Hamburg - Stolz begab sich Lennart Thy mit dem Spielball unter dem Arm auf den Interview-Marathon nach dem 4:0 des FC St. Pauli über Fortuna Düsseldorf. Mit vier Treffern hatte der Ex-Bremer die Gäste ganz alleine abgeschossen und sich damit in die Geschichtsbücher des Kiez-Klubs eingtragen. Das letzte Mal hatte Morad Bounoua viermal in einem Spiel getroffen - in der Regionalliga Nord beim 4:0 über die Amateuere des 1. FC Köln am 24. Oktober 2003.

"Thy amo" stimmten die St.-Pauli-Fans nach dem Tor-FesThyval im Millerntorstadion an. "Ein schöner Moment", war der 23-Jährige gerührt. Zuvor hatte Thy in 13 Zweitliga-Einsätzen der Saison gerade mal ein mageres Tor erzielt, beim 1:0-Erfolg bei RB Leipzig, den die Hamburger mit dem 4:0 über die Fortuna vom direkten Aufstiegsrang zwei verdrängten.

Lag's an der Hose? Im Abschlusstraining hatte Athletiktrainer Janosch Emonts bemängelt, der Ex-Werder-Profi würde seine Hose zu tief tragen. Das stellte der 23-Jährige ab. Manchmal führen Kleinigkeiten zum Erfolg.

"Jeder war heiß"

bundesliga.de: Herr Thy, 4:0 gegen Düsseldorf. Woran lag es?

Lennart Thy: Wir hatten schon vor dem Spiel ein gutes Gefühl. Jeder war heiß. Das Meiste ergibt sich aber natürlich im Spiel. Wir sind von Anfang an vorne draufgegangen und haben Gas gegeben. Die gelungenen Aktionen geben das nötige Selbstvertrauen. Es ging heute von Anfang an gut los. Wir haben einen enormen Willen entwickelt.

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bundesliga.de: Was für ein Abend für Sie. Vier Tore. Ihr bestes Spiel bisher für den FC St. Pauli?

Thy: Ja. Natürlich wünscht man sich als Stürmer immer Tore. Dass es heute viermal geklappt hat, ist sensationell und spiegelt die Arbeit der gesamten Mannschaft wider. Es war ein verdienter Sieg.

bundesliga.de: Haben Sie schon mal vier Tore in einem Spiel gemacht?

Thy: Ja, aber das ist lange her. Irgendwann in der Jugend.

"Es war ein schöner Moment"

bundesliga.de: Nach so einem Spiel kann man ja nicht viel bekritteln. Aber sieben Minuten nach Ihrem 2:0 waren Sie allein vor Michael Rensing und bekamen den Ball nicht rein. Damit haben Sie einen lupenreinen Hattrick (drei Toren in Folge in einer Halbzeit; die Red.) verpasst...

Thy: In dem Moment hat es mich schon geärgert, auch wenn es heute ja nicht so ausschlaggebend war. Das war eine 100prozentige Torchance.

bundesliga.de: Die Fans haben nach dem Spiel "Thy amo" gesungen. Haben Sie das mitbekommen?

Thy: Ich musste darauf hingewiesen werden. Das war ein schöner Moment. So etwas ehrt einen natürlich.

bundesliga.de: Von St.-Pauli-Seite heißt es immer: "Wir denken von Spiel zu Spiel". Nun ist die Mannschaft nach 14 Spieltagen Zweiter, vier Punkte vor Rang vier, und die Konkurrenz spielt im Sinne von St. Pauli. Muss man da nicht langsam neue Ziele formulieren?

Thy: Vier Punkte ist doch trotzdem noch eng. Wir sind bisher ganz gut damit gefahren, von Spiel zu Spiel zu denken. Und von dem Weg weichen wir nicht ab. Man darf ja nicht übersehen, dass wir heute endlich mal ein Spiel ohne Zittern gewonnen haben und etwas fürs Torverhältnis tun konnten.

"Haben einiges gemeinsam durchgemacht"

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bundesliga.de: Wie groß ist der Anteil der Schlussphase der vergangenen Saison mit der Rettung am letzten Spieltag am aktuellen Höhenflug?

Thy: Der Kern der Mannschaft ist ja derselbe geblieben. Wir haben einiges gemeinsam durchgemacht. Die Chemie der Mannschaft ist super. Das sieht man auch auf dem Platz. Da ist einer für den anderen da. Von daher hat die Schlussphase der vergangenen Saison großen Anteil. Da haben wir dem Druck standgehalten und viel Selbstvertrauen getankt.

bundesliga.de: Der Athletik-Trainer (Janosch Emonts) hat erzählt, er habe da "einen kleine Trick" angewandt. Können Sie das kurz erklären?

Thy (lacht): Verräter! Ich hatte meine Hose immer so tief unten hängen. Darauf hat er mich im Abschlusstraining hingewiesen. Daher habe ich die Hose diesmal ein bisschen höher gezogen. Seine Theorie ist, dass ich dadurch einen besseren Laufstil habe und mehr Kraft entwickeln kann.

"War nicht immer einfach"

bundesliga.de: Nur 15 Tore in den erste 13 Spielen, kein Team unter den Top sieben hat weniger getroffen. Für die Winterpause wurde schon mit dem Kauf eines weiteren Stürmers diskutiert. Hat sich das Thema jetzt erledigt?

Thy: Ich hatte bis zum heutigen Spiel nur einmal getroffen. Da ist klar, dass Kritiker kommen. Aber ich habe an mich geglaubt. Es war nicht immer einfach, weil man nicht immer die Bälle optimal bekommen hat. Aber ich denke, heute war es ein perfektes Spiel dafür. Ich wurde viel bedient, das Auge für den Mitspieler war da. Das hat den Ausschlag gegeben.

bundesliga.de: Sie haben sich den Spielball gegriffen. Was machen Sie mit dem Ball?

Thy: Den nehm' ich jetzt erstmal mit nach Hause.

bundesliga.de: Und da bekommt er einen Ehrenplatz?

Thy: Das weiß ich noch nicht. Vielleicht spiel' ich auch nur ein bisschen im Wohnzimmer.

bundesliga.de: Ihr Kollege Marc Rzatkowski sagte eben, Sie würden nun einen ausgeben...

Thy: Das wird wohl darauf hinauslaufen.

Aus Hamburg berichtet Jürgen Blöhs