München - Erzgebirge Aue mischt die 2. Bundesliga auf. Die "Veilchen" sind nach dem Sieg über Fortuna Düsseldorf punktgleich mit Tabellenführer Hertha BSC und die positivste Überraschung der Saison. Gerd Schädlich (57) stieg 2003 als Trainer mit Erzgebirge in die 2. Bundesliga auf und war bis Juli 2008 mehr als acht Jahre lang Chefcoach der "Lila-Weißen".

bundesliga.de sprach mit dem jetzigen Coach des Chemnitzer FC über den Auer Höhenflug und die Situation im Ost-Fußball.

bundesliga.de: Herr Schädlich, Aue wirbelt als Aufsteiger momentan die 2. Bundesliga durcheinander. Hätten sie das so erwartet?

Gerd Schädlich: Ich glaube, das hätte niemand erwartet. Wir sind alle überrascht. Man kann nur den Hut ziehen - das ist schon eine starke Leistung, was sie bisher abgeliefert haben.

bundesliga.de: Was macht die Auer in dieser Saison so stark?

Schädlich: Da kommen viele Faktoren zusammen. Sie haben die Euphorie vom Aufstieg mit rüber genommen, das gelingt vielen Mannschaften ganz besonders gut. Sie haben von Anfang an gewusst, wie schwer das wird. Ich denke schon, dass die Verantwortlichen dort gute Arbeit machen und den richtigen Weg einschlagen - soweit ich das als Außenstehender einschätzen kann.

bundesliga.de: Vor der Saison lief es ja eigentlich nicht so optimal.

Schädlich: Im Sommer gab es viele im Umfeld, die Aue stark kritisiert haben, was die Vorbereitung anbelangte - dennoch läuft es jetzt so gut. Das ist das beste Beispiel dafür, dass Vorbereitungsspiele eben nur bedingt aussagefähig sind, was eine Tendenz für die Meisterschaft angeht. Da hat dann auch der Trainer (Rico Schmitt, d. Red.) seinen Stil durchgezogen und sich nicht beeindrucken lassen. Es ist immer wichtig, eine klare Linie zu haben.

bundesliga.de: Insbesondere vor eigenem Publikum zeigt sich Aue bärenstark und hat in dieser Saison alles gewonnen. Was macht die Atmosphäre dort aus?

Schädlich: Das hat man im letzten Spiel besonders mitgekriegt. Die Mannschaft wird bedingungslos unterstützt - ab der ersten Minute. Das ist ja nicht in allen Stadien so. Vor allem, wenn man nicht so gut spielt, wie jetzt gegen Düsseldorf, sind besonders die Fans gefragt. Das ist ein typisches Zeichen dafür, dass die Fans ein gutes Gespür dafür haben, wann die Mannschaft sie braucht. Das ist dann auch mal das Entscheidende, dass der Mannschaft in solchen Spielen geholfen wird.

bundesliga.de: Um das Stadion zu füllen, muss ja quasi die ganze Stadt mobilisiert werden. Was zeichnet die Auer Fans aus?

Schädlich: Wie in anderen Stadien kommen auch in Aue viele Menschen aus dem Umfeld. Erzgebirge Aue ist nicht nur die Kleinstadt, sondern ein großes Territorium. Aue steht in erster Linie für die ganze Region.

bundesliga.de: Nach elf Spieltagen kann man jetzt kaum mehr von einer Eintagsfliege sprechen. Was ist für Erzgebirge in dieser Saison drin?

Schädlich: Man hat erst mal 26 Punkte, das ist sehr viel. Der Klassenerhalt wird nicht mehr in Gefahr sein. Jetzt muss man ganz einfach abwarten, wie sich das weiter entwickelt, wie andere Mannschaften punkten, die eigentlich weiter vorne erwartet worden sind, beispielsweise Augsburg.

bundesliga.de: Aue auf einem Aufstiegsplatz in der 2. Bundesliga, Rostock führt die 3. Liga an und Sie liegen mit Chemnitz auf Rang 1 in der Regionalliga Nord. Ist der Ost-Fußball generell im Aufwind?

Schädlich: Ich sträube mich eigentlich dagegen, wenn es ein Vierteljahr mal so gut läuft, von Aufwind zu sprechen - genauso, wenn ein oder zwei Ostclubs absteigen, von Niedergang gesprochen wird. Dass Rostock vorne steht, ist nicht so überraschend. Eigentlich gehört Hansa mindestens in die 2. Bundesliga. Bei Aue ist es sicherlich überraschend. Wir in Chemnitz haben uns das Ziel gesetzt, vorne mitzuspielen, aber ich denke, auch Chemnitz hat mehr Potenzial als die vierte Liga. Auch wenn man die prominenten Gegner sieht, wie RB Leipzig, Halle oder Wolfsburg - Chemnitz muss trotzdem um den 1. Platz spielen und eigentlich auch ein, zwei Klassen höher spielen.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann