In der zweiten Halbzeit trauten sie sich dann, die etwa 200 Hansa-Fans, die 750 Kilometer nach Ingolstadt auf sich genommen hatten. "Auswärtssieg, Auswärtssieg" riefen sie, zunächst schüchtern, dann immer lauter.

Doch ab der 73. Minute waren sie schon wieder verstummt. Da erzielte der FC Ingolstadt durch Steffen Wohlfarth jenes Tor, das Hansa Rostock den zweiten Abstieg in zwei Jahren bescheren könnte - 3. Liga ante portas.

Es war ein Tor, wie man es oft nur im Abstiegskampf bekommt: Der gegnerische Stürmer Steffen Wohlfarth enteilt seinem Gegenspieler hinter dessen Rücken, er bekommt die Flanke an die Brust, und von dort kullert der Ball aufs Tor zu - und Keeper Alexander Walke lässt ihn unglücklich an sich vorbei ins Netz gleiten.

Zu wenig Druck von allen Mannschaftsteilen

Ein Hauch von Verzweiflung war der Mannschaft nach dem Spiel auch anzumerken, die meisten Spieler verschwanden nach dem Duschen sofort im Mannschaftsbus. "Das Gegentor nach einem Ballverlust im Mittelfeld war sehr ärgerlich", sagte Hansa-Trainer Marco Kostmann. "Wir selbst haben auch zu wenige Chancen gehabt. Alle Mannschaftsteile haben zu wenig Druck aufgebaut."

Oft heißt es, die 3. Liga begegne der 2. Bundesliga in Sachen Zweikampfstärke und Kampfeswillen auf Augenhöhe und die 52,9 Prozent gewonnenen Zweikämpfe für die "Schanzer" belegen dies. Vor allem in der ersten Hälfte ließen sich die Rostocker den Schneid abkaufen. Allerdings kämpften sie in der Schlussphase aufopferungsvoll, wenn auch oft glücklos.

Bezeichnend war die beste Möglichkeit für Hansa durch Fin Bartels noch vor dem Rückstand. In aussichtsreicher Position rutschte ihm jedoch der Ball über den Schlappen, er verzog deutlich (56.). Für ihre Bemühungen hätten die Rostocker jedoch das Unentschieden verdient gehabt, dafür sprechen auch 14:11 Torschüsse und 8:2 Ecken. Sollte Rostock die Leistung der zweiten Halbzeit ins Rückspiel transportieren können, benötigen sie lediglich noch das Quäntchen Glück, das diesmal die Ingolstädter hatten.

Kostmann muss wieder umstellen

Ein negatives Indiz für den Kampfeswillen waren jedoch die sechs Gelben Karten für die Gäste, die nun dem Trainer Kopfzerbrechen bereiten - vor allem, was die Verteidigung angeht. Kai Bülow und Kevin Schlitte fehlen nach ihrer fünften Gelben Karte nun gesperrt. Schlittes Relegations-Bemühungen endeten sogar schon nach 35 Minuten, als er Gelb-Rot-gefährdet Platz machen musste für Dexter Langen, der hernach ein passables Spiel machte.

"Wir mussten ja schon vor diesem Spiel umstellen, und am Montag werden wir das wieder tun müssen", sagt Kostmann. Viele Möglichkeiten habe er da nicht mehr, aber ein, zwei Optionen sehe er noch. Keine guten Vorzeichen gegen eine Mannschaft, die in der regulären Saison 72 Tore erzielt hat - Rostock gelangen in vier Spielen weniger gerade einmal 33.

Trotzdem oder gerade deshalb kündigt Kostmann an, nun nicht "auf Teufel komm raus" anstürmen zu wollen. Die nötigen Umstellungen - Bradley Carnell spielte zum Beispiel auf der ungewohnten Sechser-Position - waren im Hinspiel auch der Grund dafür, dass Ingolstadt zunächst besser ins Spiel gefunden hatte.

Unterstützung von den Fans

Nun wird für Rostock in der zweiten Partie viel davon abhängen, im eigenen Stadion nicht die Geduld zu verlieren. Und das gilt auch für die Zuschauer, die nun eine letzte Möglichkeit bekommen, ihr Team lauthals, aber fair zu unterstützen.

Aus Ingolstadt berichtet Christoph Leischwitz