Arminia Bielefeld begab sich im Anschluss an die vergangene Saison auf Trainersuche. Dabei wurden zwischenzeitlich durchaus prominente Namen gehandelt. Den Job aber bekam mit Thomas Gerstner letztlich ein - zumindest für die breite Fan-Masse - "No-Name".

Nach den Stationen FC Carl Zeiss Jena, SV Straelen, FC Schönberg 95 und als Co-Trainer bei SK Sturm Graz in Österreich steht Gerstner als Coach der Ostwestfahlen nun erstmals so richtig im Rampenlicht.

Im bundesliga.de-Interview beschreibt der 42-Jährige seine ersten Eindrücke von Verein und Mannschaft, beschreibt seine Spiel-Philosophie und formuliert selbstbewusst den Aufstieg als Saisonziel.

bundesliga.de: Herr Gerstner, Sie sind jetzt gut eine Woche bei Arminia Bielefeld als Trainer im Amt. Wie sind Ihre ersten Eindrücke vom Club?

Thomas Gerstner: Im Club sieht es bei weitem nicht so schlimm aus, wie es nach außen hin dargestellt wurde. Es läuft alles in geregelten Bahnen ab. Der Fokus ist klar auf das Sportliche und die Kaderplanung fokussiert. Das ist das Wichtigste, weil davon der Verein lebt und das die Zuschauer am meisten interessiert.

bundesliga.de: Und wie ist Ihr Eindruck von der Mannschaft?

Gerstner: Mit dem aktuellen Gesicht der Mannschaft bin ich schon sehr zufrieden, das Team ist Gott sei Dank nicht auseinander gefallen. Für die Jungs ist es sicherlich eine Umstellung, weil sie Trainingsformen und -übungen machen, die sie anscheinend noch nie gemacht haben. Aber die Zusammenarbeit funktioniert gut, und die Jungs ziehen gut mit.

bundesliga.de: Was genau machen Sie denn anders als Ihre Vorgänger auf der Alm?

Gerstner: Ich weiß nicht, was ich anders mache. Ich weiß nur, was ich mache. Wir legen sehr viel Wert auf Stabilisation, Koordination, Passspiel, Passtechnik und Ballsicherheit. In all diesen Bereichen gibt es gewisse Grundregeln. Beispielsweise wollen wir nur flache, einfache und klare Bälle sehen, kein Pass wird irgendwie irgendwo hingespielt. Das ist das beste Mittel, um schnellen Kombinationsfußball zu spielen.

bundesliga.de: In der deutschen Trainerlandschaft sind Sie noch nicht so prominent. Dürfen sich die Bielefelder Fans auf eine offensive Ausrichtung freuen?

Gerstner: Angefangen hat natürlich jeder mal irgendwo. Auch ich habe mal klein angefangen und bin jetzt ein bisschen größer. Ich glaube, dass der moderne Fußball heutzutage mit wenigen Kontakten gespielt wird, dafür mit vielen Automatismen in Bezug auf Laufwege und mit einer hohen Risikobereitschaft im Spiel nach vorne - ohne die Defensive zu vernachlässigen. Der schnelle Kombinationsfußball wird einerseits von den Fans gewünscht und kann andererseits sehr erfolgreich sein.

bundesliga.de: Mit Michael Delura, Kasper Risgard, Arne Feick und Nils Fischer stehen vier Neuzugänge fest, sechs Spieler wurden bisher abgegeben. Ist Ihre Kaderplanung schon abgeschlossen oder suchen Sie noch Verstärkungen?

Gerstner: Wir haben derzeit einen Stürmer zur Probe und werden uns weiter auf dem Markt umschauen. Außerdem gibt es Anfragen für einen Spieler. Insofern muss man immer damit rechnen, dass sich der Kader noch auf ein oder zwei Positionen verändert. Es könnte aber auch sein, dass es keine Wechsel mehr gibt. Insgesamt ist die Mannschaft ja nicht auseinandergebrochen, sondern das Gros zusammengeblieben.

bundesliga.de: Haben sich einige Spieler in den ersten Einheiten schon als Schlüsselspieler herauskristallisiert?

Gerstner: Wen ich als Führungsspieler sehe, teile ich den Profis persönlich mit. Grundsätzlich hat sich in dieser Hinsicht aber noch nicht so viel getan. Die Jungs absolvieren ihr straffes Trainingsprogramm und konzentrieren sich sehr darauf. Aufgrund der Müdigkeit nach den Einheiten leidet die Kommunikation mit dem Trainer da noch ein bisschen. Aber wir werden uns die Zeit auf jeden Fall nehmen. Natürlich erkenne ich auf dem Platz schon erste Tendenzen in punkto Hierarchie, aber das ist mir nach einer Woche alles noch ein bisschen vage.

bundesliga.de: Sie haben bei Ihrer Vorstellung allerdings schon von konkreten Zielen gesprochen, nämlich dass 'ein Absteiger aus der Bundesliga nur ein Ziel haben kann'. Andererseits erwarte man nichts von Ihnen, so dass es eine einfache Aufgabe sei. Empfinden Sie das Ziel Wiederaufstieg jetzt als Druck oder nicht?

Gerstner: Nein, das ist kein Druck. Ich habe einen tollen Beruf und freue mich jeden Morgen, dass meine Familie und ich gesund sind. Die Aussage "Niemand erwartet etwas von mir" war darauf bezogen, dass die Leute mich als neuen Trainer noch nicht kennen und nicht richtig einzuschätzen wissen. Wir kommunizieren natürlich auf allen Ebenen miteinander, aber letztlich sind es noch leere Inhalte. Entscheidend ist die Leistung auf dem Platz. Die Mannschaft muss körperlich und geistig fit sein, Automatismen müssen funktionieren. Allein darüber mache ich mir aktuell Gedanken. Diese Dinge sollen nach außen hin auch Begeisterung hervorrufen, wir wollen Spaß und Freude am Fußball vermitteln. Wenn dann der eine oder andere meint, das ist die Handschrift des Trainer, ist das umso schöner.

bundesliga.de: Wen sehen Sie denn als härteste Konkurrenten im Aufstiegskampf?

Gerstner: Es gibt keinen Ausreißer, der auf dem Transfermarkt volles Rohr aufrüstet. Aber es gibt natürlich ein paar Traditionsclubs, die zum Favoritenkreis dazugehören wie Duisburg, Kaiserslautern, Aachen, St. Pauli sowie auch die drei Absteiger Cottbus, Karlsruhe und wir; dazu noch mindestens eine Überraschungsmannschaft wie vielleicht Rostock oder Düsseldorf mit dem Potenzial von Stadt und Arena im Hintergrund. Ich rechne mit acht oder neun Mannschaften, die oben dabei sein werden. Ein heißer Kampf und Spannung sind also garantiert.

bundesliga.de: Sie haben mit Detlev Dammeier, dem Geschäftsführer Sport, beim VfL Wolfsburg zusammen gespielt. Haben Sie über die Zeit immer Kontakt gehalten?

Gerstner: Unsere Telefonnummern hatten wir eigentlich immer und wir haben den lockeren Kontakt gepflegt. Wir haben uns immer mal wieder getroffen oder aber auch am Telefon über Spieler gesprochen - ganz normale Dinge in diesem Geschäft.

bundesliga.de: Wie genau kam dann kürzlich der Kontakt zwischen Ihnen und der Arminia zustande?

Gerstner: Er hat mich einfach angerufen. Daraufhin bin ich nach Bielefeld geflogen und habe ihn in den Gesprächen offensichtlich überzeugt. Denn der Verein hat sich ja für mich entschieden.

bundesliga.de: War das Bielefelder Angebot auch insofern besonders reizvoll für Sie, weil Sie hier 1985 Ihre Profikarriere begonnen haben?

Gerstner: Gereizt hätte mich wahrscheinlich jedes Angebot als Cheftrainer in der 2. Bundesliga. Als Co-Trainer in Österreich - ich war zuletzt bei Sturm Graz - bekommt man solche Angebote nicht allzu oft. Aber es hat mich jetzt gleich dreifach gefreut, weil ich bei dem Verein eben selbst gespielt habe, weil es ein Traditionsclub ist und weil ich nach wie vor einige Kontakte hier in der Stadt habe. Aber auch bei der Arminia ist mit Mannschaftsarzt Dr. Neuendorf immer noch ein vertrautes Gesicht von damals. Es ist schön und wichtig, dass ich ab und zu mal mit alten Bekannten - wie man hier sagt - schnacken kann.

Das Gespräch führte Tim Tonner