München - Für Hollywood wäre dieses Drehbuch fast zu kitschig. Der Held des Abends war jedenfalls sprachlos. "Ich realisiere das noch gar nicht, dass ich das Tor gemacht habe", sagte Kai Bülow, der mit seinem Treffer zum 2:1 dem TSV 1860 München in der Nachspielzeit gegen Holstein Kiel den Klassenerhalt sicherte (zum Spielbericht). Jener Kai Bülow, der vor gut einer Woche in Karlsruhe zur tragischen Figur wurde.

Sein unglückliches Eigentor leitete die 0:2-Niederlage am letzten Spieltag beim Karlsruher SC ein. Nach der leblosen Vorstellung hatten viele das Team von Trainer Torsten Fröhling schon abgeschrieben. Doch in der Relegation rafften sich die Münchner nochmals auf - buchstäblich auf den allerletzten Drücker. Lange liefen die Löwen dem Rückstand durch Kiels Rafael Kazior (16.) hinterher. Daniel Adlungs (78.) Ausgleich läutete spät die Wende ein, ehe Bülow (90.+1) zum umjubelten Sieg traf.

Löwen nehmen den Dino zum Vorbild

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Der 29-Jährige bewies hinterher Humor. "Wir hatten uns vorgenommen 0:1 zurückzuliegen, weil uns das gegen Bochum und Nürnberg Glück gebracht hat. Daher wollten wir zuhause wieder in Rückstand geraten, damit wir es noch umdrehen können", sagte Bülow scherzhaft. "Nein, Quatsch. Wir wollten das Gegentor unbedingt verhindern. Gottseidank haben wir es noch umgebogen."

Getragen von den 57.000 Zuschauern in der Allianz Arena sicherte sich 1860 das zwölfte Zweitliga-Jahr in Folge. Als Vorbild diente der Bundesliga-Dino Hamburger SV. "Man hat am HSV gesehen, dass in der Relegation bis zur letzten Minute alles möglich ist", sagte Bülow. "Das war der Strohhalm, an dem wir uns festgehalten haben. Die Mannschaft hat es bis zur letzten Sekunde gewollt und alles gegeben."

"Die Hoffnung haben wir nie verloren"

Auch bei Torschütze Adlung war die Erleichterung groß, schon in den vergangenen Wochen hielten seine Tore und seine Vorlagen die Löwen am Leben. Sein Treffer zum zwischenzeitlichen 1:1 war die fünfte direkte Torbeteiligung in Folge für Adlung. "Die Hoffnung haben wir nie verloren", betonte der 27-Jährige. "Wir haben auch in der Halbzeit an uns geglaubt."

Gerade in dieser schwierigen Phase ging Adlung als Führungsspieler vorneweg - und auch bei der Ehrenrunde am Dienstag nach dem erfolgreichen Happy End. Die Last, die auch von seinen Schultern gefallen ist, war bei jedem Schritt greifbar. "Es ist wichtig, dass ein paar ältere Spieler vorneweg gehen, an denen sich die jungen aufrichten können", unterstrich Adlung. "Ich habe versucht, diese Rolle mit einzunehmen." Trotz des Drucks habe er stets versucht, positiv zu bleiben und das Ganze nicht zu sehr an sich heranzulassen. "Daran kannst du auch kaputtgehen. Wenn der Druck zu groß wird."

Tränen der Erleichterung

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Kapitän Christopher Schindler kullerten nach dem Schlusspfiff Tränen der Erleichterung über die Wangen. "Es musste einfach alles raus, was sich in den letzten Wochen und Monaten angestaut hatte", erklärte der 25-Jährige. Nach Niederlagen stellte er sich stets vor die Mannschaft, übernahm Verantwortung und nahm vor allem die jungen Spieler in Schutz. Eine Aufgabe, in die der während des schwierigen Saisonstarts ernannte Kapitän erst hineinwachsen musste.

Gerade noch rechtzeitig hat die mit Aufstiegsambitionen gestartete Mannschaft die Kurve gekriegt und den Absturz in die Drittklassigkeit abgewendet. "Mit Benjamin Lauth, Daniel Bierofka und Gabor Kiraly sind gestandene Spieler gegangen oder haben aufgehört. Danach musste sich der Kern der Mannschaft natürlich neu finden und neu formieren. Das geht nicht von heute auf morgen. Am Schluss hat es sich so herauskristallisiert", sagte Schindler.

Positives aus denkwürdigem Abend ziehen

Und eine solch dramatische Rettung kann ein Team zusätzlich stärken. "Diese Mannschaft hat großes Potenzial", glaubt Adlung. "An diesem Erfolg kann jeder wachsen." Der Mittelfeldspieler wollte das Positive aus diesem denkwürdigen Abend in München ziehen. "In den nächsten Tagen können wir das Ganze aufarbeiten", ergänzte Adlung. "Wir müssen die Fehler, die jeder von uns gemacht hat, aufarbeiten. Dann wird man sehen, was in der neuen Saison hier stattfindet." Auf eine Wiederholung dieses Dramas können sie in München allerdings gerne verzichten.

Aus München berichtet Maximilian Lotz