Der 1. FC Nürnberg ist die Mannschaft der Stunde in der 2. Bundesliga. Der 2:0-Sieg gegen den FC St. Pauli war der fünfte Erfolg in Folge - ohne Gegentor.

In der Rückrunde läuft es nach Maß: Von den elf Spielen im Jahr 2009 wurden sieben gewonnen, drei Mal gab es ein Remis und Nürnberg ist das einzige Team, das nur eine Niederlage in der Rückserie zu verzeichnen hatte.

Oenning kennt auch schwierige Zeiten

Die Euphorie im Frankenland ist riesig, die Stimmung im ausverkauften easyCredit-Stadion zuletzt gegen St. Pauli überragend. Da muss Trainer Michael Oenning fast schon auf die Bremse treten. Denn der Nachfolger von Thomas von Heesen kennt auch die andere Seite.

Es gab in der Hinrunde Zeiten, da sprach die Medienlandschaft schon vom Absturz in die 3. Liga. Das weiß auch Oenning. Im ausführlichen Interview mit bundesliga.de spricht der 43-Jährige über den Lauf des "Clubs" mit den "jungen Wilden".

bundesliga.de: Michael Oenning, Sie haben nach dem 2:0 gegen den FC St. Pauli gesagt, dass dies ein Vorgeschmack auf das war, was den 1. FC Nürnberg jetzt erwartet. Geht die Saison für den "Club" erst richtig los?

Michael Oenning: Es wird jetzt auf jeden Fall nicht leichter für uns. Es ist nicht so, dass wir schon etwas erreicht haben. Wir sind zum ersten Mal in der Position, dass wir etwas verteidigen müssen - den 2. Platz! Wir müssen hochkonzentriert weiter arbeiten und dürfen nicht nachlässig werden.

bundesliga.de: Die Euphorie in Nürnberg ist riesig. Sie haben zuletzt auf die Bremse drücken müssen. Wie ist die Situation innerhalb der Mannschaft?

Oenning: Wir haben den Vorteil, dass wir auf dem Platz stehen und die Dinge, die uns stark gemacht haben, aufs Neue überprüfen können. Wenn ich merke, dass wir im Training nicht bei der Sache sind oder merke, dass sich der Schlendrian einschleicht, würden wir entgegenwirken. Aber das ist nicht der Fall. Wir sind sehr gelöst und locker, aber auch die Konzentration und Anspannung ist da.

bundesliga.de: Macht es die richtige Mischung aus?

Oenning: Richtig, das wird das Entscheidende sein. Wir dürfen die nötige Unbekümmertheit nicht verlieren, aber müssen gleichzeitig genau auf die Sekunde da sein.

bundesliga.de: Sie haben es angesprochen: der 1. FC Nürnberg wird ab sofort gejagt. Kommen die jungen Spieler mit diesem Druck zurecht?

Oenning: Davon bin ich absolut überzeugt! Diesen Druck hatten wir schon die ganze Saison über. Zunächst war es die Erwartungshaltung, dann ging es darum, dass wir überhaupt wieder herankommen an die oberen Plätze. Wir durften überhaupt keine Spiele verlieren. Jetzt ist es eine neue Situation, in der wir unseren Platz oben verlieren können. Zuvor war es so, das wir jedes Mal die letzte Chance nutzen mussten. Das war viel schwieriger.

bundesliga.de: Der 1. FC Nürnberg war zwischenzeitlich sogar Tabellen-14. Hand aufs Herz: Haben Sie daran geglaubt, dass Sie die Kurve bekommen?

Oenning: Zu dem Zeitpunkt war es wichtig, überhaupt wettbewerbsfähig zu werden und in der 2. Bundesliga so anzukommen, um erfolgreich zu sein. Das war ein Prozess und im Laufe dieses Prozesses war mir schon klar, dass wir sehr viel Potenzial haben. Insofern glaube ich auch, dass man niemanden zu früh abschreiben sollte. Das gilt für anderen jetzt natürlich auch.

bundesliga.de: Gab es einen Wendepunkt?

Oenning: Der wichtigste Wendepunkt für mich war das 2:0 gegen den SC Freiburg in der Hinrunde. Wir haben da - vor allem uns selbst - gezeigt, dass wir gegen eine sehr gute Mannschaft gewinnen können.

bundesliga.de: Bleiben wir bei der Hinrunde: Das Hinspiel gegen den nächsten Gegner FSV Frankfurt endete 0:0. Spannend war nicht das Ergebnis, sondern die Leistung junger Spieler wie Dominic Maroh oder Mike Frantz, die Sie erstmals ins kalte Wasser geworfen haben. Sie haben damals gesagt: "Wenn es mit den Arrivierten nicht klappt, wird man es in Zukunft mit anderen versuchen." Es hat gut hingehauen.

Oenning: Ja, auf jeden Fall. Wir haben damals gegen Frankfurt die offensivste Variante gewählt, weil wir einen Sieg erzwingen wollten. Es hat aber nicht geklappt. Wir haben dann auch noch eine Rote Karte gesehen und nur 0:0 gespielt. Aber dennoch war damit der personelle Umbruch ein Stück eingeleitet.

bundesliga.de: In der Winterpause kamen mit Marcel Risse, Stefan Reinartz und Dennis Diekmeier drei junge Spieler hinzu. Es war mutig mit so vielen jungen Spielern ins Rennen einzusteigen, aber es ist aufgegangen.

Oenning: Ja. Bis jetzt.

bundesliga.de: Wenn man sich Ihre Vita ansieht, haben Sie in der Vergangenheit viel mit jungen Spielern zu tun gehabt, waren unter anderem Verbandssportlehrer beim Württembergischen Verband oder in der Nachwuchsarbeit des DFB. Tun Sie sich nun leichter, junge Spieler zu bewerten?

Oenning: Zumindest kann ich Vergleiche anstellen. Ich weiß, wie gut man in einem bestimmten Alter sein muss, wenn man vorher mit einem jungen Kevin Kuranyi, Piotr Trochowski oder Bastian Schweinsteiger gearbeitet hat. Ich habe mich mit den jungen Spielern schon immer auseinandergesetzt. Das Auge wird natürlich geschult, aber das Gefühl muss dafür auch entwickelt werden. Es geht aber nicht nur mit Jungen, man braucht auch erfahrene Spieler.

bundesliga.de: Sie haben auch eine Menge Erfahrung gesammelt. Wir haben über Ihre Zeit in der Nachwuchsarbeit gesprochen. Sie waren Co-Trainer bei diversen Vereinen wie Wolfsburg oder Mönchengladbach, aber arbeiteten auch beim Fernsehen: Als Assistent von Marcel Reif bei der WM 2002. Hilft Ihnen diese Erfahrung heute?

Oenning: Ja, natürlich. Vor allem in Bezug auf die Medienarbeit. Wenn man weiß, wie die Medien funktionieren, was sie für Bedürfnisse haben. Wenn man die Dinge von beiden Seiten betrachten kann, ist es eine Chance. Es hilft, eine Vertrauensbasis zu finden in der täglichen Zusammenarbeit, weil ja doch unterschiedliche Interessen da sind. Aber die müssen ja nicht immer kontraproduktiv sein.

bundesliga.de: Effektiv präsentiert sich derzeit Marek Mintal, der zuletzt wieder aufblüht, an den vergangenen fünf Spieltagen sieben Mal traf und aktuell Dritter in der Torjägerliste ist. Wie haben Sie ihn wieder hinbekommen?

Oenning: Er ist schon immer ein absoluter Bestandteil der Mannschaft gewesen. Es ist ja nicht so, dass er vorher nicht präsent war, hat schon vorher sechs Tore geschossen. Marek ist mit sich im Reinen. Er fühlt sich wohl und da fällt es manchmal leichter Tore zu erzielen.

bundesliga.de: In der Öffentlichkeit herrscht die Meinung, dass der 1. FC Nürnberg ein eher leichtes Restprogramm hat. Sie spielen zwar mit Greuther Fürth nur noch gegen einen Gegner aus dem oberen Tabellendrittel, aber es stehen auch Aufgaben gegen abstiegsbedrohte Clubs wie Ingolstadt, Osnabrück und Rostock an. Wie bewerten Sie die kommenden Wochen?

Oenning: Jedes einzelne Spiel wird sehr schwierig. Wenn man gegen Mannschaften spielt, die ums Überleben kämpfen, kann man nie eine Prognose aufstellen, obwohl uns immer die Favoritenrolle zugeschustert wird. Es kann natürlich sein, dass sich im Laufe der nächsten Spiele die Spreu vom Weizen trennt. Dann kann man die Spiele eventuell auch anders angehen.

bundesliga.de: Über Nürnberg schwebt das mögliche Relegationsspiel gegen Borussia Mönchengladbach und damit gegen die Ex-Nürnberger Hans Meyer und Tomas Galasek. Wie sehr beschäftigt Sie das?

Oenning: Überhaupt nicht. Warum soll ich mir über solche ungelegten Eier Gedanken machen?

bundesliga.de: Gibt es in der nächsten Saison eher ein Derby gegen Bayern München oder gegen Greuther Fürth?

Oenning: Es könnte gut sein, dass wir beide Derbys spielen.

bundesliga.de: Wollen Sie die Fürther mitnehmen in die Bundesliga?

Oenning: Ich hätte kein Problem damit!

Das Gespräch führte Fatih Demireli