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Köln - Zlatko Junuzovic gehört zweifelsohne zu den absoluten Leistungsträgern von Werder Bremen. Der Österreicher trug mit seinen Freistoßtoren maßgeblich zum grün-weißen Höhenflug bei. 

Im exklusiven Interview spricht der 27-Jährige mit bundesliga.de über seine Freistoßhammer und eine mögliche Zukunft als Werder-Legende.

bundesliga.de: Herr Junuzovic, trotz des derzeitigen Laufs sagen Sie, die Qualifikation für Europa käme für Werder viel zu früh. Warum?

Zlatko Junuzovic: Jeder will Champions League und Europa League spielen, natürlich versuchen wir möglichst gut abzuschließen. Aber wir haben eine sehr, sehr junge Mannschaft, in der viele ihre erste oder zweite Bundesliga-Saison spielen. Vor kurzem waren wir der Abstiegskandidat Nummer 1, ein paar Monate später sind wir plötzlich Europa-League-Aspirant. Da fehlt mir der Zwischenschritt. Wir sind auf einem guten Weg, aber noch nicht reif fürs internationale Geschäft. Die Verantwortlichen und wir als Mannschaft sehen das so, und ich denke die Fans honorieren das.

bundesliga.de: Nichtsdestotrotz ist Bremen im Rennen um die Europa-League-Qualifikation. Im Sommer werden Sie heiraten, dann könnten Sie eine perfekte Saison privat krönen.

Junuzovic: (lacht) Ja, das klingt traumhaft. Der Fußball ist leider kein Wunschkonzert, die Hochzeit haben wir aber glücklicherweise schon organisiert. Sobald wir auch theoretisch nicht mehr absteigen können, werden wir neue Ziele formulieren. Aber bis dahin ist unser einziges Ziel der Klassenerhalt.

"Beim Anlaufen habe ich das Gefühl, dass der Ball reinfallen kann"

bundesliga.de: Seit vier Spielen haben Sie kein Freistoßtor mehr erzielt - Ihnen scheint die Seuche am Fuß zu kleben...

Junuzovic: (lacht) Ich hatte zuletzt auch wenige Möglichkeiten! Gegen Schalke habe ich drüber geschossen, gegen Wolfsburg war die Distanz zum Tor sehr groß. Es wird mal wieder Zeit für einen Treffer!

bundesliga.de: Spaß beiseite: Was macht Ihre Freistöße so gefährlich? In den sieben vorherigen Spielen haben sie vier versenkt (Freistoßkünstler Junuzovic im VIDEO-Portrait).

Junuzovic: Zuallererst bekommen wir in dieser Saison Freistöße in guter Position, das ist der Schlüssel. Und ich habe momentan auf dem Feld ein gewisses Selbstverständnis: Schon beim Anlaufen habe ich das Gefühl, dass der Ball reinfallen kann. Mit jedem Treffer kriegst du eine breitere Brust, irgendwann ist der Fuß wie fixiert.

bundesliga.de: Ich muss gestehen: Vor dieser Spielzeit war mir Ihre Stärke bei Freistößen gar nicht bewusst...

Junuzovic: Die war niemandem bewusst, weil ich vorher nie Freistöße geschossen habe!

"Mit jedem Tor steigert sich das Selbstvertrauen"

bundesliga.de: Das hat sich durch Aaron Hunts Wechsel nach Wolfsburg geändert?

Junuzovic: Genau, zuletzt war Aaron erste Wahl, davor Kevin De Bruyne. Man muss aber auch sagen, dass wir schlicht nicht besonders oft Freistöße im gefährlichen Bereich hatten.

bundesliga.de: Hat sich Werders Spielanlage also geändert, ist die Mannschaft offensiver?

Junuzovic: Wir haben einen guten Zug zum Tor, treffen oft zwei, drei Mal pro Spiel. Da wird man natürlich immer wieder auch in Strafraumnähe gefoult. In der Summe haben wir in dieser Saison immerhin sieben vielversprechende Freistöße gehabt.

bundesliga.de: Sie führen also Buch darüber?

Junuzovic: Nein, aber das lässt sich leicht merken: Gegen Hertha habe ich aufs Tornetz geschossen, gegen Schalke vorbei, gegen Wolfsburg war die Distanz zu groß. Und die anderen vier waren drin...

bundesliga.de: Sind Freistöße für Sie gewissermaßen wie Elfmeter für andere?

Junuzovic: Das erste Tor gegen Paderborn hat mir die Sicherheit gegeben. Beim Spiel gegen Hannover wusste ich dann: der wird reingehen. Mit jedem Tor steigert sich das Selbstvertrauen.

bundesliga.de: Bei Bremen treten Sie alle Standards, in der Nationalmannschaft müssen Sie sich mit David Alaba abwechseln. Wie machen Sie untereinander aus, wer schießen darf?

Junuzovic: Da gibt es keine Schwierigkeiten, weil er Linksfuß ist und ich Rechtsfuß. Das ist gut aufgeteilt (lacht).

bundesliga.de: Ist es wahr, dass Sie Freistöße fast gar nicht trainieren? 

Junuzovic: Während der Saison selten, aber in der Vorbereitung nehme ich mir dafür schon Zeit. Pro Spiel schieße ich sieben, acht Ecken und Freistoßflanken, das ist Training genug. Als Kind habe ich ständig mit meinem Vater Fußball gespielt, immer wenn Zeit war. Da waren Freistöße ein fester Bestandteil.

"Verantwortung übernehmen"

bundesliga.de Interessanterweise treten Sie auch auf der PlayStation gute Standards. Haben Sie das mal selbst probiert?

Junuzovic: (lacht) Nein, mich selbst kann ich nicht spielen, das fühlt sich komisch an. Aber ich spiele tatsächlich viel PlayStation.

bundesliga.de: Auf dem Feld fehlen Ihnen nur noch drei Tore zum Freistoß-Rekord von Mario Basler, der traf 1995/96 sieben Mal. Ist die Zahl für Sie erreichbar?

Junuzovic: Er hat kürzlich in einem Interview gesagt, dass er mir das zutraut. Das ehrt mich sehr. Er hat über Jahre hinweg extrem viele Freistoßtore erzielt, war eine echte Legende und hat sehr viel erreicht, ich will mich gar nicht mit ihm vergleichen. Ich glaube ehrlich gesagt nicht, dass ich seinen Rekord schaffe, aber im Fußball  kann alles passieren. Wenn ich wie in Freiburg nicht treffe und wir 1:0 gewinnen, bin ich aber schon sehr glücklich.

bundesliga.de: Auch Sie haben bei Werder schon einen hohen Status. Sportdirektor Thomas Eichin hat nach Ihrer Vertragsverlängerung von der Strahlkraft und Signalwirkung Ihrer Entscheidung gesprochen. Können Sie eine Werder-Legende wie Mario Basler werden?

Junuzovic: Das müssen Andere beurteilen. Ich habe zuallererst verlängert, weil ich mich in der Mannschaft sehr, sehr wohl fühle, Anerkennung genieße und mir die Entwicklung des Vereins gefällt. Ich möchte ein Teil von ihr sein und habe die Entscheidung unabhängig von den guten Ergebnissen getroffen. Es werden auch wieder schwierigere Zeiten kommen, aber ich gehöre dazu, das gefällt mir. Mir ist es wichtig zu spielen und Verantwortung zu übernehmen. Und bin auch kein Typ, dem ständige Veränderungen gefallen.

"Teilweise hatten wir Angst vor dem Misserfolg"

bundesliga.de: Wenn Clemens Fritz nicht dabei ist, tragen Sie die Kapitänsbinde. Sind Sie der Anführer des Teams?

Junuzovic: Ich bin einer der Älteren und verfüge über viel Erfahrung. Ich habe international gespielt, viele Länderspiele auf dem Buckel. In Österreich habe ich über 200 Mal erste Liga gespielt, einen Vereinskonkurs erlebt, Abstiegskampf, Meisterschaftsrennen. Das hilft mir den jungen Spielern zu vermitteln, dass es keiner Katastrophe gleichkommt, wenn es mal schlecht läuft.

bundesliga.de: Stichwort Katastrophe: Am 16. Spieltag war Bremen noch Tabellenletzter, inzwischen sind Sie in Tuchfühlung mit den Europapokal-Plätzen. Von außen ist diese Entwicklung fast nicht nachvollziehbar.

Junuzovic: Klar, als Fan mag man sich wundern, warum wir dieses Selbstverständnis, mit dem wir jetzt auftreten, nicht schon vorher hatten. Teilweise hatten wir Angst vor dem Misserfolg. Bei Mannschaften wie Dortmund oder Stuttgart sieht man, wie viel sich im Kopf abspielt, genauso war das bei uns. Nach neun Spielen hatten wir keinen Sieg, nur vier Punkte. Nach dem Trainerwechsel haben wir gewonnen, damit kam die Freude zurück. Das Trainerteam hat viel richtig gemacht, uns Spaß vermittelt, Lockerheit im Training, die wir mit ins Spiel genommen haben. Mit den Erfolgen ist unser Selbstbewusstsein gestiegen, auf der Grundlage kamen unsere fußballerischen Qualitäten zum Vorschein. Keiner hatte damals an uns geglaubt. Diese Erfahrungen sind Gold wert, sie haben uns gestärkt. Bei uns verfällt keiner in Euphorie, keiner beschäftigt sich mit Europa.

Das Gespräch führte Felix Seaman-Höschele