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Kiew/Hamburg - Es waren schon historische Dimensionen, in denen sich Ron-Robert Zieler bei seinem Debüt bewegte. Seit Heinrich Kwiatkowski 1954 hatte kein Neuling im Tor der deutschen Nationalmannschaft mehr drei Gegentreffer hinnehmen müssen.

Kleiner Trost für Zieler: Kwiatkowski erlebte beim 3:8 gegen die Ungarn bei der WM vor 57 Jahren ein regelrechtes Debakel, der 22-Jährige von Hannover 96 durfte sich beim 3:3 (1:3) in der Ukraine wenigstens über ein kleines Happy End freuen.

Zieler rettet Remis

Bis dahin war es aber für Zieler im Olympiastadion von Kiew erst einmal ein Abend zum Vergessen gewesen. Ohne dass er sich einmal auszeichnen konnte, hatten Andrej Jarmolenko (28.), Jewgeni Konopljanka (36.) und Sergej Nazarenko (45.) für die Ukraine drei Treffer erzielt. Der 96-Keeper war jedes Mal machtlos und entsprechend frustriert. Wütend trat er beim 1:3 kurz vor dem Halbzeitpfiff mit dem Fuß gegen den Pfosten. Zum Vergleich: Kwiatkowski hatte schon nach 21 Minuten bei der 1954er-WM dreimal hinter sich greifen müssen.

"Er war zur Halbzeit sehr enttäuscht, weil er keinen Ball gehalten hatte", sagte Bundestrainer Joachim Löw über Zieler. Bundestorwarttrainer Andreas Köpke musste in der Kabine entsprechende Aufbauarbeit leisten. "Jetzt lass nur nicht den Kopf hängen", gab er Zieler mit auf den Weg in die zweite Hälfte - was der junge Mann beherzigte.

Erst rettete er in der 50. Minute gegen Nazarenko in Klasse-Manier. In der Schlussminute bewahrte Zieler die DFB-Auswahl mit einem tollen Reflex bei einem Schuss von Marko Devic dann sogar noch vor einer Niederlage. "Das hat er klasse gemacht. Deshalb war das absolut zufriedenstellend", lobte Löw.

Viel Lob vom Chef

So konnte Zieler seinem unglücklichen Einstand im DFB-Team am Ende doch noch etwas Positives abgewinnen. "Natürlich ärgert man sich, wenn man drei Tore kassiert. Aber in der Halbzeit habe ich mir gesagt, jetzt gehst Du trotzdem mit breiter Brust raus. Dass ich den Ball am Ende gehalten habe, hat mich dann so richtig gefreut", sagte der 22-Jährige, auch wenn er sich seinen ersten Auftritt im A-Team "anders vorgestellt hat".

Für Löw gibt es dennoch keinen Grund, seinen 50. Neuling wieder fallen zu lassen. Zumal Zieler derzeit als eines der größten deutschen Torwart-Talente gilt. "Er agiert in Hannover sehr gut und gehört zur neuen Generation der Torhüter. Ron-Robert hat zudem eine sehr gute Ausbildung in England genossen", betonte Löw zuletzt immer wieder. "Zieler verkörpert das moderne Torwart-Spiel, das wir beim DFB sehen wollen", fügte Köpke an.

Seinen rasanten Aufstieg nimmt Zieler jedoch gelassen zur Kenntnis. Markige Sprüche sind nicht sein Ding: "Man muss nicht unbedingt ein Schwein sein, um sich durchzusetzen."

Gute Chance auf EM-Ticket

Seine beeindruckende Karriere begann in der Jugend des 1. FC Köln, ehe Zieler im Februar 2005 einen Drei-Jahres-Vertrag bei Manchester United unterschrieb. Er blieb bis 2010 und ist noch heute dankbar für diese Zeit. "Das war eine Riesenerfahrung. Die Arbeit mit Weltklasse-Leuten und dem exzellenten Teammanager Sir Alex Ferguson hat mich enorm weitergebracht - sportlich und menschlich", sagt Zieler, der seit Sommer 2010 das Trikot von Hannover 96 trägt.

Seit Freitagabend darf er sich nun Nationalspieler nennen. Zieler hat neben dem gesetzten Manuel Neuer von Bayern München und dem Bremer Tim Wiese derzeit auch gute Chancen auf eines der begehrten Tickets für die EURO 2012 - trotz des historischen Einstands.