Jörg Berger kennt sich aus im deutschen Fußball. Mehr als 30 Jahre Trainererfahrung hat der 64-Jährige auf dem Buckel. Zwölf verschiedene Vereine trainierte er zwischen 1979 und 2005 in der Bundesliga und der 2. Bundesliga.

Wer ist also besser geeignet als der oft als "Feuerwehrmann" verpflichtete Berger, um die aktuelle Lage in der 2. Bundesliga zu beleuchten. Im Gespräch mit bundesliga.de nimmt Berger alle Aufstiegskandidaten genau unter die Lupe und nennt seine Favoriten. Dazu spricht er über die harte Arbeit im Abstiegskampf und erklärt, warum er im Tabellenkeller mit einer Überraschung rechnet.

bundesliga.de: Herr Berger, alle Welt spricht über die Spannung in der Bundesliga. Aber ein Blick auf die 2. Bundesliga lohnt sich auch, oder?

Jörg Berger: Natürlich steht die 2. Bundesliga ein wenig im Schatten der Bundesliga. Doch auch da können in den kommenden Wochen noch so viele Überraschungen geschehen. Ich denke, die 2. Bundesliga ist genauso spannend wie die Bundesliga.

bundesliga.de: Ganz vorn marschiert der SC Freiburg. Sieben Punkte Vorsprung hat der SC auf den Relegationsplatz und sogar neun auf einen Nicht-Aufstiegsplatz. Kann die Breisgauer noch jemand aufhalten?

Berger: Nur die Freiburger selbst können sich noch aufhalten. Niemand ist in der Lage, sie zu stoppen. Da müssten sie schon selbst patzen, und das kann ich mir nicht vorstellen.

bundesliga.de: Hinter den Freiburgern machen sich mit Mainz, Fürth, Nürnberg, Kaiserslautern und Aachen gleich fünf Teams Hoffnungen auf den Aufstieg. Wer hat Ihrer Meinung nach die besten Karten?

Berger: Mainz hat eine sehr gute Ausgangsposition. Sie haben die nötige Erfahrung im Aufstiegskampf. Sie hatten zuhause zwar eine kleine Durststrecke, aber ich gehe davon aus, dass Mainz der zweite Aufsteiger sein wird. Aber wenn es um die Relegation geht, ist alles möglich. Bei Aachen dachte man schon, die seien weg vom Fenster. Fürth stand schon ganz oben, ist aber immer noch voll dabei.

bundesliga.de: Die Fürther gelten als der ewige Beinahe-Aufsteiger der 2. Bundesliga. Aktuell stehen sie auf dem Relegationsplatz 3, doch es wartet noch ein Restprogramm, das es in sich hat. So spielt Fürth noch gegen Duisburg, Nürnberg, Freiburg und Mainz. Kann die SpVgg diese Hürden nehmen?

Berger: Ich habe da so meine Bedenken. Natürlich würde ich Benno Möhlmann den Aufstieg absolut gönnen. Die Fürther haben noch einige schwere Spiele. Aber schon jetzt muss man sagen, dass es eine sehr gute Leistung ist, was man dort erreicht hat. Sollten sie wirklich aufsteigen, dann hätten sie etwas geschafft, was man nicht hoch genug anrechnen kann. Man muss ja auch die Bedingungen sehen bei den Fürthern. Die Bedingungen im Stadion, die finanziellen Bedingungen - es gibt ja mindestens fünf, sechs Mannschaften, die in dieser Hinsicht bessere Bedingungen haben. Das wäre schon eine tolle Sache.

bundesliga.de: Vor nicht einmal einem Jahr rettete sich der FCK am letzten Spieltag vor dem Abstieg in die 3. Liga. Nun mischen die Pfälzer ganz oben mit. Käme ein Aufstieg in die Bundesliga vielleicht ein wenig zu schnell?

Berger: Ein Aufstieg kommt nie zu früh. Man muss nehmen, was man bekommt. Das wäre für die Pfalz ganz toll. Auch hier muss man die Lage ähnlich sehen wie bei den Fürthern und ihnen hoch anrechnen, was sie in dieser Saison geleistet haben. Zudem kam der FCK ja von ganz unten. Zwar nicht in finanzieller Hinsicht, aber zumindest was das komplette Umfeld anbelangt, sind die Bedingungen für einen Aufstieg in Kaiserslautern gegeben. Die ganze Pfalz steht hinter dem FCK. Ich denke aber, dass die Lauterer es dieses Jahr noch nicht schaffen werden. Die Mannschaft ist sehr jung und muss sich noch ein wenig festigen.

bundesliga.de: Sicherlich hängt Ihr Herz sehr an Aachen. Die Alemannia ist mit fünf Siegen in Folge das Team der Stunde. Kann diese Serie fortgesetzt werden?

Berger: Ich habe mal ein wenig gerechnet. Wenn Aachen weiter so konstant spielt - und dabei rede ich nicht davon, dass die Mannschaft alle Spiele gewinnen muss - dann kann die Alemannia auf jeden Fall in die Relegation kommen.

bundesliga.de: Der Drittplatzierte tritt in der Relegation gegen den 16. der Bundesliga an. Wen sehen Sie dort als Favoriten und wie schwer ist es, in der Relegation zu spielen?

Berger: Wie gesagt, ich sehe Freiburg und Mainz als die beiden Favoriten, was den direkten Aufstieg betrifft. Aber alle anderen, die da oben stehen, haben die Chance, in die Relegation zu kommen. Man sollte keinen abschreiben. Das ist ja das Spannende! Ich selbst habe die Relegation als Trainer miterlebt. Mit Eintracht Frankfurt musste ich damals gegen Saarbrücken antreten. Mit viel Glück haben wir damals gewonnen (1989/90: Hinspiel 2:0; Rückspiel 1:2; Anm.d.Red.). Zum Glück. Was zu jenem Zeitpunkt niemand wusste, Uwe Bein hatte damals schon bei uns unterschrieben. Später hat er mir erzählt, wie er bei der Relegation vorm Fernseher geschwitzt hat. Denn er hat natürlich gehofft, dass er mit der Eintracht in der Bundesliga spielen würde. Diese Planungsunsicherheit macht es manchmal nicht leicht. Für die Zuschauer ist die Relegation allerdings eine spannende Sache.

bundesliga.de: Auch Nürnberg könnte aufgrund einer tollen Rückrunde in die Relegation kommen. Ist denn der "Club" die Mannschaft, die die nötige Erfahrung, Abgebrühtheit und Klasse mitbringt, um mit dieser Endspielsituation am ehesten klar zu kommen?

Berger: Ich habe schon oft gesagt, man solle die Mannschaften nicht abschreiben, die vergangene Saison aus der Bundesliga abgestiegen sind. Eigentlich hat es ja in dieser Saison nur Rostock ganz böse erwischt. Duisburg und Nürnberg sind ganz oben dran. Es ist völlig normal, dass die Absteiger sich in der 2. Bundesliga erst einmal zurecht finden und stabilisieren müssen. Sie müssen sich anpassen. Nürnberg hat das geschafft. Und wenn ich die Mannschaften, die für die Relegation in Frage kommen, genauer betrachte, hat Nürnberg bessere Karten als Aachen, Lautern oder Greuther Fürth. Der "Club" hat eben die nötige Erfahrung. Das kann nicht nur für die Relegationsspiele, sondern auch schon auf dem Weg dorthin entscheidend sein.

bundesliga.de: Der MSV Duisburg hat seit der Verpflichtung von Peter Neururer einen riesigen Satz gemacht. Noch haben die "Zebras" zwei direkte Duelle gegen Fürth und den FCK. Kommt der MSV noch mal oben ran?

Berger: Mich hat die Aussage aus Duisburg überrascht, dass man den Aufstieg beinahe abhaken könne. So lange es noch rechnerisch möglich ist, sollte man immer daran glauben. Das habe ich meinen Spielern auch immer eingetrichtert. Kämpft, spielt und glaubt bis zur letzten Sekunde! Mehrmals habe ich mit Mannschaften in letzter Sekunde noch die Klasse gehalten, wo uns viele andere schon abgeschrieben hatten. Es gibt den Spruch "Schaffe das Mögliche, um das Unmögliche zu erreichen." Das Mögliche ist auch für Duisburg, alle noch ausstehenden Spiele zu gewinnen. Und da sind ja noch direkte Duelle gegen potentielle Aufsteiger dabei. Wenn das Ziel zu zeitig aus den Augen verliert und abschreibt, dann erreicht man es auch nicht.

bundesliga.de: Doch wie in der Bundesliga geht es auch in der 2. Bundesliga auch im Tabellenkeller spannend zu. Vom Tabellen-Zwölften Augsburg bergab sind alle noch nicht gerettet. Der FCA, Ahlen, Wehen, Rostock und Ingolstadt haben kurz vor Saisonende nochmal den Trainer gewechselt. Sie selbst kennen sich mit dem Job des "Feuerwehrmanns" aus. Wie schwierig ist diese Aufgabe und was kann man so kurz vor Schluss noch tun?

Berger: Wenn ich auf die Mannschaften schaue, die den Trainer noch einmal gewechselt haben, dann hat sich im Moment ein richtig positiver Effekt nur in Rostock eingestellt. Das zeigt, dass man mit Andreas Zachhuber den richtigen Mann geholt hat. Er kennt nicht nur das Umfeld beim Club, er hat diese Situation schon einmal erlebt. Als er bei seiner früheren Amtszeit in Rostock im Abstiegskampf war, war ich es gleichzeitig mit Frankfurt auch (1998/99; Anm.d.Red.). Wenn man als Trainer diese Erfahrung hat, ist das ein klarer Vorteil. Das ist sogar die Grundvoraussetzung. Denn im Abstiegskampf herrschen ganz andere Bedingungen als im "normalen" Ligabetrieb. Wenn man unten steht, ist es etwas völlig anderes, mit den Spielern, den Medien, dem Vorstand, den Sponsoren und dem kompletten Umfeld zu arbeiten. Alle haben Angst vorm Abstieg, sind nervös. Es herrscht einfach keine Ruhe im Umfeld. Da muss man selbst Ruhe und Überzeugung ausstrahlen. Und die beste Überzeugungskraft ist, wenn man sagen kann, man hat solch eine Situation in der Vergangenheit bereits erfolgreich gemeistert.

bundesliga.de: Sie selbst waren einst auch bei Hansa Trainer. Denken Sie, die Mannschaft schafft unter Andreas Zachhuber den Klassenerhalt?

Berger: Ehrlich gesagt habe ich nie verstanden, wie eine Mannschaft mit so viel Potenzial so weit da unten reinrutschen konnte. Das ist ja Kaiserslautern in der vergangenen Saison auch passiert. Wenn man als Absteiger nicht gleich wieder aufsteigt, ist das nicht ungewöhnlich. Da geht es ja manchmal nur um wenige Punkte. Aber das man so durchrauscht, überrascht mich. Doch da das Potenzial ja vorhanden ist und Hansa unter Zachhuber wieder gewinnt, bin ich mir sicher, dass Rostock die Klasse halten wird.

bundesliga.de: Auf den Abstiegsrängen stehen momentan Wehen Wiesbaden und Ingolstadt. Osnabrück rangiert auf dem Relegationsplatz. Sind das die drei Teams, die Ihrer Meinung nach am Ende auch absteigen werden?

Berger: Bei den beiden Clubs, die unten stehen - also bei Wehen und Ingolstadt - sage ich, sie steigen ab. Osnabrück ist ja eine der wenigen Mannschaften da unten drin, die den Trainer nicht gewechselt haben. Das finde ich sehr positiv. Die Erfahrung von Claus-Dieter Wollitz ist in dieser Situation von Vorteil. Schon vergangene Saison hat sich der VfL ja in letzter Sekunde gerettet. Ich denke, es wird Osnabrück auch in dieser Saison gelingen. Deshalb denke ich, die Mannschaft, die in die Relegation muss, wird eine andere sein. Da wird es noch eine Überraschung geben. Gerade am Ende der Saison ist alles möglich. Da wird die Taktik aufgegeben. Da geht es nur noch um hopp oder topp. Da legen die Teams mehr Risikofreudigkeit an den Tag und deshalb sind auch mehr Überraschungen möglich. Es zählen halt nur noch Siege.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz