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"Crunchtime" in der Bundesliga. Sieben Spieltage stehen noch aus und die drei besten Mannschaften der Saison, die ebenso viele Punkte voneinander trennen, treffen an den kommenden drei Spieltagen direkt aufeinander.

Mit Endspielen jeglicher Art kennt sich Weltmeister und Pokalsieger Thomas Berthold bestens aus. Im Gespräch mit bundesliga.de schaut er auf das Verfolgerduell zwischen Leverkusen und Schalke, das Südderby der Bayern gegen Stuttgart und die Titelchancen der drei Kandidaten. Dabei spielen seiner Meinung nach drei Dinge eine Rolle: der Leverkusener Heimvorteil, das System Magath und zwei bayrische Ausnahmespieler.

bundesliga.de: Herr Berthold, an den kommenden drei Spieltagen treten Bayern, Schalke und Leverkusen in direkten Duellen gegeneinander an. Wird die Meisterschaft da entschieden?

Thomas Berthold: Die Mannschaften, die sich in diesen drei Wochen durchsetzen, die haben auf jeden Fall einen großen psychischen Vorteil im Saisonendspurt. Wer jetzt die "Big Points" macht, der wird am Ende auch Deutscher Meister werden.

bundesliga.de: Denken Sie, dass Leverkusen einen Vorteil hat? Immerhin spielt Bayer gegen Schalke und den FCB zuhause und ist dort noch ungeschlagen in der laufenden Spielzeit.

Berthold: Leverkusen hat ja punktemäßig die Rolle des Verfolgers eingenommen. Aber ich sehe es genauso. Die haben den Vorteil, dass sie keine englischen Wochen spielen müssen wie der FC Bayern, der ja auch noch Manchester United in der Champions League vor der Brust hat. Leverkusen kann sich voll auf die Meisterschaft konzentrieren. Die Mannschaft ist komplett ausgeruht. Das ist schon etwas anderes, als immer mittwochs und samstags spielen zu müssen. Und zuhause sind sie in dieser Saison ohnehin sehr stark. Ich kann mir schon vorstellen, dass Leverkusen jetzt zuhause gegen Schalke einen "Dreier" hinlegt.

bundesliga.de: Auf der anderen Seiten hat Leverkusen zwei Niederlagen in den vergangenen drei Spielen kassiert. Muss Bayer aufpassen, nicht wieder in alte Muster zu verfallen?

Berthold: Jupp Heynckes ist erfahren genug und der Rudi Völler auch. Im inneren Umfeld wird da niemand mit der Vergangenheit konfrontiert. Das ist ja auch völlig uninteressant für die Spieler. Die haben noch sieben Spiele vor sich. Und sie wissen genau, es geht darum, das Maximale aus der Saison rauszuholen. Und wenn man so kurz vor Saisonende so nah dran ist an der Spitze, dann geht es doch nicht darum, was in der Vergangenheit passiert ist. Gegen Schalke kann es für Leverkusen doch nur heißen, drei Punkte einzufahren.

bundesliga.de: Sie glauben also, dass dem Pokal-Aus noch eine Niederlage für Schalke folgen wird?

Berthold: Man darf ja nicht vergessen, dass das Pokalspiel die Schalker Kraft gekostet hat. Bei solch einer jungen Mannschaft wie Schalke wird es kräftemäßig bei solch einer langen Saison, bei dem Tempo und auf dem hohen Niveau irgendwann einfach einen Einbruch geben.

bundesliga.de: Schalke spielt schnörkellos und effizient unter Felix Magath und hat sich so ganz heimlich dort oben festgesetzt. Denken Sie, dass der Magath-Faktor im Titelrennen eine entscheidende Rolle spielen wird?

Berthold: Felix Magath ist ein Trainer, der aufgrund seiner langen Erfahrung gelernt hat, wenn er zu einem Verein kommt, dann kommt er ja nicht alleine. Ich glaube, der bringt ja mittlerweile zehn Leute mit. Das heißt, es gibt also mehr oder weniger einen Staat im Staat. Und mit diesem Modell hat er den großen Vorteil, dass er sich ein Milieu, ein eigenes Umfeld von Mitarbeitern schafft, die ihm zuarbeiten. Alles andere wird ferngehalten. Das ist gut, denn so bekommen die Spieler kein Alibi. Denn es gibt da eine klare Ansprache und ein klares Leistungsprinzip. Die Spieler haben eben nicht die Möglichkeit wie in anderen Clubs, bei anderen Leuten aus dem Vorstand, der Geschäftsstelle oder Gremien sich irgendwann mal auszuweinen: "Der Trainer spricht nicht mit mir. Es wird zu hart trainiert. Es wird zu viel trainiert". All das gibt es im System Magath nicht. Das zeigt im Endeffekt, dass ein Trainer, der mit einem Konzept kommt, eine Mannschaft körperlich auf Vordermann bringt - und das selbst mit Mannschaften, die vielleicht vom Namen oder vom Investment her nicht zu vergleichen sind mit Bayern München - doch es immer wieder schafft, da oben auf Augenhöhe mitzuspielen.

bundesliga.de: Die Bayern greifen erst nächste Woche in die direkten Duelle ein, können sich gegen Stuttgart aber nicht ausruhen. Hat Sie der FCB in den vergangenen Spielen gegen Köln, Freiburg, Florenz, Frankfurt und Schalke überzeugt?

Berthold: Bei einer Mannschaft, die das ganze Jahr über drei Wettbewerbe zu bestreiten hat, gibt es auch Höhen und Tiefen und ein paar Verletzte, die man nicht kompensieren kann. Man sieht bei den Bayern, dass Arjen Robben und Franck Ribéry eine entscheidende Rolle spielen. Das hat Robben am Mittwoch gegen Schalke ja wieder bewiesen. Wenn die beiden fit sind, dann haben die Bayern Optionen, die das Team schwer ausrechenbar macht. Und diese Qualität haben die beiden Konkurrenten eben nicht. Das muss man ganz klar sagen. Sind die beiden nicht mit im Spiel, tun sich auch die Bayern schwer. In der Meisterschaft haben sie natürlich die besten Karten. Sie sind Tabellenführer und können aus eigener Kraft Deutscher Meister werden. In der Champions League muss man nach dem Auftritt gegen Florenz, eine Mannschaft, die sich im Mittelfeld der Serie A bewegt, aber sagen, dass die Bayern gezeigt haben, dass es auf dem Niveau noch Defizite gibt. Vor allem auf den Außenbahnen und auch in der Innenverteidigung. Manchester United ist ein anderes Kaliber als Florenz. Die Bayern sind in dem Spiel der "Underdog". Das macht es vielleicht ein bisschen einfacher. Da wird sich zeigen, ob die Bayern es schaffen, sich auf dem hohen Niveau und gegen diese Spieler in zwei Spielen durchzusetzen.

bundesliga.de: Stuttgart kann nach einer schwachen Hinrunde sogar noch vom europäischen Wettbewerb träumen. Hätten Sie der Mannschaft nach dem Trainerwechsel solch einen Sturmlauf zugetraut?

Berthold: Aufgrund des Spielerkaders habe ich der Mannschaft schon zugetraut, dass man einen Sprung nach oben macht. Im Laufe einer Saison kann aber viel passieren. Wenn man dann eine Serie hinlegt, geht es auch schon mal schnell bergauf. Aber wenn man dann verliert und die Konkurrenz nicht mitspielt, dann bleibt der Punkteabstand bestehen. Der VfB muss ja sieben Punkte aufholen und es werden ja immer weniger Spiele. Da wird die Luft immer dünner.

bundesliga.de: In München hat der VfB erst vier Mal gewonnen. Kann Stuttgart diese magere Bilanz aufpolieren?

Berthold: Es ist ein Derby. Da gibt es nichts zu verschenken. Zudem haben auch die Bayern am Mittwoch auf Schalke Kraft gelassen. Das Spiel ging in die Verlängerung und war anstrengend. Am Samstag wird sich zeigen, inwieweit die Bayern physisch und psychisch präsent sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der VfB dort trotz der negativen Bilanz hinfährt, um mit leeren Händen heimzufahren.

Das Gespräch führte Sebastian Stolz