Nürnberg - René Weiler ist immer wieder für Überraschungen gut, auch in seiner Rhetorik. Wo andere Trainer nach Niederlagen ihrem Unmut freien Lauf lassen, besänftigt er - wie nach der verdienten 1:2-Niederlage beim FSV Frankfurt. Und wenn alle Welt Jubelarien erwartet - wie beim Auswärtssieg in Düsseldorf, relativiert er die Lobeshymnen.

"Spielerisch ging nach unserem Führungstreffer wenig", sagte er im Presseraum der Esprit-Arena und fügte mit fein ziselierter Ironie an, dass er dennoch zufrieden sei: "Ein Novum ist, dass wir nach einem Rückstand zurückgekommen sind und das Spiel gedreht haben. Jetzt wissen wir, dass wir das auch können..."

Tabuwort "Aufstieg"

Kurzum: Mit Wutausbrüchen kann man bei René Weiler genausowenig rechnen wie mit vollmundigen Ankündigungen, die ihm später auf die Füße fallen könnten. Das Wort "Aufstieg" kommt Weiler jedenfalls so schnell nicht über die Lippen. Doch so sehr der Nürnberger Coach marktschreierische Aussagen meidet, so sehr achtet er darauf, den Journalisten mit gehaltvollen Aussagen Stoff für ihre Geschichten zu liefern. Dass der 41-Jährige ein solches Gespür für seriöse Medienarbeit hat, ist wohl kein Zufall. Weiler hat unter anderem Journalismus studiert. Aus Interesse, wie er betont. "Als jemand, der viel liest, lag das nah."

Wobei: Mit Negativschlagzeilen hätte Weiler derzeit wohl auch dann nicht zu rechnen, wenn er sich bei den Presseterminen auf die handelsüblichen Floskeln beschränken würde. Seit er Mitte November das Traineramt von Valérien Ismael übernahm, hat der Club in neun Spielen 19 Zähler angesammelt. Weiler, der mit Frau und den beiden Söhnen nach Nürnberg gezogen ist, hat damit eine tief deprimierte Anhängerschaft neu motiviert. Er mag noch so sehr auf die Euphoriebremse drücken, die Club-Fans können sich durchaus wieder vorstellen, dass ihr Verein am Ende der Saison doch noch den sofortigen Wiederaufstieg schafft.

Zweiter Anlauf

Auch wenn noch längst nicht alles rund läuft beim Club: Die Defensive steht deutlich besser, im Spiel nach vorne ist mehr Struktur zu erkennen. Kein Wunder, dass der detailversessene 41-Jährige im Training sehr aktiv coacht und die Trainingsspiele häufig unterbricht, um Details zu monieren. "Wer Leidenschaft einfordert", findet Weiler, "muss die auch vorleben."

Dabei wäre Weiler fast schon im Sommer beim Club gelandet - letztlich machte Ismael das Rennen. Als es dann doch noch klappte, musste Weiler nach eigenem Bekunden nicht lange überlegen: "Der FCN steht für Tradition und eine tolle Fankultur, für vergangene großartige Erfolge - da kann man ja unmöglich nein sagen." Zudem habe er "bewusst eine Herausforderung im deutschen Markt gesucht." Offenbar so bewusst, dass ihm mancher Eidgenosse übertriebenen Ehrgeiz und Vertragsbruch vorwarf.

Noris statt Rheinknie

Weiler stieg schließlich 2014 im Groll beim FC Aarau aus, weil er zu einem ambitionierten Verein wollte - und das, obwohl sein Kontrakt noch bis 2015 lief. Gut möglich, dass er auch auf den Job beim FC Basel spekuliert hatte. Dass ihm der "Blick" damals attestierte, er habe noch nicht das Format für einen Champions-League-Club, hat er der die Boulevardzeitung jedenfalls übelgenommen. Und Weiler wäre nicht Weiler, wenn er das beim nächsten Interview nicht an den Absender zurückgegeben hätte: "Der Blick schrieb, dass Basel eine Schuhnummer zu groß sei für mich. Diese Einschätzung war ein Unsinn. Ich hätte mir den Job zugetraut."

In Nürnberg widerspricht ihm da keiner. Umso glücklicher sind sie am Valznerweiher, dass Weiler statt am Rheinknie jetzt an der Noris arbeitet.

Christoph Ruf