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Augsburg - In der Augsburger Puppenkiste ist das Urmel einer der großen Klassiker. Als Ei eines Urzeitviehs wird es in einem Eisberg an eine Insel geschwemmt, schlüpft dann aus und lernt die menschliche Sprache.

Das Urmel ist der letzte Vertreter einer vermeintlich ausgestorbenen Tierart - und damit in gewisser Weise mit dem FC Augsburg zu vergleichen. Denn die Schwaben waren in der Bundesliga bis zum vergangenen Samstag ebenfalls so etwas wie der letzte "Dino": der einzige Bundesligaverein ohne einen Sieg auf dem Konto.

Wolfsburg als leuchtendes Vorbild

Nach dem 1:0-Erfolg beim 1. FSV Mainz 05 ist der Aufsteiger den unerwünschten "Titel" los - und hat gleichzeitig das so dringend benötigte Startsignal für die erhoffte Ausfholjagd aus dem Tabellenkeller. Doch wie groß sind die Chancen der Luhukay-Elf, den direkten Abstieg zu vermeiden? bundesliga.de analysiert den bisherigen Saisonverlauf, wirft einen genauen Blick auf historische Daten und schätzt die Möglichkeiten der Augsburger ein.

Dass ein Team neun Spieltage warten muss, um den ersten Saisonsieg zu feiern, ist nicht neu: Vor dem FCA benötigten schon der Hamburger SV (1972/73 und 1992/93), der Karlsruher SC (1965/66), Arminia Bielefeld (1996/97) und der VfL Wolfsburg (1998/99) eine so lange Anlaufzeit, ehe der Bann gebrochen wurde. Kurios: Trotz des Fehlstarts musste keines der genannten Vereine am Saisonende den bitteren Gang in die Zweitklassigkeit antreten.

Besonders imposant ist der Lauf der Wolfsburger, die anschließend so richtig durchstarteten und sich am Saisonende als Tabellensechste sogar noch für den damaligen UEFA-Pokal qualifizierten. Derlei Träumereien geben sich die Augsburger nicht hin - dennoch ist nach dem ersehnten Befreiungsschlag der Optimismus zurückgekehrt. "Wir haben lange warten müssen, jetzt ist die Erleichterung groß. Ich bin froh und stolz auf die Mannschaft", sagte Cheftrainer Jos Luhukay nach dem "historischen" Erfolg in Mainz.

"Wir können jeden Gegner schlagen"

"Wir haben gekämpft und wurden belohnt. Jetzt ist der Druck weg", freute sich FCA-Keeper Simon Jetzsch, der trotz ausgekugeltem Finger auf die Zähne biss und seinen Kasten sauber hielt. Und Elfmetertorschütze Jan-Ingwer Callsen-Bracker glaubt sogar: "Wir können jeden Gegner schlagen."

Knapp dran war der FC Augsburg in der laufenden Spielzeit schon einige Male: Vor dem Coup in Mainz hatte die Luhukay-Elf vier Unentschieden gesammelt - und war vor allem gegen Kaiserslautern und Hertha BSC dem Sieg ganz nahe. Dabei ist die Taktik des Aufsteigers in erster Linie auf eine kompakte Defensive ausgelegt - was vor allem bis zum Seitenwechsel gut funktioniert. In den ersten 45 Minuten kassierte der FCA nur fünf Gegentore, danach allerdings deren elf.

In der Offensive drückt der Schuh

In der Offensive herrscht dagegen in beiden Spielhälften ausgesprochene Ladehemmung: Lediglich sieben Saisontore stehen bislang zu Buche, womit die Schwaben die schlechteste Torausbeute aller Bundesligisten haben.

Schuld an dem Dilemma ist nicht nur die defensive Grundordnung (der Ballbesitzanteil liegt bei schwachen 42 Prozent), sondern auch die mangelnde Cleverness vor dem gegnerischen Kasten: Bisher trafen Sascha Mölders und Co. nur mit jedem 15. Torschuss ins Netz und verwerteten lediglich 33 Prozent ihrer Großchancen. Zudem ist die Fehlpassquote von 23 Prozent zu hoch und zu allem Überfluss knallte der Ball bereits fünf Mal ans gegnerischen Gebälk.

Dass läuferischer Einsatz oft belohnt wird, durften die Augsburger am vergangenen Samstag feststellen: Bis zum letzten Spieltag war der FCA das laufschwächste Team. In Mainz legte der Aufsteiger dann 121 km zurück - mit Abstand Saisonbestwert für die Luhukay-Elf. Das Urmel wird am Ende der Geschichte gerettet und kann ungestört auf der Insel Titiwu aufwachsen. Die Ausgburger hätten sicher nichts dagegen, wenn es ihnen in der Bundesliga ähnlich erginge.

Johannes Fischer