Eine Festung, so besagt es die Online-Enzyklopädie Wikipedia, ist eine eigenständige Wehranlage permanenter Bauart, die systematisch für die Verwendung von und den Schutz gegen Feuerwaffen eingerichtet ist. Der Ursprung des Begriffs "Festung" findet sich im mittelhochdeutschen Adjektiv "veste" im Sinne von "beständig, hart, stark" wieder.

"Beständig stark" - so lässt sich auch der Auftritt der Koblenzer Profifußballer umschreiben, wenn sie auf heimischem Rasen gegen den Ball treten. Seit mehr als einem Jahr und seit exakt 18 Heimspielen in der 2. Bundesliga haben die Mannen von Trainer Uwe Rapolder das Grün ihrer Heimspielstätte nicht mehr als Verlierer verlassen. Das Stadion Oberwerth hat sich zu einer wahren Festung für die TuS entwickelt.

Die 0:5-Heimklatsche gegen den späteren Zweitliga-Meister Borussia Mönchengladbach am 7. Oktober 2007 war die bisher letzte Pleite an der Jupp-Gauchel-Straße. Das 15.000 Mann fassende Stadion im Stadtteil Oberwerth, das auf einer ehemaligen Rheininsel liegt und über die Horchheimer Brücke und die Südbrücke mit dem Stadtteil Horchheim verbunden ist, bescherte der TuS im Ligabetrieb acht Erfolge und zehn Remis, bei einem Torverhältnis von 30:13.

Taylor rätselt

Eine beachtliche Serie. Zumal die TuS-Profis nun wahrlich keine Überflieger sind. In der Vorsaison dem Absturz in die 3. Liga um drei Punkte entronnen, steht der Aufsteiger von 2006 in dieser Saison nach zwölf Spieltagen auf einem Abstiegsplatz. Der Rang-17. hat zwölf Zähler vor eigener Kulisse und nur einen auswärts gesammelt, wegen Lizenzverstößen wurden aber als Strafe drei Punkte abgezogen.

Warum es auf heimischem Terrain so gut läuft, weiß manch Beteiligter selbst nicht. Der aktuelle interne Toptorjäger Matthew Taylor, der all seine vier Treffer im Stadion Oberwerth feierte, ist ratlos. "Ich suche auch noch nach der Antwort", erklärt der Stürmer im Gespräch mit bundesliga.de. "Ich weiß nicht, warum, aber daheim spielen wir einfach unglaublich selbstbewusst und alles scheint leichter von der Hand zu gehen."

Vier Weltrekorde

Drei Siege und drei Unentschieden fuhr die Rapolder-Elf in der laufenden Saison zuhause ein. Auch so mancher Aufstiegsaspirant ließ in Koblenz Federn. Während der 1. FC Nürnberg und der MSV Duisburg zumindest jeweils ein 1:1 erreichten, kam der 1. FC Kaiserslautern böse unter die Räder und verließ das zwischen 1935 und 1936 erbaute Stadion Oberwerth mit einer 0:5-Packung im Gepäck.

Vielleicht ist es ja genau jenes Flair der geschichtsträchtigen Vergangenheit, das die Heimelf zum Erfolg treibt und Auswärtsmannschaften lähmt. Das Stadion Oberwerth genoss nämlich dank seiner sechsbahnigen Vollkunststofflaufbahn im Zeitraum von 1960 bis 1992 einen fast schon legendären Ruf als Austragungsort der Internationalen Abendsportfeste. Vier Lauf-Weltrekorde wurden dort aufgestellt - unter anderem von Edwin Moses, der 1983 die 400 Meter Hürden in 47,02 Sekunden zurücklegte. Das ist bis heute die zweitschnellste je gelaufene Zeit auf der Strecke und wurde erst von Kevin Young 1992 unterboten (46,78).

"Wir fühlen uns einfach wohl im alten Stadion Oberwerth, die Auswärtsteams eher nicht so. Vielleicht ist es der Geist vom Oberwerth, der uns zuhause immer unterstützt", erklärt Defensivmann Andreas Richter gegenüber bundesliga.de mit einem Augenzwinkern.

Ein Stadion "der alten Schule"

In der Tat ist die Heimstätte der Koblenzer ein Stadion der "alten Schule" und genau das Gegenteil einer modernen Fußball-Arena. Das Rund ist offen, die Leichtathletik-Bahn hält die Zuschauer vom Spielfeldrand fern, weshalb so mancher Anhänger neben der Eintrittskarte und dem Fanschal einen kleinen Feldstecher mitbringt. Die Stimmgewaltigen auf den Stehrängen in den TuS-Hardcore-Fanblöcken 1 und 2 trotzen Wind und Wetter, wie auch die Zuschauer auf den Schalensitzen der Gegengerade. Knapp die Hälfte der Besucher hat kein Dach über den Kopf.

Doch das gehört zum Fußball in Koblenz einfach dazu, die Fans haben sich damit arrangiert. Es gibt einige TuS-Anhänger, die sich gegen einen Stadionneubau aussprechen, die wollen, dass die Atmosphäre so bleibt wie sie ist, dass es nach Schweiß und Bratwurst riecht. Zu Tausenden strömen die Zuschauer zu den Heimspielen und unterstützen ihre TuS. Auch wenn der Oberwerth - mit Verlaub - kein Hexenkessel ist, dennoch machen die Gesänge und Anfeuerungsrufe von den Rängen den Spielern Beine.

Richter: "Fans tragen uns nach vorne"

"Wir leben zuhause von unserem tollen Publikum, die Fans stehen 90 Minuten hinter uns. Nicht umsonst haben wir in dieser Saison schon zwei Mal einen Rückstand aufgeholt", führt Abwehrrecke Matej Mavric gegenüber bundesliga.de aus. Sein Partner in der Innenverteidigung, Andreas Richter, ergänzt: "Fans sind im Fußball immer ganz besonders wichtig. Gerade bei unseren Heimspielen tragen sie uns nach vorne. Sie sind ein großer Garant für unsere unglaubliche Heimstärke." So sieht es auch Coach Rapolder: "Wir haben durch unser Publikum zuhause einfach mehr Trümpfe in der Hand als auswärts."

Besondere Rituale oder eine spezielle Vorbereitung auf die Heimspiele gebe es nicht, versichern die Spieler. Schon eher habe die Heimserie der Serie wegen Bestand. "Nach so einer unglaublichen Serie ist man schon sehr selbstbewusst. Es ist schön zu wissen, dass wir zuhause eine Macht sind", sagt Richter. "Heimspiele sind für uns Spieler immer besonders motivierend." Dass der psychologische Aspekt mitunter entscheidet, gilt für Matej Mavric als sicher: "Die Psyche spielt eine große Rolle: Wir sind einfach davon überzeugt, dass uns im Stadion Oberwerth keiner schlagen kann."

Das auswärtsstärkste Team kommt

Eine schwere Prüfung steht der Festung Oberwerth am Sonntag bevor, wenn der 1. FSV Mainz aufkreuzt. Die Rheinhessen stellen in der laufenden Saison das auswärtsstärkste Team, haben vier ihrer sechs Partien in der Fremde gewonnen und zudem ein Remis geholt.

Dass jede Serie einmal zu Ende geht, steht außer Frage. Das hat auch der MSV Duisburg erfahren, der den Heimrekord in der 2. Bundesliga hält. Die "Zebras" blieben zwischen April 1990 und 1996 in 58 aufeinanderfolgenden Heimspielen ungeschlagen. Die zweitlängste Serie dieser Art kann der FC St. Pauli vorweisen: Die Hamburger haben von Mai 1994 bis August 1998 in 38 Zweitligapartien in Folge am Millerntor nicht verloren. In der Bundesliga war der FC Bayern München zwischen April 1970 und September 1974 in 73 Heimspielen nicht zu bezwingen.

"Vielleicht gelingt es uns ja, die Rekordserie zu knacken", sagt Richter. Das wird sich zeigen. Wenn die Koblenzer vor eigener Kulisse aber weiterhin beständig stark spielen, dann wird die Festung Oberwerth noch lange bestehen.

Thorsten Schaff