Köln - Der FC St. Pauli kultiviert seit vielen Jahren das Image, der etwas andere Zweitligist zu sein. Rund um das Millerntor ticken die Uhren auch tatsächlich anders als bei der Konkurrenz. Aber eine so extreme Saison wie die gerade abgelaufene hat selbst dieser Club wohl noch nicht erlebt. Die Konsequenz: Die handelnden Personen bleiben dem Kiez-Club erhalten, allerdings in veränderten Aufgabenbereichen.

Blicken wir ein Jahr zurück. Der FC St. Pauli war in der Spielzeit 2015/16 Vierter geworden, die Experten hatten den Hamburger Stadtteilverein durchaus auf der Rechnung, wenn sie nach den Aufstiegsaspiranten in dieser Saison gefragt wurden. Stellvertretend für viele andere meinte Peter Neururer im großen Interview mit bundesliga.de zum Saisonstart der 2. Bundesliga: "Ewald Lienen hat mit St. Pauli einen riesengroßen Schritt gemacht, auch die Paulianer können sich oben etablieren."

Festhalten an Lienen wurde belohnt

Es kam ganz anders. In der Hinrunde lief bei den Kiezkickern nicht viel zusammen. Nur zwei Siege gelangen im ersten Halbjahr, nur elf Punkte holte die Mannschaft. Als Tabellenletzter ging es in die Rückrunde. Doch anders als bei allen damaligen Konkurrenten im Abstiegskampf wurde beim FC St. Pauli der Trainer nicht entlassen.

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"Dass die Entscheidung vollkommen richtig war, zeigt allein schon die Rückrunde", meinte St. Paulis Mittelfeldspieler Christopher Buchtmann im April im Interview mit bundesliga.de. "Ich finde es gut, dass der Verein sich nicht vom Tabellenplatz beirren ließ und die Ruhe bewahrt hat. Das zahlt sich jetzt aus. Die Mannschaft hat den Turnaround geschafft. Und dass unser Trainer zum Verein passt, liegt auf der Hand. Er lebt und vertritt unsere Werte wie kaum ein anderer."

Trendwende im Wintertrainingslager

Wie Ewald Lienen mit dem FC St. Pauli die Kurve noch bekam, war schon stark. Aus der schlechtesten Truppe der Vorrunde wurde die drittbeste der Rückserie. 34 Punkte holten die Hamburger im Jahr 2017, in den letzten acht Partien ohne Niederlage fuhr die Mannschaft 20 Punkte ein. Die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte reichte am Ende im Gesamtklassement für Platz 7.

Seit dem Wintertrainingslager spürte Ewald Lienen, dass sich das Blatt wieder zugunsten seines Teams drehen würde. "Da waren ein unglaublicher Zusammenhalt, Freude und Spaß", meinte der Coach kürzlich in einem Interview mit "Bild am Sonntag". "Wir haben immer gesagt, dass wir es nur über die Kabine schaffen können. Wir haben alle Register gezogen. Das hat funktioniert, die Mannschaft hat das aufgesaugt."

Stabile Defensive war Schlüssel zum Erfolg

Der Schlüssel zum Erfolg war die Stabilisierung der Defensive, die ab dem 15. Spieltag in 20 Partien nur noch zwölf Gegentore zuließ. Neunmal stand die Null. Das war an den ersten 14 Runden kein einziges Mal gelungen. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor war Aziz Bouhaddouz, der viertbeste Torjäger der 2. Bundesliga. Der Stürmer erzielte 15 Treffer, zehn davon im zweiten Halbjahr.

So wurde aus dem Abstiegskandidaten Nummer eins zur Winterpause eine Mannschaft, die im Jahr 2017 besser abschnitt als die Topteams Eintracht Braunschweig oder Union Berlin. Am 32. Spieltag brachte die Lienen-Elf den Klassenerhalt unter Dach und Fach. Seitdem laufen die Planungen für die kommende Saison, in der viel weniger gezittert werden soll, auf Hochtouren.

Olaf Janßen übernimmt Trainerposten

Vier Tage nach dem letzten Punktspiel gab der FC St. Pauli bekannt, dass Ewald Lienen seinen Trainerposten an den bisherigen Co-Trainer Olaf Janßen abgibt und neuer Technischer Direktor des Vereins wird. "Ich habe bereits im Dezember 2014 bei den ersten Gesprächen mit dem Vorstand über eine Aufgabe mit der Zielsetzung, den Klub weiterzuentwickeln, gesprochen", berichtet Ewald Lienen.

"Aufgrund meines Trainerengagements kam es erst jetzt wieder dazu, dass wir diese Gespräche erneut aufgenommen haben und gemeinsam entschieden haben, dass jetzt nach dem erfolgreichen Klassenerhalt der richtige Zeitpunkt ist, den Positionswechsel vorzunehmen", so der 63-Jährige weiter. "Ich freue mich sehr, dass wir Olaf Janßen dafür gewinnen konnten, neuer Cheftrainer beim FC St. Pauli zu werden. Er hat nicht zuletzt in der abgelaufenen Saison unter Beweis gestellt, dass er das Zeug dazu hat, die Position erfolgreich auszufüllen."

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Neben der Neugestaltung der sportlichen Führung hat St. Pauli auch erste Entscheidungen für den Spielerkader der kommenden Saison getroffen. Die Ausleihe von Mats Möller Daehli vom SC Freiburg wurde um ein Jahr verlängert. Von Hertha BSC stößt Sami Allagui zum Kiezclub. Lennart Thy schließlich wechselt zurück zu Werder Bremen.

Tobias Gonscherowski