München - 1990 schaffte Hertha BSC den Wiederaufstieg in Deutschlands Eliteliga - auch weil ab der Winterpause der Aufstiegssaison Axel Kruse für die Berliner stürmte. Mit sieben Toren in zwölf Spielen war der Angreifer einer der Aufstiegshelden.

Im Interview mit bundesliga.de äußert sich Kruse über den aktuellen Saisonverlauf der Hertha, die Partie in Ingolstadt und blickt schon auf die nächste Bundesligasaison voraus. Der ehemalige Stürmer hat besonders an einem seiner Nachfolger im BSC-Trikot einen Narren gefressen.

bundesliga.de: Herr Kruse, Hertha BSC hat acht Punkte Vorsprung auf Rang 4 und steht kurz vor dem direkten Wiederaufstieg. Wie bewerten Sie den bisherigen Saisonverlauf?

Axel Kruse: Es war nicht einfach. Es war von vornherein klar, dass Hertha die gejagte Mannschaft sein wird. Alle Teams sind gegen die Hertha immer besonders motiviert. Dennoch haben die Jungs das bisher sehr ordentlich gemacht. Es gab eine Schwächephase zum Ende der Hinrunde, aber das hat man dann auch weggesteckt. Im Moment sieht alles sehr, sehr ordentlich aus.

bundesliga.de: Das späte 1:1 in Ingolstadt vor der Länderspielpause war ein kleiner Dämpfer. Wieso lief es nicht optimal beim Abstiegskandidaten?

Kruse: Ein Sieg wäre auch nicht verdient gewesen. Man muss ganz klar sagen, dass Ingolstadt sehr gut gespielt hat. Es hat in diesem Spiel insgesamt nicht so gepasst, die Ballsicherheit war nicht so richtig da. Man hat sich auch ein bisschen den Schneid abkaufen lassen von den Ingolstädtern, die außerdem in der Tabelle schlechter da stehen, als sie es eigentlich sind. Seitdem Benno Möhlmann die Mannschaft übernommen hat, haben sie einen richtig guten Lauf, in der Rückrundentabelle stehen sie auf Platz 6. So ein Unentschieden muss man dann auch mal hinnehmen und sich über den Punkt freuen, wenn man die Ergebnisse der anderen Vereine sieht, zum Beispiel Aue und Fürth, die sich gegenseitig die Zähler wegnehmen. Von daher war es sogar ein wichtiger Punkt.

bundesliga.de: Muss die Hertha bis zum letzten Spiel gegen Augsburg zittern?

Kruse: Ich hoffe, dass der Aufstieg vorher schon feststeht. Wenn es dann wirklich so kommt, ist es mir auch Recht, wenn es erst am letzten Spieltag entschieden wird. Um meine Nerven zu beruhigen, wäre es natürlich schön, wenn es vorher schon klar wäre.

bundesliga.de: Augsburg, Bochum, Aue und Fürth sind im Moment die ärgsten Verfolger. Wen schätzen Sie als stärksten Konkurrenten ein und warum?

Kruse: Ich gehe davon aus, dass Aue und Fürth nicht mehr herankommen. Das sind acht Punkte, das ist zu viel. Den Relegationsplatz hat Hertha schon sicher. Augsburg wird wahrscheinlich direkt aufsteigen, aber Rang 2 genügt ja dazu auch. Die Bochumer werden der entscheidende Konkurrent um Platz 2 werden. Daher muss man jetzt extrem auf Bochum schauen.

bundesliga.de: Halten Sie es überhaupt noch für möglich, dass es am Ende doch nicht reichen könnte? Und wenn ja, was würde das bedeuten?

Kruse: Ich gehe davon aus, dass Hertha in diesem Jahr aufsteigt. Ich habe auch überhaupt keine Lust, mir noch darüber Gedanken zu machen, was wäre, wenn. Wenn alles normal läuft, steigt Hertha auf - und dann sind alle anderen Überlegungen sowieso Makulatur.

bundesliga.de: Raffael gilt bei vielen Experten als bester Spieler der 2. Bundesliga. Wie wichtig ist er für das Team?

Kruse: Ich bin eher ein Gegner davon, einzelne Spieler über andere zu stellen. Für mich ist Raffael ein sehr, sehr wichtiger und guter Spieler. Man hat aber auch in dieser Saison wieder gesehen, dass der Teamgedanke letztendlich im Vordergrund steht. Alle müssen ihren Beitrag leisten. Raffael oder auch Adrian Ramos sind aber Spieler, die letztlich den Unterschied ausmachen.

bundesliga.de: Einer Ihrer Nachfolger im Hertha-Sturm und die größte Überraschung in der Rückrunde ist Pierre-Michel Lasogga (neun Saisontore). Was macht ihn aus?

Kruse: Mit seinen 19 Jahren hat er bisher eine Top-Saison gespielt. Was mir bei dem Jungen absolut gefällt, ist das Herz, die Leidenschaft. Auch, wenn er vielleicht mal kein Tor schießt: Er arbeitet unheimlich viel für die Mannschaft, ist immer "torgeil", auf gut Deutsch gesagt.

bundesliga.de: Kann er auch den Durchbruch in der Bundesliga schaffen?

Kruse: Er hat gute Voraussetzungen, sich auch in der ersten Bundesliga durchzusetzen. Das wird natürlich schwieriger. Aber wenn ich sein Herz sehe, freue ich mich immer, dass es noch solche Spieler gibt. Solche Typen können auch technische Defizite kompensieren, indem sie unheimlich viel Leidenschaft einbringen.

bundesliga.de: Muss Hertha für die Bundesliga personell noch nachlegen, oder ist der Kader schon stark genug für die Bundesliga?

Kruse: Sicherlich wird man sich auf der einen oder anderen Position punktuell verstärken, aber insgesamt halte ich den Kader für bundesligatauglich. Es gibt genügend Mannschaften in der Bundesliga, die keinen besseren Kader haben. Deswegen sehe ich da keine großen Probleme. Außerdem kennt man ja die finanzielle Situation. Es wird also nicht viel Geld geben, noch echte Stars zu holen. Ich glaube auch nicht, dass das jemand will. Den Jungs, die den Aufstieg dann geschafft haben, sollte man auch die Gelegenheit geben, in der Bundesliga zu spielen.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann