Köln - Spricht man über den derzeitigen Erfolg des SV Darmstadt 98, dann kommt man an Trainer Dirk Schuster nicht vorbei. Der 47-jährige Fußballlehrer hat es Ende letzter Saison fertiggebracht, die Lilien über die Relegation in die 2. Bundesliga zu führen. Nun schnuppert seine Mannschaft sogar am direkten Durchmarsch in die Bundesliga.

Übersicht: Alle Kandidaten im Aufstiegscheck

"Für uns geht es zuerst darum, dass Primärziel 40 Punkte zu erreichen", sagte Schuster im Interview mit bundesliga.de zum Ende der Winterpause im Januar. "Wir dürfen nie vergessen, wo wir herkommen und unter welchen Bedingungen wir arbeiten. Unser Ziel ist nicht, uns oben festzukrallen", so Schuster damals. Ziele sind das eine, Tatsachen das andere. Denn die Lilien haben sich oben festgesetzt (zur Tabelle der 2. Bundesliga).

Realistischer Verfechter der Disziplin

Seit dem 1:0-Erfolg über Eintracht Braunschweig am vergangenen Wochende ist die 40-Punkte-Marke durchbrochen. Punktgleich mit Kaiserslautern liegt Darmstadt auf Platz zwei. Mit dem Abstieg wird man in dieser Saison definitiv nichts mehr zu tun haben. Trotzdem bleibt Schuster seinem Naturell treu. "Träumen können andere. Wir wollen weiter Woche für Woche die anderen ärgern und weiter punkten. Wo wir dann Ende Mai stehen, da gehören wir dann auch hin", sagte er nach dem Sieg über Braunschweig. "Wir gehen wie im vergangenen Jahr auch jetzt nicht von unserem Weg ab. Damit sind wir gut gefahren."

Schuster ist Realist. Er mag es nicht, wenn in Gedanken Luftschlösser gebaut werden. Er fordert von seinen Spielern, genauso wie von sich selbst, höchste Disziplin ein. Dinge, die er auch als Fußballer in der ehemaligen DDR gelernt hat. "Dort war dem Fußball alles untergeordnet", lässt der Darmstädter Coach im Gespräch mit einem hessischen Radiosender wissen. "In der DDR wurde viel Wert auf Disziplin gelegt und das hat einen schon geprägt."

Teil einer wunderbaren Geschichte

Dirk Schuster wuchs in Chemnitz auf, wurde 1986 DDR-Junioren-Meister, mit der U19-Auswahl Europameister in Jugoslawien und ein Jahr später mit der DDR-U20 WM-Dritter in Chile. Seine Profi-Karriere begann allerdings erst im wiedervereinigten Deutschland - 1990 in Braunschweig. Beim Karslruher SC erlebte er von 1991 bis 1997 seine erfolgreichste Zeit als Spieler. Unter Winfried Schäfer reifte er dort zum dreimaligen Nationalspieler, spielte im UEFA-Pokal und war Teil des Wunders vom Wildpark.

Der KSC besiegte damals den spanischen Tabellenführer FC Valencia nach einer 0:2-Hinspielniederlage mit 7:0 im Rückspiel, qualifizierte sich so für das Achtelfinale. "Fragen mich Jugendliche, ob ich damals dabei gewesen sei, bin ich immer wieder aufs Neue stolz, wenn ich mit 'Ja' antworte. Ich war Teil dieser wunderbaren Geschichte", sagt Schuster.

Kein Kumpeltyp

Nachdem der gebürtige Sachse seine Profilaufbahn nach weiteren Stationen beim 1. FC Köln, Antalyaspor, Admira Wacker, Ahlen, Wilhelmshaven und Mannheim beim ASV Durlauch ausklingen ließ, schlug er die Trainerlaufbahn ein. Als Jahrgangsbester schloss er den Lehrgang im Jahr 2007 ab, heuerte 2009 bei den Stuttgarter Kickers an, die er in die 3. Liga zurückführte.

Seit Dezember 2012 ist Schuster Trainer des SV Darmstadt 98, führte die Lilien vergangene Saison sensationell über die Relegation in die 2. Bundesliga. Bei allem Jubel und Trubel damals beim Feiern mit seinen Spieler: In seiner Rolle als Coach ist Schuster kein Kumpeltyp. "Ich glaube, ich kann auch ein ganz lockerer Vogel sein. Wenn ich was mache, von dem ich überzeugt bin, dann mache ich es hundert Prozent. Aber: Kumpel bin ich nicht, auch wenn ich die Spieler an der langen Leine lassen kann. Mit offenem Visier ins Gesicht gesagt - da weiß jeder, woran er ist. Das ist auch der Grund, warum wir eine charakterlich so gute Mannschaft haben."

Ein Trainer mit dem richtigen Gespür

Der Charakter zeichnete auch Schuster als Spieler aus. "Ein Spieler, den man sich als Trainer wünscht, immer geradeaus, immer ehrlich, unglaublich ehrgeizig, immer auf das Wesentliche konzentriert", sagt sein ehemaliger Trainer Peter Neururer über den 1,77 Meter großen Sachsen. "Ein Spieler, der damals schon in der Lage war, ein Spiel zu lesen und Teile der Mannschaft zu führen. Ein Gespür, was man nicht lernen kann. Schuster ist ein Naturtalent."

Dieses Gespür hat Schuster in den Trainerberuf herübertransportiert. Dabei weiß er aber nicht nur, wie er seine Mannschaft zu führen hat, oder wie er sie taktisch perfekt auf den nächsten Gegner einstellen muss. Er versteht es auch, jeden einzelnen Spieler weiterzuentwickeln. Zum Beispiel Marcel Heller, Romain Bregerie oder Dominik Stroh-Engel. "Denen hat man doch vor der Saison nichts zugetraut", sagte Schuster in einem Interview Ende November. "Wir haben aber immer an die Spieler geglaubt."

Häuptling in der Hierarchie

Und diese zahlen es ihrem Trainer mit Leistung zurück. Stroh-Engel avancierte mit bislang acht Saisontoren zum Top-Torjäger der Lilien (zur Torjägerliste der 2. Bundesliga), Heller ist im Mittelfeld zum absoluten Stammspieler gereift, genauso wie Bregerie, der in der gesamten Saison bislang nur 65 Spielminuten verpasste.

Ein wichtiger Punkt dabei: Die Mannschaftshierarchie. "Es wird immer Häuptlinge geben, und es muss auch immer Indianer geben. Die Hierarchie definiert sich von allein, ganz einfach über die Leistung. Wo sich jeder in dieser Hierarchie einordnet, hat er selbst in der Hand", erklärt Schuster.

Die Tugenden vorleben

Sein Häuptling ist Mannschaftskapitän Aytac Sulu. "Er ist der Kapitän, er ist einer, der erst aufhört, für die Mannschaft zu kämpfen, wenn er den Kopf unter dem Arm trägt. Er ist das Sinnbild dieses Teams", sagt Schuster. Eigenschaften, durch die sich aber auch Schuster selbst auszeichnet. Er ist es, der sinnbildlich für das Team und seinen Erfolg steht. Er ist es, der seiner Mannschaft die von ihm geforderten Tugenden vorlebt.

Vor jedem Ligaspiel geht Schuster mit seinem Co-Trainer Sascha Franz laufen. "Wir haben einen Weiher in der Nähe ausgesucht, da sind wir sechs Kilometer hin unterwegs. Kurzes Beweisfoto schießen und zurück. Bei Auswärtsspielen suchen wir uns nach Möglichkeit einen Flugplatz, einen Ballonlandeplatz - irgendwas, was mit der Luftfahrt zu tun hat - der darf maximal 15 Kilometer entfernt sein."

Wer zu spät kommt, der bezahlt

Dort joggen die beiden dann noch vor dem Frühstück hin, denn als Trainer dürfen sie natürlich nicht zu spät kommen. "Das ist brutal teuer für uns", lässt Schuster wissen. "Es kam zum Glück bisher noch nicht vor. Wir bezahlen als Strafe den doppelten Preis der Spieler. Und von der 3. Liga auf die 2. Bundesliga haben sich die Preise auch noch mal verdoppelt. Zu spät gekommen bin ich noch nie." An seiner Pünktlichkeit sollte Dirk Schuster auch in den kommenden Monaten festhalten. Denn - auch wenn er selbst davon noch nichts wissen will - in der nächsten Saison könnte sich die Strafe dafür nochmals verdoppeln.

Dennis-Julian Gottschlich

Aufstiegscheck: Darmstadts Traum vom Durchmarsch

Aufstiegscheck: Darmstadt im Steckbrief