Hamburg - Beim FC St. Pauli ist Holger Stanislawski bis heute Kult. Und auch ein Jahr nach seinem Ausscheiden aus dem Profifußball als Trainer beim 1. FC Köln kennt sich der Ex-Profi und Trainer noch gut in der 2. Bundesliga und bei "seinem" Club aus.

Im zweiten Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht Stanislawski über die 2. Bundesliga, und über die brenzlige Situation bei seinem Heimatverein FC St. Pauli.

bundesliga.de: Aktuell stehen unter den ersten Sieben der Tabelle in der 2. Bundesliga mit dem SV Darmstadt 98, 1. FC Heidenheim und RB Leipzig alle drei Aufsteiger - nur eine Momentaufnahme oder klarer Trend?

Stanislawski: Selbst wenn wir Leipzig ein wenig außen vorlassen, das eine herausragende gute Mannschaft hat, so zeigt sich hier doch vor allem eins: Alle drei Clubs weisen gewachsene Strukturen auf den verschiedensten Positionen auf, was Manager, Sportdirektoren und Trainer betrifft. Hier ist alles miteinander gewachsen, so dass eine gewisse Nachhaltigkeit gegeben ist. Dieses Fundament und diese eingespielten Mechanismen zahlen sich jetzt aus. Und der eine oder andere Club kann sich durchaus etwas abgucken.

"Ingolstadt steht zu Recht oben"

bundesliga.de: Ingolstadt führt die Tabelle mit vier Punkten Vorsprung an; damit war nicht unbedingt zu rechnen...

Stanislawski: Ob man die Tabellenführung für den FC Ingolstadt hätte voraussehen können, lasse ich einmal offen. Dass Ingolstadt mit den Möglichkeiten, die der Club hat, und nicht zuletzt durch die Arbeit von Ralph Hasenhüttl, der seine Handschrift erkennbar hinterlassen hat, sich aber positiv entwickeln würde, stand schon länger außer Frage. Die Mannschaft spielt eine richtig, richtig gute Saison und steht zu Recht dort oben, weil sie kaum einen Leistungsabfall zeigt. Und auch hier ist einiges gewachsen. Bei Ingolstadt zeigt sich, was mit ruhiger, kontinuierlicher Arbeit möglich ist.

bundesliga.de: Überrascht Sie, dass zwischen Platz zwei, Darmstadt, und Platz neun, Fürth, gerade einmal sechs Punkte liegen, und dass sich die vermeintlichen Aufstiegskandidaten sehr schwer tun?

Stanislawski: Keine Frage, wir haben es mit einer sehr ausgeglichenen Liga zu tun, wahrscheinlich der ausgeglichensten 2. Bundesliga seit langer Zeit. Gestandene Teams, die in aller Regel eher in den Niederungen der Tabelle gehandelt werden, wie Aue, Aalen, Sandhausen oder Frankfurt, wissen mit dieser Situation recht gut umzugehen. Und die vermeintlichen Top-Clubs müssen lernen, dass man allein für einen guten Namen kaum drei Punkte bekommt. Man spürt, dass Clubs, die oben waren und wieder absteigen mussten, ihre Zeit brauchen, um sich an diese Liga zu gewöhnen.

bundesliga.de: Im Tabellenkeller befinden sich mit dem 1. FC Nürnberg und 1860 München nicht nur zwei Traditionsclubs, sondern auch zwei selbsternannte Aufstiegskandidaten; waren die Erwartungen hier wie dort zu groß?

Stanislawski: Eine gewisse Erwartungshaltung müssen solche Clubs aufzeigen. In München hat man eigentlich jedes Jahr die Erwartungshaltung, dass man ein Stück weit oben mitspielen möchte. Da wird dann an der Mannschaftsstruktur immer wieder gedreht, so dass man nie wirklich zur Ruhe kommt. Bei Nürnberg ist es noch einmal etwas anderes. Wenn man als 1. FC Nürnberg absteigt, muss man als Ziel den direkten Wiederaufstieg ausgeben. Noch halte ich das auch für möglich. Allerdings braucht der "Club" dafür eine Serie. Entscheidend ist, dass man versteht, dass eine Saison in der 2. Bundesliga kein Hundertmeterlauf, sondern ein Marathon ist, den man mit aller Ruhe und mit viel Sachlichkeit angehen muss.

"Abstieg wäre fatal für St. Pauli"

bundesliga.de: Die rote Laterne hat ausgerechnet St. Pauli inne; ist das für Sie eine böse Überraschung, oder kam dieser Absturz mit Ansage?

Stanislawski: Keine Frage, nach 18 Jahren Zugehörigkeit zu diesem Club schaut man immer mit mindestens anderthalb Augen auf St. Pauli. Es ist sicherlich so, dass in der jüngeren  Vergangenheit manche Dinge nicht so angefasst worden sind, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre. Hier muss man konsequent gegensteuern, denn ein Abstieg wäre fatal für Pauli. Die 3. Liga ist ein sehr, sehr unangenehmes Pflaster. Sich dort wieder heraus zu kämpfen kann durchaus länger als nur ein Jahr dauern. Noch gibt es genügend Spiele, aber man muss jetzt schauen, dass man allmählich auch Zählbares einfährt.

bundesliga.de: "Dinge sind nicht so angefasst worden, wie es vielleicht notwendig gewesen wäre" – Können bzw. wollen Sie dazu etwas mehr sagen?

Stanislawski: Nein. Selbstverständlich habe ich mein Bild von der aktuellen Situation, aber ich halte es nicht für angebracht, jetzt in der Öffentlichkeit den besonders Schlauen zu geben. Fakt ist, dass bei Pauli ein extremer Umbruch eingeleitet wurde, ob nun gewollt oder ungewollt. Aber wenn man merkt, dass am Kader gearbeitet werden muss, bleibt es doch wichtig, dass man eine gewisse Basis nicht ganz aufgibt. Darmstadt oder Heidenheim habe ich als positive Beispiele für gewachsene Strukturen schon genannt.

"Wenn man meine Hilfe benötigt, bin ich da"

bundesliga.de: Vor etwa fünf Wochen haben Sie in einem Interview gesagt: "Wenn es bei St. Pauli brennt, bin ich da"; mittlerweile brennt es lichterloh...

Stanislawski: Dass mir dieser Club sehr am Herzen liegt, steht außer Frage. Wie man die Lage aber einschätzt, ob es lichterloh brennt oder nicht, das zu bewerten, sollte dem Präsidium vorbehalten bleiben. Wenn man Hilfe benötigt, auf welche Weise auch immer, bin ich da! Und sei es, dass ich mir eine Karte kaufe und ins Stadion gehe, um den Club finanziell zu unterstützen. Und wenn der Blick von außen gewünscht wird, der bisweilen ganz hilfreich sein kann, stehe ich jederzeit zur Verfügung. Aber ich bin nicht derjenige, der jetzt den Finger in die Wunde legt - und diese Wunde ist da – und öffentlich erklärt, was meiner Meinung nach vielleicht falsch läuft und was nicht.

bundesliga.de: Stehen Sie in der Zukunft möglicherweise dem Fußball wieder zur Verfügung, und gab es zuletzt Angebote?

Stanislawski: Es gibt einige Anfragen, sei es für einen Trainerjob oder auch bezüglich einer Arbeit als Experte für verschiedene Medien. Zudem sind meine beiden Mitinhaber-Kollegen beim Supermarkt ehemalige HSVer, so dass wir aktuell ohnehin sehr viel über Fußball sprechen. Angesichts von Platz 17 für den Hamburger SV und Platz 18 für Sankt Pauli ist es in Sachen Fußball zurzeit nicht gerade lustig in Hamburg. Mit dem Supermarkt baue ich mir gemeinsam mit meinen Kollegen ein zweites Standbein auf. Bei 120 Mitarbeitern und einer Fläche von fast 8000 m², die bewirtschaftet werden muss, ist das eine sehr anspruchsvolle Aufgabe. Die Verbindung zum Fußball wird aber nie abreißen. Ich habe mein Leben lang Fußball gelebt und tue es heute noch. Und wenn eines Tages das richtige Angebot kommt, d. h. wenn es eine Vision gibt und sich die Vorstellungen des Vereins mit meinen decken, kann es durchaus sein, dass ich noch einmal im Fußballgeschäft auftauche. Im Moment stellt sich diese Frage aber nicht.

Das Interview führte Andreas Kötter

Im ersten Teil des Interviews erfahren Sie, was Stanislawski über die Entwicklung seiner Ex-Clubs Hoffenheim und Köln und die Situation beim BVB denkt.