord auf. Mit nun 497 Minuten ohne Gegentreffer avanciert der 33-Jährige zum Schreck aller Stürmer. Die Schwaben ließen überhaupt erst zwei Gegentore in der gesamten Rückrunde zu und damit nur 0,3 pro Partie - ein sensationeller Wert.

Doch wer jetzt glaubt, die Augsburger würden sich Richtung Bundesliga mauern, der irrt gewaltig. Nur Bayer Leverkusen (52) schoss mehr Tore in den beiden oberen Spielklassen. Satte 20 der 51 Augsburger Treffer gehen auf das Konto von Michael Thurk, der mit 33 Jahren gerade eine neue Blütezeit in seiner Karriere erlebt. Der Blondschopf ist der Dauer-Matchwinner für den FCA, gleich neun Mal netzte der Angreifer zum wichtigen 1:0 ein - Ligahöchstwert.

"Entscheidend ist, wer am Ende oben steht"

Unterstützung bekommt er seit kurzem durch einen weiteren Bundesliga-Erfahrenen. Nando Rafael wechselte in der Winterpause nach Augsburg, brauchte keine Eingewöhnungszeit und war in den letzten sechs Partien gleich vier Mal erfolgreich. Mit nun neun Siegen aus den letzten zehn Spielen stehen die Weichen auf Bundesliga.

Doch Geschäftsführer Andreas Rettig versucht ,die Euphorie mit Bedacht ein wenig zu bremsen. "Es ist nicht entscheidend, wer am 25. Spieltag auf dem Aufstiegsrang steht, sondern am Ende", sagt er. Diese Herangehensweise ist von anderen Aufstiegskandidaten bekannt: Keiner will so wirklich davon sprechen, jeder schaut nur von Spiel zu Spiel, doch der Traum von der Bundesliga lässt sich wohl kaum unterdrücken.

Gemeinsam Geschichte erleben

Und deshalb ist Rettig mit der Entwicklung seiner Truppe natürlich auch hochzufrieden und lobt die Arbeit seines Trainers: "Jos Luhukay hat es geschafft die 'Winner-Mentalität' in die Köpfe der Spieler zu bringen."

Das Vorbild Haller wird in den Köpfen der Akteure kaum eine Rolle spielen, schließlich waren die meisten zu seiner Zeit noch nicht einmal geboren. Unter den Anhängern erkennt Rettig aber durchaus eine gute Mischung. "Viele junge Fans sind derzeit von den Erfolgen des FCA angetan, aber es gibt viele Traditionalisten, die den Verein schon zu Helmut Hallers Zeiten geliebt haben", erklärt der Geschäftsführer.

Sollte Augsburg den Aufstieg tatsächlich schaffen, können beide Generationen gemeinsam Geschichte erleben - und vielleicht auch mit ein paar "Hallerlujas" kräftig feiern.

Norman Thalwitzer