Karlsruhe - Gelingt dem SV Darmstadt 98 das Meisterstück - der Durchmarsch von Liga 3 in die Bundesliga? Nach dem 1:0-Sieg beim direkten Konkurrenten Karlsruher SC stehen die Lilien auf dem zweiten Tabellenplatz und der Aufstieg ist zum Greifen nah.

Ist das der beste Marcel Heller, den es je gab? Marcel Heller ist diese Frage fast peinlich, deshalb sagt er, das müssten andere beantworten. Marcel Heller ist 29 Jahre alt und Fußballprofi. Er hat mal bei Eintracht Frankfurt den Durchbruch in der Bundesliga nicht geschafft und dann noch in Duisburg, Dresden und Aachen oft vergeblich die Stiefel geschnürt, bevor er 2013 zum SV Darmstadt 98 wechselte.

Damals kickten die Lilien in der 3. Liga und die Bundesliga schien für den Verein und für Marcel Heller nur noch eines zu sein: Erinnerung. Fast zwei Jahre ist das jetzt her und als Marcel Heller Montagnacht das 1:0 der Lilien beim KSC kommentieren durfte, da war diese Bundesliga für diesen Spieler und diesen Verein plötzlich wieder ein Traum, der sich schon in zwei Wochen erfüllen könnte.

Der Wahnsinn geht weiter

Darmstadt 98 steht durch diesen Triumph in Baden zwei Spieltage vor Saisonende in Liga zwei auf dem zweiten Tabellenplatz, der den direkten Aufstieg in die Bundesliga bedeutet. Das könnte man für einen Witz halten, wenn man nicht wüsste, dass es wahr ist: Der Wahnsinn von Darmstadt geht weiter.

Dieser Flow, den der Trainer Dirk Schuster und diese Mannschaft seit dem Relegations-Aufstieg gegen Bielefeld vergangenen Mai notorisch am Leben erhalten, geht immer weiter. Marcel Heller sagt: "Die Situation ist jetzt so, wie es die Tabelle sagt." Genau. Und mehr sagt kein Darmstädter Spieler, das Wort Aufstieg nimmt keiner in den Mund. Die Lilien machen weiter auf Underdog und Trainer Schuster erklärt: "Ich sehe keinen Sinn darin, aus der Euphorie etwas herauszuposaunen."

Darmstadt kaum aufzuhalten

In Karlsruhe zeigte diese Mannschaft alles, was sie auszeichnet: Leidenschaft, Hingabe, taktische Disziplin, Eifer und den Instinkt, im richtigen Moment das Richtige zu tun. Marcel Heller zum Beispiel ist so schnell, dass er, einmal im Laufen, kaum aufzuhalten ist. Nach einem Eckball für den KSC und einem Fehler von Manuel Torres rannte der kleine Linksaußen in der eigenen Hälfte los, schüttelte den nicht langsamen Karlsruher Yamada ab und hatte nach 60 Metern Vollsprint noch die Übersicht, um Tobias Kempe den Ball genau auf den Fuß zu legen – Kempe schob die Kugel aus fünf Metern zum Siegtreffer ein (66.).

Etwas Außergewöhnliches schaffen

"Weltklasse" nannte sein Trainer Dirk Schuster diese Aktion und überhaupt: Der Marcel, sagt Schuster, ist mit Ball schneller als viele Gegenspieler ohne. Weltklasse und Marcel Heller – auf den Gedanken ist noch nie jemand zuvor gekommen. Aber in Darmstadt geht im Moment alles. Heller sagt achselzuckend: "Ich habe hier das Vertrauen des Trainers. Das war früher nicht so, das kann ich nicht mehr ändern - war halt so." Heller ist nur einer von vielen Akteuren in Darmstadt, die der Fußballwelt zeigen wollen, dass sie sich in ihnen geirrt hat. Die Euphorie, die Überzeugung, gemeinsam in dieser Konstellation etwas Außergewöhnliches schaffen zu können, treibt diese Mannschaft an.

Fokussiert wie kein anderes Team

Auch für den Trainer Dirk Schuster wäre dieser Durchmarsch von Liga 3 in Liga 1 das Meisterstück als Trainer. Das sagt er aber nicht. Wichtig ist in Darmstadt immer nur das nächste Spiel, diese Phrase füllen sie aber mit Leben. Es gibt wohl kaum eine andere Mannschaft im Profifußball, die so fokussiert ihr Ding von Spieltag zu Spieltag durchzieht wie diese Lilien. Rückschläge wie das 1:2 in Leipzig in der Nachspielzeit durch den gegnerischen Torwart?

"Das haut uns nicht um. Wir machen dann einfach weiter", sagt Mittelfeldmann Hanno Behrens. Jetzt noch ein Sieg in Fürth und einer gegen St. Pauli im Finale zuhause im alten Stadion am "Bölle" - und die Lillien spielen tatsächlich nächste Saison ein Punktspiel gegen den FC Bayern. Ja, jetzt heißt es weiter voll auf dem Gas und weiter schön still bleiben, sagt Florian Jungwirth: "Und dann hauen wir noch ein paar Phrasen raus." Und die Vorlage von Marcel Heller zum Tor? "Der Heller", sagt Florian Jungwirth: "Ja heller Wahnsinn!"

Aus Karlsruhe berichtet Tobias Schächter