Fußball auf St. Pauli ist und bleibt anders. Da verwundert es nicht, dass auch die Arbeit als Fanbeauftragten des Teams aus der Hansestadt Hamburg alles andere als normal ist. Stefan Schatz kann davon ein Lied singen. Er ist seit 2007 Fanbetreuer bei den Kiez-Kickern und Mitarbeiter des Fanprojekts des FC St. Pauli.

Im Gespräch mit bundesliga.de gewährt er einen Einblick in seine vielfältige und abwechslungsreiche Arbeit und spricht über die erstklassige Kommunikation mit seinen Kollegen. Schatz nennt aber auch die Opfer, die ein solcher Beruf mit sich bringt, nennt aktuelle Projekte des FC St. Pauli Fanladens und plant schon jetzt für das DFB-Pokalfinale 2010.

bundesliga.de: Herr Schatz, seit wann schlägt Ihr Herz für den FC St. Pauli?

Stefan Schatz: Ich wurde 1973 auf St. Pauli geboren. Fan bin ich wohl seit 1979, denn da wollte ich für den FC St. Pauli spielen. Das ist allerdings daran gescheitert, dass meine Eltern umgezogen sind. Zu den Spielen als Fan gehe ich seit 1987.

bundesliga.de: Wie sind Sie schließlich Fanbetreuer geworden?

Schatz: Im Rahmen meines Studiums der Erziehungswissenschaften habe ich 2002 ein Praktikum im Fanprojekt des FC St. Pauli gemacht. Und als kurz nach meinem Praktikum ein Kollege aufgehört hatte, war Bedarf für eine Honorarkraft. Und als später eine Kollegin aufhörte und eine Stelle frei wurde und auch mein Studium sich dem Ende zuneigte, wurde ich gefragt, ob ich mich nicht auch bewerben wollen würde. Das habe ich getan und habe die Stelle 2007 eben bekommen.

bundesliga.de: Was muss man sich als Außenstehender unter Ihrer Arbeit vorstellen?

Schatz: Ganz übertrieben werden wir dafür bezahlt, dass wir Fußball gucken und unser Hobby zum Beruf machen. Wir haben einfach ein tolles Leben (lacht). Die Realität sieht natürlich etwas anders aus. Als Fanprojektleiter mache ich vor allem auch pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Dazu kommen ganz typische Fan-spezifische Themen. Aber wir organisieren vom Fanladen aus unter anderem auch Aktivitäten für unsere U16. Das betrifft als die Nachwuchsarbeit. Mit denen treffen wir uns regelmäßig. Wir machen Auswärtsfahrten mit ihnen, organisieren aber auch die Fanbusse für alle anderen Fans, Sonder- und Entlastungszüge. Wir haben unser kleines Ladenlokal, den Fanladen, der mindestens vier Mal die Woche geöffnet ist und natürlich auch an den Heimspieltagen. Auch die Spieltagsbegleitung der Fans ist natürlich einer unserer Aufgabenbereiche. Wir haben bei den Heimspielen am Millerntorstadion zwei Außenstellen an der Süd- und Nordkurve, wo wir vor den Spielen und während der Halbzeit präsent sind. Wir organisieren Fanclubturniere. Wir haben die Fanclubverwaltung bei uns. Wir organisieren Jugendreisen nach Marseille oder nach Schweden. Wir haben ein Straßenfußballprojekt, bei dem Kinder auf St. Pauli einmal die Woche kostenfrei Fußball trainieren können. Und es gibt noch unendlich viele weitere Projekte, an denen wir arbeiten. Bei uns arbeiten dreieinhalb Festangestellte. Das gibt einen guten Überblick über die vielfältige Arbeit, die bei uns anfällt.

bundesliga.de: Das klingt nach einem Fulltime-Job?

Schatz: Ich habe jetzt einen 35-Stunden-Job, arbeite aber sicherlich 50 Stunden die Woche. Aber dazu gehört nun mal auch eine ganze Menge Herzblut und eine ganze Menge Ehrenamt. Da ist es auch sehr schwer, Berufliches und Privates zu trenne. Als früher Spiele unserer zweiten Mannschaft besucht habe, war das privat. Aber als Fanbetreuer wurde ich regelmäßig von den Leuten angesprochen. Nach dem Aufstieg der Mannschaft werde ich wohl nicht mehr dazu kommen. Auch abends in der Kneipe kommen die Fans oft mit beruflichen Themen auf einen zu. Ich treffe überall Leute, die meine Freunde sind, die ich aber auch auf der Arbeit sehe. Das vermischt sich halt sehr stark.

bundesliga.de: Was ist das Besondere am Fanladen des FC St. Pauli?

Schatz: Das Besondere ist die Entstehung aus der Fanszene heraus und die Verwurzelung in der Fanszene dadurch. Wir sind kein Fanprojekt, bei dem eine Behörde nachgeholfen hat. Sondern beim FC St. Pauli ist Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre eine Protestbewegung gegen die damaligen Stadionpläne für den Sport-Dome entstanden. Diese Bürgerinitiative hat das Projekt auch erfolgreich verhindert. Daraus hat sich eine Stadtteilinitiative entwickelt, die eben einen Laden aufgemacht hat. Erst einige Jahre später wurde der Fanladen zum Fanprojekt unter der Trägerschaft des Trägers, der auch das HSV-Fanprojekt begleitet. Das hat den großen Vorteil, dass wir von 99 Prozent der Fanszene anerkannt und gekannt werden.

bundesliga.de: Welches Projekt liegt Ihnen aktuell besonders am Herzen?

Schatz: Es ist aktuell, auch wenn es ein langfristiges Ziel anvisiert. Wir würden gerne umziehen. Im Zuge der Rekonstruktion des Stadions hat sich ein Verein namens Fanräume e.V. gegründet. Ziel dieses Vereins ist es, innerhalb der nächsten vier Jahre - beziehungsweise bis Baubeginn Gegengerade - 400.000 Euro zu generieren, die dann in den Innenausbau eines Teilstücks der Gegengerade fließen sollen, um dort die Fanräume entstehen zu lassen. Unter anderem soll dort auch das Fanprojekt einziehen. Aber auch ein Veranstaltungsbereich für die Fans soll dort unter anderem entstehen. Das ist zwar noch einige Jahre hin, aber schon jetzt versuchen wir, mit verschiedenen Aktionen Gelder zu generieren.

bundesliga.de: Es ist selten, wenn nicht sogar einzigartig im deutschen Profifußball, aber Sie sind nicht angestellt beim FC St. Pauli. Dennoch müssen Sie beiden Seiten gegenüber glaubwürdig sein. Gibt es da ab und an Reibungspunkte? Und wie geht man damit um?

Schatz: Natürlich gibt es Reibungspunkte. Ich sehe es aber eher als Vorteil an, dass ich nicht Vereinsangestellter bin. Ich glaube, dadurch die Freiheit zu haben, mehr als andere Kollegen in dem Berufsfeld Fanbeauftragter auch kritisch mit dem Verein auseinanderzusetzen. Ich werde zu Sicherheitsbesprechungen eingeladen. Ab und an bin ich bei Präsidiumsbesprechungen dabei, wenn Fan-relevante Themen behandelt werden. Dort gibt es immer eine sehr konstruktive, teilweise auch sehr kritische Auseinandersetzung. Ich sehe mich als durchaus kritischen Vertreter der Fanszene und denke aber, dass das ganz gut klappt. Denn ich als Fan, aber auch als Fanbeauftragter und Fanprojektleiter akzeptiere das Präsidium und auch die Zwänge, unter denen heutzutage ein Profiverein steht. Auf der anderen Seite wird auch vom Verein meine Fachlichkeit als Fanvertreter akzeptiert. Wir haben eine gute Kommunikationsebene gefunden.

bundesliga.de: Wie ist das Verhältnis zwischen den Fankoordinatoren untereinander? Welche Gemeinsamkeiten gibt es und welcher Austausch von Daten und Informationen findet statt?

Schatz: Das läuft sehr gut. Vor jedem Spiel gibt es regelmäßigen Email- und Telefonkontakt. Wenn ich ein Auswärtsspiel plane, schreibe ich immer den Fanbeauftragten und das Fanprojekt des gastgebenden Vereins an, um zu fragen, wie Anreise und Fanutensilien gehandhabt werden. Auch am Spieltag selbst treffe ich mich mindestens ein Mal mit dem Fanbeauftragten des Gegners. Auch wenn ein Verein ans Millerntor kommt, kontaktiere ich im Vorfeld den jeweiligen Fanbeauftragten und das Fanprojekt, um die Fanutensilien-Regelung zu kommunizieren. Darüberhinaus trifft man sich auf verschiedenen Veranstaltungen wie zum Beispiel der Fanbeauftragtentagung in Frankfurt oder auf regionalen Fanbeauftragtentagungen. Dazu gibt es Workshops der DFL und der Fanprojekte. Es herrscht ein sehr reger Austausch unter den Kollegen und Kolleginnen.

bundesliga.de: Zum Abschluss aber nochmal ganz sportlich. Was erwarten Sie vom FC St. Pauli in der kommenden Saison?

Schatz: Ich gehe davon aus, dass wir wie schon in den vergangenen beiden Jahren im gesicherten Mittelfeld landen werden. Der Trainer hat gesagt, wir sollen uns von Saison zu Saison verbessern. Demnach müssten wir diese Saison mindestens Siebter werden. Und dann gibt es ja noch den DFB-Pokal. Das Pokalfinale findet am 15. Mai 2010 in Berlin statt. Laut unserer Satzung ist der 15. Mai unser Geburtstag und wir feiern 2010 unser hundertjähriges Jubiläum. Daher gehe ich davon aus, dass wir im Pokalfinale spielen werden.

bundesliga.de: Ist der Job als Fanbeauftragter ein Traumjob?

Schatz: Es ist ein Albtraumjob (lacht). Ich mache den Job natürlich unglaublich gerne. Aber die Aussage, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht, stimmt gar nicht. Ich habe ein Hobby aufgegeben und dafür einen Beruf ergriffen. Natürlich bin ich Fan des FC St. Pauli und mit Herzblut dabei. Ich kann aber nicht mehr privat zu einem Spiel des FC St. Pauli gehen. Ich würde als sagen, ich habe ein Hobby verloren und dafür einen sehr schönen und interessanten Beruf gefunden. Der Job macht viel Freude, bedarf aber auch eines unglaublichen Engagements und einer sehr geduldigen und liebevollen Familie.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz