München - Drastische Wortwahl und lautstarke Schimpftiraden, dafür wurde der ehemalige "Löwen"-Trainer Werner Lorant gleichermaßen geliebt und gefürchtet. Nun stellen Sie sich vor, sie sind neun Jahre alt und die launische Trainerikone jagt sie barsch vom Sportplatz. Wie würden Sie reagieren? Schnell das Weite suchen? Nie mehr in die Nähe gehen?

Die Reaktion von Moritz Leitner sah gänzlich anders aus: Als er noch in der U 9 des TSV 1860 München spielte, lief er einmal versehentlich während des Trainings auf den Platz der Profis und begegnete dem damaligen "Löwen"-Trainer, wie er kürzlich der "Abendzeitung" verriet. Mutig stellte er sich vor: "Hallo, ich bin der Moritz. Ich spiele auch bei Sechzig." Lorant drehte sich um, schaute grimmig und machte dem nassforschen Buben klar, dass ihm das völlig egal sei. "Schleich dich, ich muss jetzt trainieren", soll er gebrüllt haben.

Keine Angst vor gestandenen Profis

Leitner beeindruckte das damals wenig. Im Gegenteil: Unbeirrt startete er so richtig durch. Mit gerade einmal 17 Jahren gilt er heute als großer Hoffnungsträger bei den "Löwen". Zur Vorbereitung auf die Saison 2010/11 wurde Leitner von Trainer Reiner Maurer von der A-Jugend zu den Profis geholt und absolvierte alle Einheiten. Dabei kam er auch in mehreren Testspielen zum Einsatz. In der 1. Runde des DFB-Pokals gab Leitner dann sein Pflichtspieldebüt für die Münchner, als er gegen den SC Verl eingewechselt wurde. Am 1. Spieltag stand er gegen den VfL Bochum von Beginn an auf dem Platz.

Und zeigte erneut, dass er keine Angst vor den Etablierten hat: Mit den Worten "Hey, ich hab´ 300 Profispiele" soll sich VfL-Kapitän Christoph Dabrowski beim "Junglöwen" für dessen respektlose Spielweise beschwert haben. Seine Antwort? Er spielte Dabrowski bei der nächsten Gelegenheit gleich wieder aus.

Verantwortliche und Mitspieler bei den "Löwen" sind überzeugt, dass der Mittelfeldspieler eine große Zukunft vor sich hat. "Ein brutal guter Techniker", schwärmte beispielsweise Co-Trainer Alexander Schmidt gegenüber der "tz" und sprach von einer Spielintelligenz, die er selten gesehen habe. Und Sportdirektor Miroslav Stevic sagte: "Moritz ist nicht einfach, aber diese Frechheit gehört auch dazu, um gut Fußball zu spielen."

Zwei Staatsbürgerschaften

Auch Maurer hält viel von der Spielweise Leitners, die frischen Wind ins Spiel bringt und den Gegner unter Druck setzt. Gleichzeitig sagte er gegenüber der "Abendzeitung", dass sein Schützling noch längst nicht da sei, wo viele ihn schon sehen würden: "Er hat einen sehr guten Bewegungsablauf, schaltet sich schnell ein im Spiel nach vorne. Aber er dirigiert noch nicht." Mit erst 17 Jahren ein wohl zu verschmerzender Kritikpunkt.

Leitner kam bereits 1998 vom Münchner Vorortclub FC Unterföhring an die Grünwalder Straße, wo er die komplette Jugendabteilung durchlief. Nachdem er sich einen Stammplatz im Profikader erkämpft hat, steht ihm jetzt auch eine Karriere in den deutschen Auswahlmannschaften bevor.

Leitners Mutter stammt aus der Steiermark, sein Vater ist Deutscher. Bisher besaß er daher nur die österreichische Staatsbürgerschaft und absolvierte bereits ein Spiel für die U 17 der Alpenrepublik. Anfang September erhielt er die "Urkunde über den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft". Somit kann er auch für den DFB spielen. "Es ist keine Entscheidung gegen Österreich, sondern für Deutschland", erklärte er.

Debüt für Deutschland steht bevor

Sein Berater Berthold Nickl sagte danach zu "Bild": "Das war eine der schnellsten Einbürgerungen in der Geschichte Münchens. Normal dauert das vier bis sechs Wochen. Bei Moritz waren es nur drei Tage.

Noch schneller ging es mit der Nominierung für die deutsche U 19. Trainer Ralf Minge plante schon länger mit Leitner und erklärte der "Bild" kurz nach der Einbürgerung: "Leitner ist ein hochtalentierter Junge, deshalb habe ich auch auf das Thema Einbürgerung forciert. Er wird in den Kader unserer U 19 berufen. Fraglich ist nur das Datum, da wegen seines Länderspiels für Österreich noch ein paar Formalien zu erfüllen sind."

Das war am 2. September. Einen Tag später verkündeten die "Sechzger" bereits auf ihrer Homepage, dass Minge den Spieler nachnominiert hat. Am Montag (6. September) könnte er in Krefeld gegen Dänemark auf dem Platz stehen. Und im Oktober steht schon die 1. Qualifikationsrunde für die Europameisterschaft 2011 auf dem Plan.

Profivertrag zum Geburtstag?

Auch in München wollen die Verantwortlichen die Zukunft mit ihrem großen Talent planen. Noch hat Leitner einen bis Juni 2011 datierten A-Jugend-Vertrag, laut "tz" soll er am 8. Dezember - seinem 18. Geburtstag - einen Profivertrag unterschreiben. "Die Gespräche mit Leitners Berater laufen bereits", verriet Stevic der Zeitung.

Als Lorant den Jungen damals vom Platz schickte, sagte er übrigens, dass Leitner sich in zehn Jahren nochmal melden solle. "Und genauso ist es ja nun gekommen", sagt der Youngster: "Ich bin da, nur der Werner Lorant nicht mehr."

Isabell Groß