Bereits aus weiter Ferne kann man sie schon gut erkennen. Wuchtig, beinahe schon bedrohlich, thront die Spielstätte des 1. FC Kaiserslautern über der Stadt.

Beim Anblick des "Betze", wie das Fritz-Walter-Stadion umgangssprachlich genannt wird, fühlt man sich irgendwie an eine mittelalterliche Festung erinnert. Vor rund 500 Jahren hätte ein Reisender bei diesem Anblick sicher an ein Wort gedacht - "uneinnehmbar".

Breitner hat die Nase voll

Besser lässt sich das Spektakel, das Jahrzehnte lang auf dem Betzenberg vonstatten ging, wohl auch nicht beschreiben. Sämtliche Bundesligamannschaften reisten auf Deutschlands höchsten Fußballberg, um ihr Glück zu versuchen. Meistens jedoch traten sie die Heimreise mit hängenden Köpfen an.

So ist auch der Ausspruch von Paul Breitner nicht verwunderlich, als der damalige Bayern-Profi in den 70er Jahren vorschlug, doch "die Punkte per Post" nach Kaiserslautern zu schicken, weil er keine Lust mehr auf die jährliche Schlappe bei den "Roten Teufeln" hatte.

Abstieg in 3. Liga drohte

Und auch in den 90er Jahren, in denen der FCK mit zwei Meisterschaften und zwei Pokalsiegen die letzten großen Erfolge feierte, war es vor allem die Heimstärke der Pfälzer, die den Unterschied machte. In der Saison 1997/98, in der Kaiserslautern sensationell als Aufsteiger die Meisterschaft gewann, holte der Club 41 von möglichen 51 Punkten zuhause. So viele, wie kein anderes Team.

Doch dann lief irgendetwas schief. Auf einmal gelang es den Gegnern, Punkte vom "Betze" zu entführen. Die Traditionsmannschaft rutschte in der Bundesliga immer weiter ab und musste nach der Saison 2005/06 erneut den Gang in die 2. Bundesliga antreten. Der Tiefpunkt kam in der vergangenen Spielzeit. Lange sah es so aus, als müssten die "Lautrer" sogar in die 3. Liga absteigen. Erst am letzten Spieltag gelang es, den Sturz abzuwenden und die Klasse zu halten.

Mit Kuntz zu alter Stärke

Wichtigster Mann dabei war einer der "alten Helden". Stefan Kuntz, der 1990 mit dem FCK den DFB-Pokal und ein Jahr später die Meisterschaft holte, kehrte am 8. April 2008 als Vorstandvorsitzender zu seiner "großen Liebe" zurück.

Durch sein Bekenntnis zum Verein ging ein Ruck durch die ganze Region. Auf einmal glaubten Fans und Spieler wieder daran, diese schier ausweglose Situation noch meistern zu können. Sieben Spieltage vor Schluss war Kaiserslautern nämlich schon sechs Punkte vom Klassenerhalt entfernt. Doch mit dem Torjäger von einst kam die Wende.

Der Europameister von 1996 hatte nicht nur Hoffnung mitgebracht, sondern anscheinend auch die verloren gegangene Heimstärke. Aus den verbleibenden sieben Begegnungen holten die wiedererstarkten "Roten Teufel" 14 Punkte und gewannen dabei jedes der vier Spiele auf dem "Betze". Nur zum Vergleich: Vor Kuntz gab es 25 Punkte - aus 27 Spielen!

"Teufel" mit stürmischem Start

Und der Trend setzt sich fort. Der 1. FC Kaiserslautern ist in dieser Saison so gut gestartet wie seit sieben Jahren nicht mehr. Zehn Punkte aus vier Spielen bedeuten Platz 1 in der Tabelle. Die beiden Heimsiege gegen Nürnberg (2:1) und St. Pauli (4:1) erinnerten sogar wieder an die alten Zeiten, als die "Betzenberg-Atmosphäre" die Gegner zittern ließ.

Aber nicht nur in der Pfalz, sondern auch auswärts zeigt die Mannschaft wieder Moral und Kämpferherz. Zum Saisonauftakt in Mainz lagen die Jungs von Trainer Milan Sasic zur Halbzeit bereits mit 0:3 zurück. Am Ende gab es ein 3:3 und den ersten Auswärtszähler. Und auch zwei Wochen später beim Aufsteiger Ingolstadt kam der FCK nach einem 0:1-Rückstand zur Pause wieder zurück, gewann am Ende sogar 3:1.

Mit fast 20 Torschüssen gaben die Pfälzer ligaweit die meisten ab. Im Vergleich zur vergangenen Saison verdoppelte der FCK seine Chancenverwertung auf 20,7 Prozent und verdreifachte seine Torausbeute. Durchschnittlich drei Bälle zappelten bisher pro Partie im gegnerischen Netz.

Lautern ist zurück!

Als der "kicker" von Milan Sasic nach dem guten Saisonstart wissen wollte, ob dem Trainer nicht unheimlich zumute sei, antwortete er lächelnd: "Warum? Wir haben doch erst angefangen." Und auch das Bewusstsein der Spieler hat sich verändert. "Wenn wir so weiter machen, dann ist eine gute Platzierung durchaus möglich", sagte Mittelfeldmann Josh Simpson.

Subtext der vor Selbstvertrauen strotzenden Aussagen: Fußball-Deutschland hüte dich, der "Betze" brennt wieder!

Gregor Nentwig