München - Er kann sich auf einen arbeitsreichen Pokalabend einstellen: Gabor Kiraly empfängt mit 1860 München Bundesliga-Tabellenführer und Champions-League-Finalist Borussia Dortmund. "Wenn sich zwei Traditionsclubs treffen, bebt es", sagt der Ungar. Vor dem Zweitrunden-Match traf sich der Schlabberhosen-Kult-Keeper mit bundesliga.de. Er blickt auf den ausverkauften Pokalfight voraus und spricht über seine Strafstoß-Psychoanalyse, Elfer gegen Rooney und Lampard, Prozente für graue Hosen im Fanshop, Ausflüge zur gegnerischen Eckfahne, die WM 2014 - und die WM 2018. Bei der wäre er übrigens blutjunge 42...

bundesliga.de: Herr Kiraly, der Ansturm auf das BVB-Spiel (ab 18:45 im Live-Ticker) war schon gleich zu Beginn riesig. Innerhalb weniger Stunden waren alle Tickets weg - Sie haben sogar selbst Fotos von den Schlangen am Ticketschalter geschossen. Hätten Sie so einen Hype erwartet?

Gabor Kiraly: Dortmund ist ein Spitzenteam. Jeder will das Spiel sehen. Für den Verein und auch für uns Spieler ist es sehr gut, wenn das Stadion bei so einem Pokalspiel voll ist. Wir freuen uns riesig, und die Fans auch.

bundesliga.de: Ihr Geschäftsführer Robert Schäfer sagte nach der Auslosung: "Wir spielen gegen die beste Mannschaft Deutschlands." Wie sehen Sie das?

Kiraly: Wir spielen gegen eine Top-Mannschaft. Aber: Jedes Spiel ist ein anderes. Wir werden ganz genau hinschauen, wo Dortmund Schwachstellen hat. Die Stärken sind ohnehin bekannt. Mal schauen, wie wir es dem BVB so schwer wie möglich machen können.

bundesliga.de: Was muss passieren, damit eine Überraschung gelingt?

Kiraly: Für Dortmund oder für uns?

bundesliga.de: Gehen wir mal davon aus, dass ein 1860-Sieg die Überraschung wäre.

Kiraly: Achso (lacht)! Im Ernst, im Pokal sehe ich das ganz anders. Der Pokal ist nicht mit der Meisterschaft vergleichbar, wo man Patzer in der nächsten Woche wieder ausbügeln kann. Für die größere Mannschaft wird es oft unbequem, weil sie gewinnen muss. Das kleinere Team hat weniger Druck - ein klarer psychologischer Vorteil. Und Sechzig gegen Dortmund! Wir sprechen von einem Duell zweier Traditionsclubs. Wenn sich Tradition trifft, kann es richtig beben.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie also die Chancen ein?

Kiraly: Fünfzig zu fünfzig. Das hatte ich auch vor unserem Heidenheim-Spiel gesagt. So ist nun mal der Pokal!

bundesliga.de: In Heidenheim tat sich der TSV ja sehr schwer - erst ihre Elfmeterkünste (Kiraly hielt zwei Strafstöße, d. Red.) brachten den Sieg. Wussten Sie, dass Sie eine überragende Quote haben, wenn es ins Shootout geht? 40 Prozent aller Strafstöße bei Elfmeterschießen seit Ihren Anfängen bei Hertha landeten nicht im Tor.

Kiraly: Das wusste ich nicht!

bundesliga.de: 25 Elfmeter, zehnmal hieß der Sieger Kiraly. Vier der fünf Elferschießen mit Ihnen im Tor gewann Ihr Team. Freuen Sie sich jedes Mal, wenn der Schiedsrichter nach 120 Minuten zum Elferschießen pfeift?

Kiraly: Nehmen wir wieder das Beispiel Heidenheim. Der Schlüssel war die Qualität unserer Schützen, nicht meine Paraden. Alle fünf haben getroffen! Da kannst du nicht verlieren. Heidenheim hat die ersten drei gegen mich verwandelt. Aber ich habe es bei jedem unserer Schützen gesehen: Sie waren hochkonzentriert. Das gibt einem Torwart eine Menge Selbstvertrauen. Ich konnte mich immer besser fokussieren. Die Spannung, das Adrenalin stieg an.

bundesliga.de: Und dieses Gefühl haben Sie dann für zwei Paraden genutzt. Sie wenden dabei eine etwas ungewöhnliche Technik an: Sie halten beide Arme hinter dem Rücken verschränkt und warten bis zum letzten Moment regungslos auf den Schützen.

Kiraly: Das habe ich als kleines Kind gelernt. Da gilt es, jede Bewegung zu vermeiden, um es dem Schützen möglichst schwer zu machen. Ich möchte mich nicht auf dem falschen Fuß erwischen lassen. Es gibt Spieler, die immer darauf warten, was der Torwart macht, und sich erst im letzten Moment für eine Seite entscheiden. Ich biete ihnen aber keine Möglichkeit. Und dann müssen sie im letzten Moment spontan auf gut Glück schießen.

bundesliga.de: Haben Sie schon Elfmeter von Marco Reus oder Robert Lewandowski gesehen?

Kiraly: Ja. Aber ich sehe nicht nur die Namen und ihre Karriere vor mir, wenn sie antreten, sondern das ganze Spiel. Wenn zum Beispiel der rechte Verteidiger kommt, denke ich: War er unsicher? War er nervös? Dann wird er zu hundert Prozent auf Nummer sicher gehen und vorher eine Ecke wählen.

bundesliga.de: Sie beobachten die Gegner also das ganze Spiel schon ganz genau für ein mögliches Elfmeterschießen?

Kiraly: Das geht noch weiter. Welcher Spielertyp ist der Schütze? Ist er ein Arbeitertyp oder ein Feingeist? Der eine Spieler ist unsicher, hat aber eine gute Technik. Der andere ist 30 Jahre alt, also schlau. Bei jedem hat man ein bestimmtes Bild und kann spekulieren, wie er es höchstwahrscheinlich versuchen wird.

bundesliga.de: Eine kleine Psychoanalyse vor jedem Schuss also.

Kiraly: Genau.

bundesliga.de: Und das entscheidet dann darüber, welche Ecke Sie im letzten Moment wählen?

Kiraly: So ist es. Ich kann mich an einen Elfer gegen Wayne Rooney erinnern, den ich pariert habe. Er dachte, er schießt ganz locker und wie immer. Für ihn war ich nur irgendein Torwart, er kannte mich nicht. Aber ich wusste, wohin er schießt. Bei Frank Lampard war es ähnlich.

"Ich wusste, wohin Rooney schießt"

bundesliga.de: Sie haben also keine Angst vor großen Namen oder Druck.

Kiraly: In Ungarn mit 17 oder 18 habe ich auch mal einen ganz wichtigen Elfer gehalten. Der Schütze, Vasile Miriuta (später bei Energie Cottbus, d. Red.), hat immer auf den Torwart gewartet und dann immer nach rechts geschossen. Ich habe mir gedacht: Er ist schlau, ein guter Techniker. Ich habe also im richtigen Moment bewusst eine kleine falsche Bewegung gemacht. Er ist darauf eingegangen, aber ich bin in die andere Ecke gesprungen. Ich erreichte den Ball, er ging an den Pfosten und sprang zurück zu mir. Damit sind wir in der ersten Liga geblieben - ein prägendes Erlebnis und mein erster echter Erfolg als Profi.

bundesliga.de: Wenn es also zum Elferschießen kommt. Hat 1860 dann einen Vorteil?

Kiraly: Wir haben in Heidenheim jedenfalls gezeigt, dass wir fest von unseren Qualitäten überzeugt sind.

bundesliga.de: Auch gegen den BVB darf Ihr Markenzeichen und Glücksbringer, ihre berühmte Schlabberhose, nicht fehlen. Die Geschichte, dass die Waschfrau Ihres Teams in Ungarn Ihre schwarze Hose nicht rechtzeitig fertig bekommen hat, ist legendär.

Kiraly: Das erste Profispiel hatte ich 1993/94, damals habe ich noch mit schwarzer Hose gespielt. Erst ab '96 habe ich notgedrungen einmal gewechselt. Wir hatten Erfolg, deswegen bin ich dabei geblieben.

bundesliga.de: Es gibt ja nicht nur ihre berühmte Schlabberhose. Unter dem Trikot tragen Sie jedes Mal ein T-Shirt mit Tiger-Logo und ein Basketballshirt mit der "13".

Kiraly: Ein Kollege hat mich "Tiger" genannt, weil er meinte, ich bewege mich wie ein Tiger. Und der Tiger ist mein Lieblingstier, 13 meine Lieblingszahl. Vorher hatte ich immer Rückenschmerzen wegen der Kälte. Das war vor der Thermo-Unterwäsche für Sportler. Das Basketballshirt habe ich mal in einer Kabine gefunden, es ausprobiert - und seitdem immer benutzt. Mittlerweile lasse ich die beiden Teile extra anfertigen.

Kurze Hose? "Das ist nicht meine Welt"

bundesliga.de: Über Ihre Hose sagen Sie, "Ich muss nicht aussehen wie ein Topmodel, sondern gut spielen. Die Hose hat keine große Bedeutung für mich." Andererseits besitzen Sie immer noch Ihre "erste" Schlabberhose aus der Hertha-Zeit, mit der Sie fast 200 Spiele gemacht haben.

Kiraly: Von jedem Verein habe ich meine graue Hose aufbewahrt. Das sind nur Erinnerungstücke. Ich hatte nie den Plan, eine Kult-Hose zu erschaffen. Ich hatte damit ein gutes Gefühl - und das jeden Tag. Warum also etwas verändern?

bundesliga.de: Die Kiraly-Hose auch ist einer der Topseller im 1860-Fanshop.

Kiraly: Einmal waren es um die tausend in einer Saison. Aber ich kriege leider immer noch keine Prozente!

bundesliga.de: Wäre es vorstellbar, dass Sie mal mit einer anderen Hose auflaufen?

Kiraly: Ich habe schon mit kurzer Hose gespielt, nicht nur im Training, sondern auch im Spiel. Aber das ist nicht meine Welt.

bundesliga.de: Während Ihrer Karriere hat Ihnen die Hose jedenfalls oft Glück gebracht. Schon in Ihrer dritten Auslandssaison 1999/2000 spielten Sie mit Hertha in der Champions League. War das Ihr Karrierehighlight?

Kiraly: Mit 22, 23 gegen Luis Figo oder Gheorghe Hagi zu spielen, war schon eine große Ehre. Ich war sehr stolz, als ich im Eins-gegen-eins mit Figo der Sieger war.

bundesliga.de: In so vielen Profijahren hatten Sie aber auch schwere Zeiten zu überstehen. Am Ende Ihrer Berliner Zeit hatten Sie mit Depressionen zu kämpfen.

Kiraly: Jeder kennt schlechte Phasen. Es gibt Tage, da versuchst du zwar, alles gut zu machen, aber es passiert das Gegenteil. Und dann denkst du plötzlich, jeder arbeitet gegen dich, was natürlich gar nicht stimmt.

bundesliga.de: Sie waren ja kein Einzelfall - der Name Robert Enke ist natürlich noch im Gedächtnis. Gianluigi Buffon hatte ebenfalls mentale Blockaden.

Kiraly: Auch jemand wie Oliver Kahn kennt dieses Problem.

bundesliga.de: Inwiefern hängt das mit der Position des Torwarts zusammen?

"Enkes Selbstmord hat etwas verändert"

Kiraly: Wenn du als Spieler einen Fehlpass spielst, kannst du die Wut nutzen, um hinterher zu hetzen. Als Torwart trägst du deinen Fehler über das ganze Spiel mit. Und wenn du bei einer Flanke leicht wegrutschst und der Ball rein geht, reicht das schon. Torwartfehler. Vielleicht hat dich jemand leicht geschubst, aber danach fragt danach keiner mehr. Patzer ist Patzer.

bundesliga.de: Wie haben Sie Enkes Tod damals aufgenommen?

Kiraly: Das hat mich getroffen. Es ist grausam, wenn einem Kollegen - ich nenne alle Torhüter meine Kollegen - sowas passiert.

bundesliga.de: Hat sein Selbstmord in der Gesellschaft etwas verändert?

Kiraly: Ein bisschen, ja. Die harten Kritiken gibt es nicht mehr in der Anzahl. Das ist auch gut so. Wenn ein Torwart schlecht spielt, weiß er das schon selber. Das braucht keiner mehr zu kommentieren. Dafür ist der Torwarttrainer da.

bundesliga.de: Auch während des Spiels?

Kiraly: Vor allem vor und nach dem Spiel. Da geht es um Millimeterschritte. Da reicht schon ein so kleiner Schritt (zeigt eine winzige Bewegung zu einer Seite), und der Schütze hat einen Vorteil. Torwart zu sein, heißt pure Feinarbeit.

bundesliga.de: Sie glänzen ja manchmal nicht nur als Keeper, sondern lassen auch Ihre fußballerischen Fähigkeiten aufblitzen. Gegen Ingolstadt haben Sie einen gegnerischen Stürmer fast an der Mittellinie ausgespielt.

Kiraly: In den Jugendmannschaften und in Berlin habe ich viel gedribbelt. Und in Ungarn habe ich mir den Ball auch mal per Abwurf selbst vorgelegt und bin bis zur gegnerischen Eckfahne gelaufen. Da haben sie mich dann attackiert - und ich habe einen Freistoß für uns rausgeholt.

bundesliga.de: Ein dribbelnder Torwart - den gab es bei 1860 ja schon mal. 1966 hieß er noch Petar Radenkovic. Aber was wollten Sie an der Eckfahne?

Kiraly: Da war viel Wut dabei. Damals hatten wir zwei unberechtigte Rote Karten bekommen. In der A-Jugend habe ich nach einem Dribbling auch mal vom Sechzehner abgezogen. Heute dribble ich nur noch, wenn es unbedingt sein muss. Man wird ja älter!

bundesliga.de: Bei 1860 sind Sie jetzt schon in Ihrer fünften Saison. Wie schätzen Sie die 2. Bundesliga derzeit ein?

Kiraly: In dieser Saison ist für jede Mannschaft alles drin, das hat man schon früh gesehen. Du kommst von unten schnell wieder oben ran, wenn du eine kleine Serie hast.

bundesliga.de: Kann der Kader in diesem Jahr den hohen Erwartungen gerecht werden?

Kiraly: Wir sind jetzt schon zwei, drei Jahre in etwa derselben Formation zusammen. Wenn man zusammen wächst, kann man einiges erreichen, und das Gefühl habe ich mit der aktuellen Truppe. Wir haben gute Charaktere im Team und jeder weiß auf dem Feld, was er vom anderen erwarten kann.

bundesliga.de: Sie träumen also schon noch von der Bundesliga?

Kiraly: Natürlich hat jeder hohe Ziele und will das Maximale erreichen. Aber Traum ist nicht das richtige Wort. Wenn du keine Qualität hast, brauchst du nicht träumen.

WM 2018? "Im Kopf bin ich noch jung!"

bundesliga.de: Und wie sieht es mit Ihren Zielen aus, was die WM 2014 angeht?

Kiraly: Wir sind gut dran im Moment (Ungarn ist in der WM-Quali-Gruppe D Zweiter hinter der Niederlande, d. Red.).

bundesliga.de: Sie haben mal gesagt, Sie wollen bis 42 spielen - dann fände die WM 2018 statt.

Kiraly: Ich soll im Nationalteam auch dann zumindest noch dabei sein. Sie suchen einen Nachfolger und ich soll mithelfen, ihn aufzubauen. Ich wechsle mich mit den jungen Leuten ab und bleibe so lange bei der Nationalmannschaft, wie sie mich brauchen.

bundesliga.de: Und bei 1860? Ihr Vertrag läuft nach der Saison aus.

Kiraly: Das müssen Sie den Sportdirektor fragen. Ich bin motiviert und habe Lust. Das sieht man auch, denke ich. Ich spiele noch, solange mein Körper ja sagt. Mir macht es immer noch großen Spaß, auf dem Platz zu stehen. Auch mit den 17-Jährigen, die meine Söhne sein könnten. Im Kopf bin ich noch jung!


Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann


Gabor Kiraly wurde am 1. April 1976 im ungarischen Szombathely geboren. Er schloss eine Gärtnerausbildung ab - da sein Vater aber Profifußballer war, begeisterte er sich bereits früh für den Sport. Über seinen Heimatclub sagt er, "ich will mit Haladas mindestens eine Runde im UEFA-Cup spielen, egal ob als Zeugwart oder Präsident." Seine beste Zeit in der Bundesliga hatte er mit der Hertha, wonach er Angebote von Real Madrid, Chelsea und Milan hatte, ihn Manager Dieter Hoeneß aber für unverkäuflich erklärte. Er bestritt bislang 198 Bundesliga- und 132 Zweitligaspiele. Seit 2003 betreibt er eine Torwartschule in Ungarn, in der er nach der Karriere den "neuen Gabor Kiraly" ausbilden will.