Kritiker und Pessimisten sahen sich bestätigt: Nach einer 0:3-Heimniederlage gegen Union Berlin beim Saisonstart zierte Rot-Weiß Oberhausen das Tabellenende im Unterhaus. In den Zeitungen war von einem blassen, biederen Team die Rede, das jegliche Kreativität vermissen ließ. Um es auf einen Nenner zu bringen: RWO ist ein Fall für den Tabellenkeller - so der Tenor.

Cheftrainer Jürgen Luginger sprach zwar ebenfalls von einer "enttäuschenden Leistung", mochte sich den düsteren Prognosen aber nicht anschließen. Immerhin hatte sein Team auch schon in der Vorsaison zu den Abstiegskandidaten gehört und war am Ende auf Platz neun gelandet.

"Spektakuläre Enwicklung"

Das erste Ausrufezeichen setzte Oberhausen dann schon am zweiten Spieltag, als man bei Augsburgs Stadioneinweihung zum Spielverderber wurde und dem Aufstiegsfavoriten ein 2:2 abtrotzte.

"Wir haben nie viel Aufhebens um uns gemacht, wollen das auch gar nicht. Aber wenn man's genau betrachtet, haben wir eine sehr spektakuläre Entwicklung genommen", analysierte der Coach. In der Tat: Ab dem 3. Spieltag starteten die "Kleeblätter" richtig durch und gewannen drei Mal zu null - zuletzt beim 1:0 gegen Alemannia Aachen.

Oberhausen schon auf Platz vier

"Man fasst es gar nicht, was diese Mannschaft immer wieder abliefert", ist selbst Luginger von seinen Jungs überrascht. Beim Blick auf die aktuelle Tabelle dürften einige Schwarzmaler ihren Augen nicht mehr trauen: Oberhausen, häufig als Team der "Unscheinbaren" bezeichnet, ist schon auf Platz vier vorgerückt.

Doch statt Glückwünschen, Schulterklopfen und Respektsbekundungen zu ernten, muss sich das Team sogar nach Siegen rechtfertigen. "Immer sind die anderen so schwach, das musste ich nach dem Match gegen Aachen am Zaun wieder hören", verrät Thomas Schlieter. Der Verteidiger ist sich jedoch um die eigene Stärke bewusst: "Wir sind auch richtig gut, uns muss erst einmal jemand schlagen. Hinten stehen wir gut und vorne wird das ebenfalls immer besser."

Hinten sicher - vorne Terranova

Das Erfolgsrezept liegt laut Mike Terranova im 4-2-3-1-System, bei dem der Stürmer die linke Seite beackert: "Viele Teams haben damit Probleme." Die letzten drei Treffer seiner Mannschaft gehen allesamt auf das Konto des 32-Jährigen, der zurzeit seinen zweiten Frühling erlebt. Zum gleichen Zeitpunkt der Vorsaison hatte er noch keinen einzigen Treffer erzielt.

Dass hinten die Null steht, liegt nicht zuletzt an Torwart Sören Pirsol, der seit 296 Minuten nicht mehr hinter sich greifen musste. In diesem Zusammenhang lobt der Keeper seine Vorderleute: "Das begründet sich nicht durch eine Person, sondern durch den gesamten Defensivverbund, der sehr gut steht."

RWO-"Riesen" haben die Lufthoheit

Vor allem die Lufthoheit zeichnet die RWO-Defensive aus: Fast zwei Drittel aller Kopfballduelle (64,3 Prozent) konnten die "Kleeblätter" für sich entscheiden - kein anderes Team im Unterhaus kommt auf mehr als 58,3 Prozent.

Hinten sicher - und in der Offensive beweist Oberhausen einen langen Atem. Niemand erzielte in der Schlussviertelstunde mehr Treffer als die Luginger-Elf, die drei Bälle versenkte. Zudem entwickelt sich das Team zum Standard-Spezialisten: Vier Mal netzte RWO nach ruhenden Bällen schon ein, während man nach gegnerischen Standards bislang ohne Gegentreffer blieb.

Und so scheint es nur eine Frage der Zeit, bis auch die ärgsten Kritiker vor den Leistungen der längst nicht mehr "Unscheinbaren" ihren Hut ziehen.

Johannes Fischer