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Hamburg - Joachim Löw stand wie immer im feinen Zwirn an der Seitenlinie. Bei Temperaturen um den Gefrierpunkt konnte einem da schon beim Zuschauen kalt werden. Aber der Bundestrainer hatte sich bei der Kleiderwahl für die Partie gegen die Niederlande wohl auf viel Handlungsbedarf in der Coaching-Zone eingestellt. Doch weit gefehlt.

Seine Spieler ließen dem Erzrivalen und Nachbarn beim 3:0 fast von Beginn an keine Chance, so dass Löw - kaum gefordert - sich früh eine dicke Trainingsjacke von der Ersatzbank holen musste.

"Mit Spielfreude und Leichtigkeit"

"Wir können sehr zufrieden sein, nicht nur mit dem Spiel, sondern mit dem gesamten Jahr. Wir haben mit viel Spielfreude und Leichtigkeit gespielt und kombiniert, womit die Holländer offenbar überfordert waren. Besonders das Mittelfeld und die Offensive haben gut gearbeitet", meinte ein sichtlich erfreuter Löw nach dem Schlusspfiff in der Hamburger Imtech-Arena. (XL-Galerie: DFB-Stars in der Einzelkritik)

In seinem 75. Spiel als Bundestrainer kehrte Löw, im Gegensatz zum Experiment mit der Dreierkette am Freitag in der Ukraine, wieder zum gewohnten, taktischen 4-2-3-1 zurück. Und mit dem altbewährten System zeigten die Deutschen auch wieder die Hochform der vergangenen Monate.

Überragendes Offensiv-Trio

"Wir haben von Beginn an vieles richtig gemacht und dann auch ein frühes Tor erzielt. Danach lief es wie aus einem Guss", analysierte Thomas Müller die 90 Minuten gegen die Niederlande. Müller begeisterte gemeinsam mit Miroslav Klose, der ein Tor und zwei Assists bejubelte, und Mesut Özil als "magisches Dreieck" in der DFB-Offensive.

Dass sich die Partie zwischen dem Zweit- und Drittplatzierten der FIFA-Weltrangliste zu einer einseitigen Angelegenheit entwickelte, lag zum einen an der Ballsicherheit der Hausherren und zum anderen an der Passivität der Gäste, die zu keiner Zeit an die Leistungen der EURO-Qualifikation anknüpfen konnten.

"Können Favoritenrolle nicht wegreden"

Nach dem klaren Erfolg gilt die deutsche Mannschaft mehr denn je neben Spanien als großer Favorit auf den Gewinn der Europameisterschaft im nächsten Jahr in der Ukraine und Polen. Auf dem Weg dahin steht nur noch ein Testspiel am 29. Februar in Bremen gegen Frankreich auf dem Programm.

"Wenn man gesehen hat, wie wir gegen so einen großen Gegner gespielt haben, können wir uns von der EM-Favoritenrolle nicht wegreden", sagte der HSVer Dennis Aogo, der in seiner Heimspielstätte erneut eine Bewährungschance erhielt.

Mesut Özil, der als Spielmacher und Torschütze wieder einmal seine Weltklasse unter Beweis stellte, pflichtete Aogo bei: "Wir haben eine sehr junge Mannschaft mit viel Potenzial. Wir müssen bei der EURO um den Titel spielen. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir das auch können."

"Wichtig ist 2012"

Lob kam auch vom Gegner, dem das Fehlen der Offensivspieler Robin van Persie, Rafael van der Vaart und Arjen Robben deutlich anzumerken war. "Das Spiel sagt wenig über uns aus, aber viel über die Stärke der deutschen Mannschaft. Wenn man sich dieses Spiel anschaut, ist Deutschland einer der größten EM-Favoriten", stellte Bondscoach Bert van Marwijk fest.

Bis auf ein, zwei kleine Nachlässigkeiten in der Defensive gab es für die Nationalmannschaft an diesem Abend in Hamburg also nur positive Kritik. Bei allem Überschwang behielt aber zumindest Toni Kroos noch den Überblick.

"Es war nur ein Freundschaftsspiel. Wir haben ein super Jahr gespielt. Aber wichtig ist 2012", so Kroos. Spätestens dann dürfte es auch für Löw wieder wesentlich mehr Arbeit an der Seitenlinie geben.

Michael Reis