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Die Oktober-Revolution fand im Jahr 2008 in der badischen Provinz statt. Mit bedingungslosem Offensivspiel, rasantem Kombinationsfußball und Toren am Fließband verzückte die TSG 1899 Hoffenheim im vergangenen Herbst die Bundesliga

Die märchenhafte Entwicklung vom ländlichen Idyll zum Mittelpunkt der schönen, neuen Fußballwelt vollzog sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Mit jedem Treffer, den Vedad Ibisevic und Co. in der Vorrunde erzielten, stieg der Beliebtheitsgrad des zunächst belächelten "Dorfclubs" in neue Dimensionen. Fanclubs sprossen aus dem Boden, Medien berichteten euphorisch aus dem Kraichgau - und sogar Skeptiker und Neider schnalzten mit der Zunge.

Das verflixte zweite Jahr

Als Hoffenheim für einige Wochen an der Tabellenspitze thronte und schließlich die Herbstmeisterschaft feierte, wurde das "gallische Dorf” sogar im Ausland zum Gesprächsthema. Verwundert rieb man sich die Augen: Hoffenheim, der Nabel der deutschen Fußballwelt? Das klang abenteuerlicher als die Erfindung des Fluxkompensators, mit dem Marty McFly im Science-Fiction-Film "Zurück in die Zukunft" seine Zeitreisen antrat.

Der Rest ist bekannt: Gebeutelt von zahlreichen Verletzungen, verloren die jungen Himmelsstürmer den Faden und stürzten ins Mittelfeld ab. Abgehakt. Für die neue Saison lautete das Motto: Zurück in die Zukunft, Teil II - und dieses Mal möglichst mit Happy End! Aber wie? Im Gegensatz zum Kinohelden verfügt selbst der Hightech-Club des SAP-Gründers Dietmar Hopp nicht über eine Zeitmaschine, um Fehler aus der Vergangenheit auszubügeln.

Was also blieb Trainer Ralf Rangnick und seinen Mannen anderes übrig, als die verkorkste Rückrunde aufzuarbeiten und es in der Zukunft besser zu machen? Dass es jedoch als Aufsteiger im zweiten Jahr selbst für einen Überflieger nicht gerade einfacher würde, war den Verantwortlichen in Hoffenheim schon vor der neuen Saison bewusst.

Eingebaute Sicherung gegen 1899-Offensive

Die Krux: Die Gegner haben sich längst auf den überfallartigen Offensivstil eingestellt. "Man merkt, dass uns die anderen Teams mittlerweile anders wahrnehmen, uns Respekt entgegenbringen", erklärt Rangnick. "Felix Magath und Jupp Heynckes haben gegen uns ihre Grundformation geändert, um einen defensiven Mittelfeldspieler mehr einzubauen", bilanzierte er nach den Duellen mit Schalke und Leverkusen.

Zudem ließ die mäßige Rückrunde die Euphorie rund um das Team etwas abebben - ein Umstand, aus dem Rangnick jedoch auch seine positiven Seiten zieht: "Mir ist angenehm aufgefallen, dass wir deutschlandweit ein bisschen im Schatten stehen",

"Die Jungs entwickeln sich"

Die Gratwanderung scheint zu klappen. Mit der Erfahrung aus der vergangenen Saison ausgestattet, kam die Mannschaft nach holprigem Start immer besser in Schwung. "Die Jungs entwickeln sich", freut sich Rangnick, der nun wieder auf seinen Traumsturm mit den Langzeitverletzten Vedad Ibisevic, Demba Ba und Chinedu Obasi zurückgreifen kann.

Zudem ist die 1899-Abwehr mit der Verpflichtung von Josip Simunic deutlich stabiler geworden - zumal auch Keeper Timo Hildebrand an alte Glanzzeiten anknüpft. Manager Jan Schindelmeiser bringt es auf den Punkt: "Es kommt auf die Bilanz zwischen Defensive und Offensive an, die kriegen wir im Moment hin."


Bewährungsprobe in Bremen

Doch die eigentliche Bestandsprobe folgt erst noch, denn der richtige Umgang mit Rückschlägen dürfte der Knackpunkt für eine dauerhaft erfolgreiche Spielzeit sein. Geriet man in der Vorsaison noch in eine Abwärtsspirale aus Misserfolg, Verletzungspech und Unbeherrschtheiten, sieht man sich nun gerüstet. "Wir können seit Wochen in der gleichen Formation spielen, das macht uns stark", ist sich Torwart Timo Hildebrand sicher.

Das Aufarbeiten der unerwarteten 1:2-Niederlage gegen Aufsteiger Mainz 05 am vergangenen Spieltag dient nun als Gradmesser für das zur Schau getragene Selbstbewusstsein. Am Samstag gastiert die Rangnick-Elf nun ausgerechnet im Weser-Stadion - dort wo man vor einem Jahr, sinnbildhaft für die gesamte Saison, Aufstieg und Fall des Hoffenheimer Spaßfußballs erlebte.

"Sind nicht die Harlem Globetrotters"

In einem wahren Offensivfeuerwerk hatte das Rangnick-Team einen 1:4-Rückstand gegen Werder Bremen aufgeholt, um trotz Überzahl am Ende noch als 4:5-Verlierer vom Platz zu gehen. "Wir sind nicht unterwegs wie die Harlem Globetrotters, um die Zuschauer zu begeistern, sondern um Punkte mitzunehmen", hatte Rangnick anschließend in die Mikrophone geraunzt.

Dies soll sich nicht mehr wiederholen. Denn auch in einem gallischen Dorf ist Fußballkunst nicht Selbstzweck, sondern bedarf handfester Ergebnisse. Und so lange noch keine Zeitmaschine erfunden ist, sollten die Spaßfußballer aus Hoffenheim ihr eigenes Schicksal lieber gleich in die Hand nehmen.

Johannes Fischer