Karlsruhe - Dirk Orlishausen sitzt im Clubhaus am Wildpark und isst Putenschnitzel mit Reis. Hier, "beim Saki", stärken sich der Torwart des Karlsruher SC und seine Kollegen oft zwischen zwei Trainingseinheiten. Mit Manager Jens Todt bespricht der Kapitän des KSC noch schnell einen Auftritt bei Sponsoren am nächsten Abend.

Dirk Orlishausen sei das Gesicht der Mannschaft, sagt Todt, ein Ruhepol, der nie die Nerven verliere. Die erste Trainingseinheit des Tages ist vorbei, die zweite noch ein Weilchen weg. Und Dirk Orlishausen erzählt über seine erstaunliche Karriere. Es sei ja auch so, dass dieser Orlishausen prototypisch für die positive Entwicklung der ganzen Mannschaft stehe: Es sei immer ein Stück voran gegangen in den letzten zweieinhalb Jahren, sagt Jens Todt noch, bevor er das Lokal, an dessen Wänden Bilder die Vergangenheit des KSC erzählen, verlässt - und auch dafür stehe Dirk Orlishausen.

Spätberufener KFZ-Lackierer

Nach dem Abstieg in die 3. Liga hatten viele den Torwart nicht mehr als Nummer 1 beim KSC auf der Rechnung. Doch nun ist er Kapitän einer Mannschaft, die auf Aufstiegsrang 2 überwintert hat und an die Rückkehr in die Bundesliga denken darf. "Wir wollen so lange wie möglich oben dabei bleiben", sagt Orlishausen mit seiner tiefen Stimme, die den Klang seiner Heimat Erfurt nicht versteckt.

Dass er eines Tages einmal Bundesliga spielen könnte, hätte Dirk Orlishausen nie zu träumen gewagt, sagt er. Und das ist kein Understatement. Erst mit 22 Jahren wechselte er aus Sömmerda nach Erfurt in die 3. Liga und eher zufällig stieg er dann zur Nummer 1 auf. Erst ein halbes Jahr bach seinem Wechsel setzte der gelernte KFZ-Lackierer, der lange im Schichtbetrieb gearbeitet hatte, ganz auf den Profifußball.

Kein zweiter Neuer, aber fleißig

Die Karriere von Dirk Orlishausen begann spät und ist nicht einem Masterplan aus einem Leistungszentrum eines Bundesligisten entsprungen. Dieses Spätberufensein habe Vor- und Nachteile, sagt "Orle", wie sie den 1,96 Meter großen Athleten beim KSC nennen. Einerseits fehle ihm die Ausbildung, gerade was das moderne Torwartspiel ala Manuel Neuer ausmache, gibt er zu. Eleganz beim Mitspielen und als erste Aufbauspieler nimmt er für sich nicht in Anspruch.

Am Anfang seiner Zeit in Erfurt, nannten ihn seine Mitspieler in Anspielung an das Wort hektisch "Hektor", weil er zitterte, wenn er den Ball zurückgespielt bekam. Aber auch in diesem Bereich hat sich Orlishausen stark verbessert. Aber andererseits verspüre er kaum Verschleiß, die jungen Torhüter heutzutage müssten schon mit 14, 15 wie Profis trainieren, sagt er. Seine Verletzungen habe er sich immer im Zweikampf zugezogen. Dirk Orlishausen trainiert gerne, und liebt das Gefühl, nach einer Trainingseinheit ausgepowert zu sein. "Ich weiß, wie es ist, arbeitslos zu sein, ich weiß, wie es ist, im Dreischichtsystem zu arbeiten und ich bin körperlich belastbar", erklärt er, um seine Berufsauffassung zu beschreiben.

"Wir sind noch nicht am Maximum"

2011 kam Orlishausen zum KSC, erlebte den bitteren Abstieg in Liga 3 und sagt nun: "Alles, was ich jetzt noch erlebe im Fußball, ist Zubrot." Der 32-Jährige genießt sein Fußballerleben auch deshalb so sehr, weil er weiß, wie schnell es vorbei sein kann. Im April 2014 wurde Hodenkrebs bei ihm diagnostiziert. Zwischen Diagnose und OP lagen nur zehn Stunden. Nach der OP hat er sich zurückgezogen, viel Zeit mit seiner Frau verbracht. Schon zur Vorbereitung auf diese Saison aber war er wieder fit und besticht in dieser Spielzeit mit konstant guten Leistungen.

Die Heilung verläuft sehr gut, Dirk Orlishausen ist gesund und wirkt noch gefestigter als zuvor. Ganz so wie die Mannschaft des KSC, die am kommenden Sonntag mit einem Heimspiel gegen Düsseldorf nach der Winterpause startet. Auch in der vergangenen Saison habe man im Winter Kontakt nach oben gehabt, erinnert sich Orlishausen, aber damals nicht richtig daran geglaubt, es schaffen zu können. Das sei diesmal anders, sagt Orlishausen und auch Trainer Markus Kauczinski sagt: "Wir wollen uns oben festkrallen."

Ein Bundesligaaufstieg wäre die Krönung der ungewöhnlichen Laufbahn von Dirk Orlishausen, der gerade ein Fernstudium zum Betriebswirt absolviert. Später könne er sich auch vorstellen, als Torwarttrainer junge Torhüter auszubilden. Doch das ist noch Zukunftsmusik. Jetzt freut er sich erst einmal auf die Rückrunde, er sagt: "Wir sind als Mannschaft noch nicht am Maximum und haben noch viel Entwicklungspotenzial." Freiwillig geben dieser KSC und dieser Kapitän ihre gute Ausgangsposition nicht mehr her.

Tobias Schächter