München - Das Sprichwort, wonach ein Auto viel über den Besitzer sagt, wird bei Zweitliga-Aufsteiger RasenBallsport Leipzig nicht wörtlich genommen. Das Nummernschild des Mannschaftsbusses aber schon. Es ist quasi der Wegweiser. Vor zwei Jahren startete das Gefährt mit dem Kennzeichen "L-RB 4321", mittlerweile ist nur noch "L-RB 21" zu lesen.

Die Sachsen haben es in zwei Jahren von der Regionalliga in die 2. Bundesliga geschafft. Beim entscheidenden Spiel gegen Saarbrücken (5:1) sorgten 42.713 Zuschauer im Leipziger WM-Stadion für eine Rekord-Kulisse. Bereits in Liga 3 boomt die Fußballstadt Leipzig. Und das soll noch lange nicht das Ende sein, wie die Eins im Kennzeichen beweist. "Unser Weg ist ein spezieller, ein ganz eigener", sagte Sportdirektor Ralf Rangnick. Er soll zwangsläufig in die Bundesliga führen.

Zwei Väter des Erfolgs

Der 55-jährige Rangnick ist jener Mann, mit dem in Leipzig der Aufschwung seinen Lauf nahm. "Ab heute beginnt eine neue Zeitrechnung", sagte der ehemalige Trainer beim Amtsantritt seines ersten Sportdirektor-Postens im Juni 2012. Was wie eine Drohung klang, dürfte sich für viele ehemalige Mitarbeiter von RB Leipzig auch so angefühlt haben.

In Leipzig musste unter anderem der damalige Coach Peter Pacult seinen Hut nehmen, "weil er unseren Weg nicht mitgehen wollte". Stattdessen setzte Rangnick auf Jugend und deutsche Wertarbeit - bei Trainern und Spielern. Von Sonnenhof Großaspach holte er Alexander Zorniger als Coach in die sächsische Metropole. Ein Glücksgriff, wie sich erwiesen hat.

Toptalente statt Altstars

Der Personalwechsel beim Funktionsteam setzte sich nahtlos beim Spielerkader fort. Der Altersschnitt von über 28 Jahren im Leipziger Kader war Rangnick ein Dorn im Auge. Statt auf Altstars setzte er von Beginn an voll auf die Jugend. "Wir wollen ausschließlich im Segment der Toptalente Spieler verpflichten", erklärte Rangnick. Zu seiner Hoffenheimer Zeit entdeckte und formte er unter anderem heutige Stars wie Demba Ba (FC Chelsea) oder Luiz Gustavo (VfL Wolfsburg).

Parallelen zu seiner Arbeit bei der TSG will Rangnick deshalb gar nicht leugnen. "Auch in Hoffenheim haben wir stark auf junge Leute gesetzt. In Leipzig wollen wir nur auf Spieler zurückgreifen, für die der Wechsel zu uns der richtige und nächste Karriereschritt ist." Zwischen 17 und 23 Jahren müssen die Spieler sein, um überhaupt für RB in Frage zu kommen. Rangnick nennt auch gleich den Grund für diese Philosophie: "Wir streben an, dass die Entwicklung des Vereins und der Spieler simultan verläuft."

Dabei gebe es auch Alternativen, wie der Sportdirektor bestätigt. "Mir wurde vor kurzem von einem Spielerberater ein 30 Jahre alter Topstürmer ablösefrei angeboten, doch das kommt für uns nicht infrage. Das ist nicht unser Weg."

Stattdessen wird weiter an der Verjüngung des Kaders gearbeitet. Vom Stammpersonal in Leipzig ist mittlerweile nur noch der ehemalige Schweizer Nationalkeeper Fabio Coltorti (33) deutlich älter als 30 Jahre. Und der Altersschnitt soll noch weiter sinken.

Pressing als oberste Prämisse

Der Trainer trägt diese Entscheidung für die Jugend mit und erntet den Lohn. Zorniger stieg mit Leipzig zwei Mal in Folge auf, wodurch sich sein Vertrag um zwei Jahre bis zum Sommer 2016 verlängerte (Rangnick: "Warum sollen wir jetzt etwas ändern?").

Die taktische Ausrichtung und das System wurde von Rangnick mit den Trainern gemeinsam erarbeitet. Pressing und Umschaltbewegung sind die Schlagworte. Um die erfolgreiche Umsetzung zu gewährleisten, wird schon bei der Spielerbeobachtung auf Details geachtet. "Unseren Scouts geben wir auch immer einen Auftrag mit auf den Weg: Schaut, was ein Spieler macht, wenn der Gegner den Ball hat. Sagt der dann: 'Ich bin mal weg' oder sagt er sich: 'Hurra, wo kann ich Bälle erobern?'"

Einzigartige Möglichkeiten

Die Philosophie soll bis hinunter in den Leipziger Nachwuchsbereich umgesetzt werden. An der Infrastruktur der Zukunft wird bereits gearbeitet. Im Mai 2015 soll das ungefähr 35 Millionen Euro teure RB-Trainingszentrum in Leipzig bezugsfertig sein. Bereits seit mehreren Jahren in Betrieb sind Nachwuchsakademien in Sogakope/Ghana und Sao Paulo/Brasilien, deren Talente auch für den Schwesterverein RB Salzburg in Frage kommen. Somit soll der Spielerzufluss in den kommenden Jahren vermehrt aus dem "eigenen Haus" erfolgen.

Die Leipziger Jugendmannschaften sind sogar schon weiter als die Profis. Die Leipziger B-Jugend ist in der Bundesliga auf dem besten Weg in die Endrunde. Aktuell liegt die Mannschaft bei zwei Spielen weniger einen Punkt hinter Hertha BSC. Die A-Junioren standen in der Regionalliga Nordost zwei Spieltage vor Schluss bereits als Meister fest. Trotzdem dämpft Boss Rangnick, der mit Frieder Schrof und Thomas Albeck zwei Nachwuchsexperten vom VfB Stuttgart nach Leipzig geholt hat, die Erwartungen. "Es wird noch zwei, drei Jahre dauern, bis wir die Früchte unserer Nachwuchsarbeit ernten können."

Jugend forsch Richtung Bundesliga

Bis es soweit ist, fahndet der gut vernetzte Rangnick vornehmlich im Ausland nach Talenten. Einer seiner Transfers von hochbegabten Jungspunden, der unter anderem den Altersschnitt des Kaders auf aktuell 25,1 Jahre senkte, ist jener von Yussuf Poulsen. Der 19-jährige Däne kam vor der Saison von Lyngby BK nach Sachsen, avancierte mit zehn Treffern zum verlässlichen Torjäger und gilt als Vorzeige-Beispiel des Leipziger Weges. "Wir machen es gerade nicht nur mit monetären Mitteln, sondern wollen Spieler entwickeln. Wir wollen Akteure, die in Leipzig ihren ersten oder zweiten Profi-Vertrag unterschreiben", erklärte Rangnick.

Der Weg der Leipziger ist auch ohne Routiniers erfolgreich, wie das Nummernschild beweist. Im besten Fall könnte bereits in einem Jahr "L-RB 1" den Mannschaftsbus zieren. RB stünde dann für Richtung Bundesliga. Und den Rest der Geschichte erzählt das Nummernschild.

Christoph Gailer