Nach nur einem Jahr der Drittklassigkeit kehrt der FC Ingolstadt 04 in die 2. Bundesliga zurück. Die Bayern nutzten den Weg über die Relegation, in der sie den F.C. Hansa Rostock in Hin- und Rückspiel souverän besiegten.

Verantwortlich für den Erfolg ist Michael Wiesinger. Der ehemalige Profi des FC Bayern München begann im Juli 2008 beim FCI - damals allerdings noch als Trainer im Nachwuchsbereich. Im November des vergangenen Jahres wurde Wiesinger schließlich nach einem durchwachsenen Saisonstart zum Cheftrainer befördert.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der 37-Jährige über die Tugenden seiner Mannschaft, die letztendlich auch den Aufstieg ermöglicht haben. Er analysiert den Triumph über Rostock und blickt voraus auf die kommenden Aufgaben. Eines ist ihm klar: eine erneute Fahrstuhlsaison soll mit allen Mitteln vermieden werden.

bundesliga.de: Herr Wiesinger, herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg. Haben Sie denn auch Zeit gehabt, den Erfolg zu genießen?

Michael Wiesinger: Eigentlich nur kurz nach dem Spiel. In der Nacht von Montag auf Dienstag sind wir nach Ingolstadt zurückgefahren. Dort gab es auch eine spontane Feier. Ich selbst bin mittags nach Liechtenstein gefahren. Denn hier bin ich beim Fußballlehrer-Lehrgang. Ich habe also kurz gefeiert, aber dafür intensiv (lacht).

bundesliga.de: Was war ausschlaggebend für die beiden Zu-Null-Siege gegen Hansa Rostock?

Wiesinger: Wir waren extrem fokussiert. Die Mannschaft hat gemerkt, dass sie sich in den zwei Relegationsspielen für die gute Saison einfach noch einmal zusätzlich belohnen kann. Wir waren hoch konzentriert und sehr entschlossen. So sind wir dann auch auf dem Platz aufgetreten. Und letztendlich denke ich, dass wir beide Spiele auch verdient gewonnen haben.

bundesliga.de: Das frühe Tor im Rückspiel war sicherlich sehr gut für Ihre Nerven. Waren Sie dennoch über die teils harmlose Vorstellung der Rostocker überrascht?

Wiesinger: Was heißt überrascht. Entscheidend war, dass wir von der Strategie her auch nach dem 1:0-Sieg in Ingolstadt auch in Rostock aggressiv ins Spiel gegangen sind. Wir wollten von vorne weg draufgehen und nachlegen und eben nicht den knappen Sieg aus dem Hinspiel verwalten. Ich denke schon, dass das die Rostocker überrascht hat. Ich glaube einfach, dass sie damit nicht gerechnet haben. Wir wollten die Verunsicherung der Rostocker zu unseren Gunsten ausnutzen. Wir wollten auch die Stimmung im Stadion nutzen und für Ruhe sorgen.

bundesliga.de: Sie sind nach dem 8. Spieltag zum Cheftrainer befördert worden. Da stand der FCI als graue Maus im Mittelfeld und nur drei Punkte von den Abstiegsrängen entfernt. Was lief zu Saisonbeginn falsch?

Wiesinger: Das möchte ich eigentlich nicht bewerten. Das war der Job von meinem Vorgänger. Ich war der Co-Trainer. Ich habe ab dem Tag, an dem ich zum Cheftrainer befördert wurde, gesagt, dass ich die Mannschaft kenne. Ich weiß, wo ich die Hebel ansetzen muss. Ich kenne die Stärken und Schwächen der Mannschaft. Das habe ich auch gemacht und wir waren dann auch schnell wieder oben dabei.

bundesliga.de: Erstmals stand die Mannschaft unter Ihnen zum Ende der Hinrunde auf einem Aufstiegsplatz. Aber war denn da überhaupt an eine Rückkehr in die 2. Bundesliga zu denken?

Wiesinger: Es gab auch das eine oder andere Tal, durch das wir gegangen sind. Aber letztendlich habe ich immer versucht ihnen zu vermitteln, dass wir bis zum Schluss oben dabei sein können. Aber da müssen wir voll da sein, wenn es drauf ankommt. Das haben wir dann auch gezeigt. Auch wenn es über die Relegation gelungen ist. Das ist auch ein Aufstieg.

bundesliga.de: Was waren denn die Stärken der Mannschaft?

Wiesinger: Für mich war klar, dass die Mannschaft einfach eine klare Ansage brauchte. Sie brauchte ein taktisches Konzept, in dem sie sich wohlfühlt. Das haben wir auch ziemlich schnell erarbeitet. In unserer Vorgabe können sich die Spieler frei bewegen. Es ist eine Mannschaft, die offensiv ausgerichtet ist. Sie muss aber auch immer wieder zu einer defensiven Grundhaltung zurückkehren. An der Rückwärtsbewegung haben wir gearbeitet. Da sind wir wirklich diszipliniert aufgetreten. Man kann nicht immer nur Tore schießen. Man muss auch mal einfach nur gut stehen. Das haben wir versucht zu vermitteln. Das war dann auch der Schlüssel für den Erfolg.

bundesliga.de: Was sind die ersten Schritte, die Sie und der Verein in den kommenden Tagen und Wochen unternehmen müssen?

Wiesinger: Momentan stehe ich mit der sportlichen Leitung per Telefon in regelmäßigem Kontakt. Wir analysieren die vergangenen Wochen und Monate. Wir wissen sehr wohl, was uns in der 2. Bundesliga erwartet. Zwischen der 3. Liga und der 2. Bundesliga besteht einfach ein großer qualitativer Unterschied. Dementsprechend wollen wir einige Veränderungen vornehmen und uns verbessern.

bundesliga.de: Sie haben die erste Zweitliga-Saison des FC Ingolstadt 04 als Nachwuchs- und später als Interims- und Assistenztrainer der ersten Mannschaft miterlebt. Welche Lehren haben Sie aus jener Saison gezogen, die eine erneute Fahrstuhlsaison verhindern sollen?

Wiesinger: Wir haben auf jeden Fall unsere Lehren aus der Saison vor zwei Jahren gezogen. Da sind wir nach dem Aufstieg auch sofort wieder abgestiegen - obwohl wir eine gute Vorrunde gespielt hatten. Das darf uns nicht mehr passieren. Da müssen wir gut aufgestellt sein. Dazu müssen wir die Euphorie nutzen, die jetzt nach dem Aufstieg und mit dem neuen Stadion herrscht. Es sind knapp sechs Wochen, bis wir voraussichtlich am 4. Juli mit der Vorbereitung beginnen werden. Dann beginnt ein neues Kapitel.

bundesliga.de: Ingolstadt ist Ihre bislang einzige Station in Ihrem noch jungen Trainerleben. Wie sehen Sie die Perspektiven des Vereins?

Wiesinger: Die Perspektiven sind sehr gut. Wir haben zum optimalen Zeitpunkt den Aufstieg in die 2. Bundesliga geschafft. Unser neues Stadion wird demnächst eingeweiht. Es herrscht eine Aufbruchsstimmung rund um den Verein herum. Die sportliche Zielsetzung wurde optimal erfüllt und jetzt müssen wir den nächsten Schritt gehen. Jetzt müssen wir uns in der neuen Liga zurechtfinden, die Euphorie ausnutzen und auf diesen Zug auch aufspringen. Wir wollen natürlich zuhause die Grundlage für den Erfolg schaffen. Es ist in der 2. Bundesliga sehr wichtig, dass du gerade zuhause stabil bist. So kommt man nicht auswärts zu sehr unter Druck und muss immer in der Fremde punkten. Das ist schon eine Grundvoraussetzung für den Erfolg.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz