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"Kann es sein, dass der Skibbe die Anweisungen auf Deutsch gibt?" Die Trainingskiebitze trauten ihren Augen und vor allem Ohren nicht.

Anfang August gastierte der türkische Spitzenclub Galatasaray in München. Es war die zweite Etappe der Saisonvorbereitung, nachdem sich der UEFA-Pokal-Gegner von Hertha BSC (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) zuvor schon in Duisburg auf die neue Saison vorbereitet hatte.

Bei der öffentlichen Trainingseinheit in der Bezirkssportanlage Schwabing freuten sich die zahlreichen türkischen Fußball-Fans, ihre Helden aus nächster Nähe zu beobachten. Die deutsche Abordnung interessierter Fußball-Fans dagegen stellte überrascht fest, dass beim türkischen Rekordmeister viel Deutsch gesprochen wird.

Vom Vorstand bis zur Mannschaft

Hat Trainer Skibbe mal ein Problem, dass er mit dem Vorstand besprechen will, kein Problem. Englisch geht überall, auch türkisch wäre vielleicht möglich. Der frühere Trainer Bayer Leverkusens ist mit einer Türkin liiert, kennt das ein oder andere Wort. Doch auch in seiner Muttersprache kommt er durchaus gut über die Runden. In den Profilen einiger Vorstandsmitglieder wird als Fremdsprache unter anderem Deutsch geführt.

Auch mit dem neuen technischen Berater des Vorstands sollte es keine Probleme geben: Dass Karl-Heinz Feldkamp, der gebürtige Oberhausener, der deutschen Sprache mächtig ist, überrascht an dieser Stelle die wenigsten. Auf dem Trainingsplatz geht es erst richtig los für den Gelsenkirchener Fußball-Lehrer.

"Deutsche Auswahl"

Zwar wurden seine deutsch sprechenden Co-Trainer Ümit Davala und Edwin Boekamp inzwischen wieder entlassen, aber einer der Nachfolger, Burak Sadik Dilmen, ging in Deutschland zur Schule, spielte elf Jahre in der Jugend des FC Bayern. Auch er beherrscht die deutsche Sprache. Wenn es zu den Spielern geht, gibt s fast die freie Auswahl.

Torhüter Aykut Ercetin ist gebürtiger Stuttgarter, Fernando Meira spielte jahrelang für den VfB Stuttgart, Baris Özbek ist aktueller U21-Nationalspieler Deutschlands, Serkan Calik war es bis vergangenes Jahr, Hakan Balta ist in Berlin geboren und aufgewachsen, genauso wie Kapitän Ümit Karan, Alparslan Erdem wechselte erst im Sommer von Werder Bremen an den Bosporus, Volkan Yaman spielte noch vor wenigen Jahren in der bayerischen Landesliga bei Türk Gücü München.

Großer Auftritt in Deutschland

Abgerundet wird das Ganze durch Lincoln, dessen Interviews in Deutschland stets für große Unterhaltung sorgten. Und auch in Istanbul macht er weiter, wo er in Deutschland aufgehört hat. Als Lincoln kürzlich aufgrund einer Blessur ein Krankenhaus aufsuchte, fragte ihn ein türkischer Reporter mit gebrochenem Deutsch: "Lincoln, diese Woche spiel?" Der Brasilianer wie aus der Pistole geschossen: "Nix weiß!"

Für Lincoln, aber auch für die anderen Spieler wird das Gastspiel in Berlin stückweit eine Rückkehr in die Heimat. Für die größtenteils türkischen Fußball-Fans im Olympiastadion wird der Auftritt von Galatasaray ebenfalls ein Wiedersehen - mit der Heimat ihrer Eltern.

Französisch angehaucht, deutsche Tradition

Deutschland, die Deutschen, die deutsche Sprache: In der eigentlich französisch angehauchten Historie Galatasarays haben sie eine große Bedeutung: Jupp Derwall, der in den 80er Jahren Galatasaray professionalisierte und eine Infrastruktur auf europäischem Niveau verpasste, hat heute noch Heldenstatus. Bei dessen Beerdigung stellte Galatasaray die größte Abordnung, der Trainingsplatz der "Löwen" ist heute nach ihm benannt.

Trainer wie Rainer Hollmann, Reinhard Saftig, Sigfried Held, "Kalli" Feldkamp und zuletzt Michael Skibbe wurden geholt. Spieler wie Falco Götz oder Reinhard Stumpf sind heute noch gern und oft gesehene Gäste in Florya, dem Trainingsgelände, und im Ali Sami Yen, dem Stadion. In der türkischen Medienlandschaft wird in diesen Tagen nach Herzenslust über die Ablösung Skibbes diskutiert. Die Nachfolgekandidaten sind meistens Deutsche. Anpassungsprobleme hätten sie jedenfalls keine.

Fatih Demireli