Sein Transfer aus dem hohen Norden vom großen Hamburger SV in den tiefsten Süden zum kleinen Freiburger SC war noch gar nicht so lange her, da wurde Keeper Richard Golz von einem Journalisten gefragt, was den "Studenten-Club" Freiburg denn so besonders mache.

"Vor lauter Philosophieren über Schopenhauer kommen wir gar nicht mehr zum Trainieren", lautete die knappe Antwort. Summa cum laude für das Thema "Eloquente Riposte contra ridiküle Journalistenfrage".

"Richie" übergibt die Premieren-Schale

Rund ein Jahrzehnt später durfte Ex-Keeper "Richie" Golz beim SCF wieder Hand an etwas Rundes legen. Denn erstmals in der Geschichte der 2. Bundesliga wurde der Meister mit einer Trophäe, einer Schale, ausgezeichnet.

Und obwohl sich der Club nach dem Übergang von Volker Finke auf Robin Dutt ans Dialyse-Gerät angeschlossen hatte, um neben einigen Personen auch das Akademiker-Klischee hinauszuschwemmen, wurden wieder Erinnerungen wach.

Diesmal zwar nicht an Schopenhauer, der bekanntlich den blinden Willen über alles und jeden stellte - außer über sich selbst natürlich ("Ein Denkmal wird die Nachwelt mir errichten..") - und damit tatsächlich einen probaten Erklärungsansatz für die fulminante Aufstiegssaison des SCF anböte. Nein, diesmal dachte man an Freud. Sigmund, und seinen berüchtigten geflügelten Versprecher.

Motivation für die erneute Titeljagd?

Denn nur kurze Zeit später, nachdem Richard Golz Kapitän Heiko Butscher die Trophäe überreicht hatte, erklärte Meistertrainer Robin Dutt: "Die Schale ist noch einmal ein Symbol dessen, was wir in dieser Saison geleistet haben. Gerade wenn man schon als Aufsteiger feststeht, gibt das nochmal Motivation, Gas zu geben, um diese Schale zu holen. Das wird auch in Zukunft Motivation für die Mannschaft sein."

In Zukunft? - Motivation, die Schale zu holen? In der Bundesliga? Freiburger Ansprüche auf der Bayern liebstes Tafelsilber? - Nein. Natürlich nicht. Denn wenn man genau hinhörte, dann wurde urplötzlich aus dem spektakulären Singular ein ganz gewöhnlicher Plural, aus dem freudschen Versprecher ein plumper Verhörer. "Mannschaften", hatte Dutt gesagt. Die Meister-Schale wäre in Zukunft auch Motivation für andere Mannschaften der 2. Bundesliga. Ach so. Na dann...

Wo es hoch geht, da geht's auch wieder runter

Der Sport-Club spielt in der kommenden Saison nun bekanntlich eine Etage höher - aber man lässt das Freiburger Münster in der Stadt. "Nach einem Aufstieg kommt für einen Verein wie Freiburg wieder ein Abstieg", weiß Achim Stocker.

Und der stadionscheue Präsident des Aufsteigers legt sogar noch eine Schippe Pessimismus nach: "Wir bleiben mittelfristig nicht in der Bundesliga." Stockers Prognose klingt schon sehr fatalistisch, wobei wir dann doch wieder bei der Philosophie wären. Friedrich Nietzsche und "amor fati" lassen grüßen...

Der SC Freiburg sieht sich in erster Linie aber einfach als erstklassigen Ausbildungsverein, als Kaderschmiede, die Jahr für Jahr hervorragende Spieler hervorbringt - wie Johannes Flum oder Ömer Toprak - und dann ziehen lassen muss, weil sie flügge geworden sind, neugierig auf die große Welt des Fußballs, mit all seinen Herausforderungen und verlockenden Titeln - wie Daniel Schwaab. Bei solch einem Konzept muss man ständig Abstriche machen, neu planen, um- und aufbauen.

Argentinische Effektivität, statt brotloser brasilianischer Kunst

So hat Robin Dutt in der Meistersaison noch ein weiteres Klischee abgelegt wie ein altes zerschlissenes Baumwolltrikot: Die "Breisgau-Brasilianer" sind nun endlich mal Geschichte. Es leben die "Schwarzwald-Gauchos"! Schließlich ist Robin Dutt eher der argentinischen Spielwiese zugeneigt - nach dem Motto: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Neben dem bereits vorbildlichen regionalen Scouting für die Freiburger Fußballschule, plant der Sport-Club deshalb auch ein Standbein in Südamerika. "Bevor das eine oder andere Talent durch das Raster fällt, kann es sich bei uns weiterentwickeln", erklärt Sportdirektor Dirk Dufner und arbeitet an einer Kooperation mit einem der Großclubs wie Boca Juniors oder River Plate.

Nur punktuelle Verstärkungen

Dass dieses Nachwuchskonzept fruchtet, untermauerte nach dem Meistertitel der Profis wenige Tage später auch die U19. Im Finale des DFB-Pokals schlugen die Junioren des SCF Borussia Dortmund im Elfmeterschießen und holten den Pott an die Dreisam.

Trainer Dutt und Sportdirektor Dufner werden den Kader für die Bundesliga also nicht in der Breite mit rüstigen Veteranen aufblähen, sondern lediglich gezielt punktuell verstärken. So kam mit Cedrik Makiadi ein torgefährlicher Angreifer zum Sport-Club - in der Hoffnung, er möge seine Torgefahr nicht auf wundersame Weise in der Dreisam versenken wie zuletzt Suat Türker.

Die Einheit als Schlüssel zum Erfolg

Aber grundsätzlich will Dutt der Aufstiegsmannschaft sein Vertrauen schenken. Schließlich verfügt dieses Team über eine Qualität, die im modernen Profi-Fußball keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

Der Kader ist eine feste Einheit, ein verschworener Haufen, angeführt von einem sympathischen und bescheidenen Kapitän Heiko Butscher, der verlängerte Arm des spiritus rector auf dem Trainerstuhl, Robin Dutt.

Routinierte Haudegen, wie eben Butscher, Mo Idrissou oder Ivica Banovic und junge, hochtalentierte Spieler wie Ömer Toprak, Eke Uzoma, Johannes Flum und natürlich Julian Schuster haben miteinander die perfekte Mischung gefunden. Man versteht sich auch neben dem Platz blendend, pflegt einen Umgang über die reine Zweckgemeinschaft hinaus.

Im schlimmsten Fall gibt's ja noch die neue Schüssel...

Mit diesem Esprit kann man im "Oberhaus" schon mal den einen oder anderen Favoriten ärgern. In der Außenseiterrolle hat der SCF dabei die freie Auswahl. Wenn das klappt, ist der Klassenerhalt auch plötzlich gar kein so fernes Ziel mehr.

Falls nicht, dann bietet die Meisterschale der 2. Bundesliga mittlerweile ja genügend neue Motivation, um die Trophäensammlung auf aktuellstem Stand zu halten und nach einem Abstieg einfach wieder umgehend aufzusteigen.

Michael Wollny