Der FC Erzgebirge Aue stand vor Saisonbeginn bei keinem Experten auf dem Zettel mit den Aufstiegskandidaten. Und doch sind die "Veilchen" völlig überraschend der erste Aufsteiger aus der 3. Liga.

Am vorletzten Spieltag machte Aue mit einem 2:1-Sieg gegen den direkten Konkurrenten aus Braunschweig vor heimischer Kulisse die Sensation perfekt. Vater des Erfolgs ist Rico Schmitt. Mit bundesliga.de spricht der Trainer über das Erfolgsrezept, spät gereifte Aufstiegsträume und die Herausforderung 2. Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Schmitt, herzlichen Glückwunsch zum Aufstieg in die 2. Bundesliga. Haben Sie den Erfolg ausgiebig gefeiert?

Rico Schmitt: Vielen, vielen Dank für die Glückwünsche. Das war natürlich eine Dramaturgie, dass wir die Sensation am vorletzten Spieltag mit einem Heimspiel gegen den starken Gegner Eintracht Braunschweig geschafft haben. An der Stelle möchte ich auch nochmal den Braunschweigern die Daumen drücken. Vielleicht klappt es für sie ja noch mit dem Relegationsplatz. Wir haben gefeiert. Die Mannschaft sehr ausgelassen, die Fans euphorisch. Das hat man auch in den Fernsehbildern gesehen. Natürlich haben auch wir Trainer gefeiert. Aber wir haben noch ein Spiel in der Liga und ein für uns von der Wertigkeit her wichtiges Pokalspiel vorzubereiten. Dieses ganz ausgiebige Feiern heben wir uns für den Sonntag auf.

bundesliga.de: Das Spiel gegen Braunschweig am 37. Spieltag war ja ein richtiges "Finale". Was war ausschlaggebend für den 2:1-Sieg?

Schmitt: Unterm Strich hat die Mannschaft super Charakter bewiesen und im richtigen Moment das entscheidende Tor gemacht. Es war ein starker Gegner, der seine vielleicht letzte Chance auf den direkten oder indirekten Aufstieg unbedingt nutzen wollte. Das hat man gesehen. Die erste Halbzeit war ausgeglichen. Von den Chancen her stand es aber 3:1 für uns. In der zweiten Halbzeit war es wieder ausgeglichen bis zu unserem 1:0. Braunschweig spielte sehr offensiv, glich aus und anschließend hatten wir bei drei Großchancen der Eintracht Glück. Und dann schoss Pierre Le Beau das Tor, das uns das Tor zur 2. Bundesliga geöffnet hat. DieDramaturgie war unglaublich. Es hat sich in dem Spiel wieder gezeigt, dass sich hier über die vergangenen Wochen und Monate eine Mannschaft gefunden hat, die sich ihrer Stärken bewusst ist. Eitelkeiten und Egoismus, den jeder Spieler auch ruhig haben soll, wurden zurückgestellt. Man hat gesehen, da steht eine Mannschaft auf dem Feld, die auch an die Sache glaubt, die ihren Weg gegangen ist und jetzt ist der Aufstieg perfekt. Das ist eine Sensation!

bundesliga.de: Sie sind seit 2005 bei Aue und haben viele Höhen und Tiefen miterlebt. Welchen Stellenwert messen Sie diesem Aufstieg bei?

Schmitt: Der ist mit gleich mit dem Aufstieg 2003 unter Gerd Schädlich zu werten. Ich war selber damals noch nicht dabei. Aber was ich mitbekommen und erfahren habe, war das damals eine Situation, mit der man nicht gerechnet hatte. Es war der allererste Aufstieg in die 2. Bundesliga. Dann hat man fünf Jahre 2. Bundesliga gespielt. Wenn man das wirtschaftliche Umfeld sieht, was die Region Aue und das Erzgebirge hergeben und das mit anderen Regionen in Ost- wie Westdeutschland vergleicht, dann war das schon eine Sensation. Nach dem Abstieg dachte man, das könnte ins Uferlose abdriften. Da gibt es ja auch genügend Beispiele für, gerade in Ostdeutschland. Doch Verein, Mannschaft, die Wirtschaftsträger und das Funktionsteam haben in beeindruckender Art und Weise diesen schnellen Wiederaufstieg geschafft. Damit hat niemand gerechnet. Man hatte eigentlich das Ziel gehabt, sich langfristig in der 3. Liga zu etablieren. Das war auch das Ziel, als ich 2009 zum Cheftrainer geworden bin. Es ist die gleiche Sensation wie 2003.

bundesliga.de: Aller Anfang war schwer. Nach dem 6. Spieltag standen Sie mit Aue nur auf Rang 16. War damals überhaupt an den Aufstieg zu denken?

Schmitt: Bis vor wenigen Tagen - ich glaube es war nach dem Wiesbaden-Spiel - habe ich das Wort Aufstieg ja gar nicht in den Mund genommen. Klassenerhalt und Stabilisierung in der 3. Liga waren die vor der Saison ausgegebenen Ziele. Nach dem 0:1 gegen Heidenheim zu Hause am 6. Spieltag und der 0:3-Niederlage davor in Dresden, wo wir sang- und klanglos untergegangen sind, standen wir auf Platz 16. Das stimmt. Aber vielleicht war es der richtige Weckruf. Es hat die Spieler an die Saison davor erinnert. Dann haben wir das Spiel in Wuppertal gewonnen, es ging wieder in positivere Bahnen. Es ist jetzt so wie es ist. Die Mannschaft ist zu einer Spitzenmannschaft gereift und hat sich den Aufstieg verdient.

bundesliga.de: Aue ist daheim seit 16 Spielen ungeschlagen. Wie entscheidend war der Rückhalt der Fans in dieser Saison und wie wichtig wird er erst in der kommenden Saison sein?

Schmitt: Hervorragend, sensationell. Wahnsinn, was da auch an Potenzial drin steckt in unseren Fans. Da können wir uns auch mit großen Traditionsvereinen messen. Vor allen Dingen geht es friedlich zur Sache. Wir wurden auch auswärts so toll unterstützt. Selbst wenn es nicht gut lief. Ich erinnere mich an das letzte Auswärtsspiel 2009 in Ingolstadt. Da haben wir 1:5 verloren und trotzdem sind die Fans mitgefahren. Ich denke an die begeisterten Spiele hier zuhause. Die Fans und die Mannschaft haben sich auch in schwierigen Phasen gegenseitig mitgerissen. Die 2. Bundesliga ist wieder eine Stufe höher. Ich wünsche mir, dass die Unterstützung da so bleibt. Aber darauf können wir uns sicher verlassen. Es wird nicht immer alles rund laufen. Da bin ich mir sicher. Und auch in diesen Zeiten wünsche ich mir die Unterstützung, die wir in dieser Saison haben.

bundesliga.de: Von den bisherigen 18 Spielen im Jahr 2010 hat Erzgebirge nur zwei verloren. Was war ausschlaggebend für diesen Erfolg der vergangenen Monate?

Schmitt: Wir hatten schon eine hervorragende Hinrunde gespielt, die uns kaum einer zugetraut hat. Wir holten da 31 Punkte. Wir haben einige hochkarätige Spieler verpflichtet. Da musste sich der Verein auch finanziell an die sprichwörtliche Decke strecken. Aber das war ausschlaggebend. Wir hatten Alternativen und die Qualität. Es gehört eine gewisse Teamfähigkeit dazu. Der Grundstein wurde in der Rückrunde im Trainingslager in der Türkei gelegt. Auch die Trainingsarbeit insgesamt. Wir konnten ein System um die Mannschaft bauen, in dem sie sich wiedergefunden haben. Es gibt auch immer Enttäuschungen, Spieler, die sich zurückgesetzt fühlen. Aber dieses System hat gegriffen. Gerade in schweren Spielen ist die Mannschaft über sich hinausgewachsen. Es gab sicherlich spielerisch bessere Mannschaften, aber die Mannschaft hat einen großartigen Charakter. Wir konnten einen guten Mix zwischen spielerischen Elementen und auch Kampf herzustellen. In der Rückrunde ist es uns trotz der wetterbedingten Spielabsagen gelungen, die Spannung innerhalb der Mannschaft hochzuhalten.

bundesliga.de: Für Sie selbst ist die 2. Bundesliga - ebenso wie es die 3. Liga war - Neuland als Cheftrainer. Was sehen Sie als Ihre größte Herausforderung in den kommenden Wochen der Vorbereitung und Planung an?

Schmitt: Die Schwere der Aufgabe liegt darin, den Kader zu finden. Möglichst zügig, doch gleichzeitig wollen wir uns da auch nicht unter Druck setzen lassen. Wir wollen mit unseren Spielern fair umgehen. Jeder weiß, dass der Kader auf vier, fünf, sechs Positionen verstärkt werden muss. Das gilt es jetzt, den Markt zu sondieren. Drei Monate sind es noch hin bis zum Saisonstart. Da gilt es, auch die Trainingsarbeit bis dahin gut zu gestalten. Es gibt jede Menge Arbeit, auf die wir uns aber sehr freuen.

bundesliga.de: Ein Blick auf die aktuelle Tabelle der 2. Bundesliga zeigt, wie unberechenbar und ausgeglichen diese Liga ist. Auf was freuen Sie sich in der 2. Bundesliga am meisten?

Schmitt: Die 3. Liga war sehr ausgeglichen. Da konnte jeder jeden schlagen. Da ging es oft um die Tagesform. Jetzt freuen wir uns, dass wir uns mit gestandenen Zweitliga-Mannschaften und Teams mit Bundesliga-Erfahrung messen dürfen. Mit Hertha BSC kommt - auch vom Etat her - ein Riese in die 2. Bundesliga. Es erwarten uns spannende Spiele, eine hohe sportliche Qualität, tolle Stadien. Alles in allem ist das nochmal eine Stufe höher in Richtung absolutem Spitzensport. Und darauf freuen wir uns.

Die Fragen stellte Sebastian Stolz