Köln - Sechs Jahre lang stürmte Martin Harnik für den VfB Stuttgart, seit dem Sommer geht er für Hannover 96 auf Torejagd. Mit Erfolg: Sieben Mal schon traf er für die Niedersachsen. Am Montag bestreiten nun die beiden Bundesliga-Absteiger in Stuttgart das Topspiel des 16. Spieltags. Im Vorfeld stellte sich Martin Harnik den Medienvertretern zu einer Fragerunde.

Frage: Martin Harnik, am Montag treffen Sie mit Ihrem neuen Verein Hannover 96 auf Ihren alten. Wie sehr kribbelt es schon vor dem Spiel beim VfB Stuttgart?

Martin Harnik: So richtig spannend wird es erst, wenn es Richtung Stadion geht. Dann ist die Anspannung am größten. Wenn ich dann die Auftstellung vom VfB sehe und die alten Kameraden auf dem Zettel stehen, dann geht es erst richtig los. Ich freue mich vor allem darauf, Christian Gentner, Daniel Ginczek oder Florian Klein wiederzusehen.

Frage: Wenn man sich als gestandener Bundesliga-Profi auf einmal in der 2. Bundesliga wiederfindet, wie geht man damit um?

Harnik: Es ist definitiv so anspruchsvoll, wie ich es erwartet habe. Man muss die ganze Geschichte auch positiv angehen. Wenn man jedes Wochenende jammert, warum man jetzt gegen einen kleineren Verein und nicht gegen Bayer Leverkusen oder die Bayern München spielen kann, dann zieht man sich runter. Ich sehe es positiv. Man sieht mal andere Stadien. Wenn man am Ende das Ziel erreicht, dann war es ein cooles Jahr in der 2. Bundesliga.

Frage: Was ist das Anspruchsvolle an der 2. Bundesliga?

Harnik: Jeder Gegner will uns wehtun. Wir gehen vielleicht abgesehen vom nächsten Montag als Favorit in jedes Spiel. Jeder will den Absteiger schlagen und sich mit Spielern messen, die lange in der Bundesliga gespielt haben. Die Spielweise und der Spielstil sind anders und dementsprechend anspruchsvoll, weil sehr körperbetont und nicht weniger intensiv gespielt wird.

Frage: In den sechs Jahren in Stuttgart standen Sie in einem Pokalfinale und haben in der Europa League gespielt. Ist die Partie jetzt beim VfB vor fast 60.000 Zuschauern ein herausragendes Spiel?

Harnik: Natürlich freuen wir uns alle darauf. Und das liegt auch nicht nur an meiner persönlichen Situation. Es wird ein geiles Spiel am Montagabend gegen den Tabellenführer und Mitabsteiger. Die Konstellation ist sicher eine besondere. Wir wollen alle wieder aufsteigen und Bundesliga spielen. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ich denke, dass es ein Duell auf Augenhöhe wird. Wir fahren mit dem nötigen Selbstbewusstsein nach Stuttgart und wollen dort mindestens einen Punkt holen.

"Ich hatte eine schöne Zeit in Stuttgart"

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Frage: Was hat den VfB Stuttgart für Sie ausgemacht?

Harnik: In erster Linie war es der Verein, bei dem ich zum Bundesliga-Profi gereift bin, auch wenn ich vorher ein paar Einsätze für Werder Bremen hatte oder bei Fortuna Düsseldorf 2. Bundesliga gespielt habe. In Stuttgart habe ich mich als Stammspieler erst richtig durchgesetzt. Ich habe dort auch internationale Erfahrungen gesammelt und war am Ende Vize-Kapitän. In Stuttgart habe ich auch geheiratet. Wir sind dort Eltern geworden. Ich verbinde mit Stuttgart sehr viele schöne Erinnerungen. Es war eine schöne Zeit, und sechs Jahre sind für einen Fußballer auch eine lange Zeit, die ich nicht missen möchte.

Frage: Für wen war aus Ihrer Sicht der Abstieg schlimmer? Für Stuttgart oder Hannover?

Harnik: Um die Frage beantworten zu können, müsste ich das Jahr in Hannover miterlebt haben. Ich bin erst zu 96 gekommen, als die Aufbruchstimmung wieder da war. Die hat es auch in Stuttgart gegeben, wo das erste Spiel ausverkauft war. Die Unterstützung ist riesig. Aber die Enttäuschung am Ende der letzten Saison war genauso groß. So wird es in Hannover auch gewesen sein. Es dürfte beide gleich hart getroffen haben.

Frage: Es gab die Kritik, dass viele Siege von Hannover 96 nicht so überzeugend ausgefallen sind. Glauben Sie, dass sich das weiter durch die Saison ziehen wird und die Spiele eng bleiben?

Harnik: Das ist Ansichtssache. Wenn man das Ergebnis vom Spiel gegen den 1. FC Heidenheim sieht (3:2, die Red.), war es vielleicht kein überzeugender Sieg. Aber wenn man das Spiel analysiert, muss man sich fragen: Wieviele Chancen hatte Heidenheim? Das waren die Tore, eine Chance, eine Flanke und ein Schuss. Wenn wir großzügig sind, hatten sie drei gute Chancen. Daraus haben sie zwei Tore gemacht. Das müssen wir uns vorwerfen. Aber den Rest des Spiels sind sie kaum aus der eigenen Hälfte gekommen. Es gab Spiele, in denen wir uns schwer getan haben. Aber gerade die Partie gegen Heidenheim war eine dominante Leistung mit engem Ausgang.

Frage: Wie empfinden Sie die Stimmung in Hannover?

Harnik: Sehr positiv. Klar würde jeder gerne Spektakel und uns mit 15 Siegen an der Spitze sehen. Aber so einfach ist es nicht. Und das weiß auch jeder. Es ist noch kein Verein im Schongang in die Bundesliga aufgestiegen. In erster Linie zählt das Ergebnis. Grundsätzlich wollen wir noch mehr Spiele gewinnen, als wir es bis jetzt getan haben. Aber wir sind da, wo wir uns sehen.

Frage: Halten Sie die Mannschaft von Hannover 96 für aufstiegsreif und in weiten Teilen für Bundeslia-tauglich?

Harnik: Man wächst mit seinen Aufgaben. In der 2. Bundesliga sind andere Dinge gefragt als hoffentlich im nächsten Jahr in der Bundesliga. Wir haben einige Spiele, die schon sehr viel Erfahrung in der Bundesliga gesammelt haben - und das nicht umsonst. Ich hoffe, dass wir diese Diskussion dann im Sommer führen können, ob der Kader stark genug für die erste Liga ist.

Aufgezeichnet von Tobias Gonscherowski