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Getrennt durch einen der großen fünf Turmalin-Edelsteine, befindet sich oben auf der Deutschen Meisterschale die Gravur: 1958 FC Schalke. Es ist das Jahr der letzten von sieben deutschen Meisterschaften, die der FC Schalke 04 in seiner ruhmreichen und bewegten Fußballgeschichte errungen hat.

Einer, der die Meisterschale 1958 in den Händen gehalten hat, ist der heute 78-jährige Heinz "Heiner" Kördell. Fast 52 Jahre nach dem Titelgewinn hat sich bundesliga.de auf dem Schalker Vereinsgelände mit Kördell getroffen, um die legendären Tage im Mai 1958 noch mal lebendig werden zu lassen.

Berni Klodt trug die Schale

"Herr Kördell, wie fühlt sich die Deutsche Meisterschale an?" Die Augen des damaligen Halbstürmers blitzen, die Erinnerungen an das Endspiel gegen den Hamburger SV am 18. Mai 1958 vor über 80.000 Zuschauern in Hannover sind sofort da. "Alle Spieler hatten die Meisterschale nach der Übergabe auf dem Platz nur kurz in den Händen. Die meiste Zeit hat sie unser Kapitän Berni Klodt getragen. Mein Traum ist es, die Schale in ein paar Wochen noch mal aus kurzer Nähe zu sehen, um zu gucken, ob meine Fingerabdrücke noch drauf sind."

Der Weg zur Meisterschale war anders als zu heutigen Bundesliga-Zeiten, aber er war genauso so steinig und schwer. Die besten deutschen Clubs spielten in fünf Oberligen: Nord, Berlin, West, Südwest und Süd. Der FC Schalke stand im April 58 nach 30 Spielen als Westmeister fest und traf in einer Endrunde auf neutralen Plätzen auf Eintracht Braunschweig (Nord), TeBe Berlin und den Karlsruher SC (Süd).

Drei Tore gegen TeBe

"Wir waren keineswegs Favorit. Berni Klodt war unser einziger Nationalspieler. Wir Spieler kamen fast ausschließlich aus der nahen Umgebung von Schalke. Ich bin 1956 von der Spielvereinigung Röhlinghausen zu Schalke gewechselt", erzählt Kördell. Der Ortsteil von Wanne-Eickel liegt kaum mehr als fünf Kilometer von Schalke entfernt und trotzdem galt Kördell damals für manchen Schalker Fan als "Ausländer".

Die Endrunde läuft wie geschmiert, Schalke fertigt alle drei Gegner ab. Heiner Kördell, nach heutigen Maßstäben ein typischer Sechser mit Pferdelunge, schießt sogar drei Tore beim 9:0-Sieg gegen TeBe. Auch weil ihn sein Zimmerkollege Otto Laszig vorher richtig aufs Glatteis geführt hatte. Laszig wollte am Vorabend ein Gespräch des österreichischen Trainers Edi Frühwirth belauscht haben, nachdem Kördell aus der Mannschaft fliegen sollte, falls er kein Tor gegen Berlin mache. Eine Ente, wie sich nach dem Spiel herausstellen sollte…

Endspielsieg gegen den HSV

Der Hamburger SV gewann ebenfalls alle drei seiner Endrundenspiele und galt als großer Favorit im Endspiel von Hannover. "Der HSV hatte fünf Nationalspieler. Jupp Posipal, den Weltmeister von 1954 oder den jungen Uwe Seeler. Uns kannte doch niemand außer Berni Klodt. Als wir vor dem Endspiel in unseren Ausgehanzügen durch Hannover gingen, haben die Leute gefragt: Wer ist das denn und wer ist das da?", sagt Kördell.

Trotzdem: Das Finale sonntags wird zu einer klaren Sache für die im Durchschnitt 22,5 Jahre alte Schalker Elf. Zwei Tore von Berni Klodt bedeuten die 2:0-Halbzeitführung, die der Pfarrer Kohle zuhause auf Schalke in seiner Gemeinde St. Joseph den Gläubigen in der nachmittäglichen Andacht durchgibt. Manfred Kreuz schießt den schweren, regennassen Lederball schließlich kurz vor Schluss zum 3:0-Endstand ins HSV-Tor.

Wo war die Schale?

Es wird eine kurze Nacht für alle Schalker. Wer die wenigen Nachtstunden mit der Meisterschale verbringt, kann Kördell nicht beantworten. "Damals waren wir nicht so verrückt und haben uns nicht die Schale geschnappt, um sie mit ins Bett zu nehmen. Aber irgendjemand hat schon auf sie aufgepasst, denn am nächsten Tag auf der Rückfahrt war sie noch da."

Die Rückfahrt mit dem Sonderzug nach Gelsenkirchen wird zu einem unvergessenen Erlebnis für Kördell und seine Mitspieler. Eigentlich sollte der Zug Non-Stopp von Hannover nach Gelsenkirchen fahren. Aber schon beim ersten Zwischenstopp in Hamm stehen die ersten Gratulanten auf dem Bahnsteig. Und im Zug macht die Nachricht die Runde, dass es in Dortmund noch viel mehr sein sollen.

BVB gratuliert am Dortmunder Bahnhof

"Die Ankunft in Dortmund war ein absoluter Höhepunkt. Da stand die gesamte Dortmunder Mannschaft samt Trainer, die ja 1956 und `57 Deutscher Meister geworden ist, auf dem Bahnsteig, um uns zu gratulieren. Die haben uns Blumensträuße durch die Fenster gereicht und uns die Hände geschüttelt. Damals gab es zwar schon die Rivalität, aber wir Ruhrgebietsmannschaften haben uns geachtet und haben dem anderen die Titel gegönnt", meint Bergmannssohn Kördell.

Aber die Ankunft am Hauptbahnhof Gelsenkirchen stellt alles in den Schatten. Bahnsteig und Bahnhofsvorplatz sind schwarz von Menschen, ganz Gelsenkirchen und Umgebung muss am Montag, 19. Mai auf den Beinen sein. So wenig Kohle wie an diesem Tag soll in den ganzen Gelsenkirchener Zechen kein anderes Mal in den 50er Jahren abgebaut worden sein…

Triumphzug durch Gelsenkirchen

"Vom Bahnhof bis zur Vereinsgaststätte Tibulsky in der Glückaufkampfbahn sind wir mit Cabrios gefahren. Aber was heißt gefahren? Wir haben Stunden für die drei Kilometer gebraucht. Die ganze Strecke war ein einmaliger Triumphzug durch Menschenmengen, die die Polizei auf Pferden und Motorrädern kaum abhalten konnte." Es gibt Anekdoten, nach denen sich manche kräftige Bergleute unter die Pferde gestellt und sie mit den Schultern hochgedrückt haben sollen, um besser sehen zu können.

Kördells Blumenstrauß, den ihm BVB-Nationalspieler Alfred "Aki" Schmidt am Bahnsteig überreicht hatte, überlebt die Fahrt nicht. Bei "Tibulsky" kann Kördell seiner Freundin nur noch die nackten Stängel in die Hand drücken, die Blüten haben sich andere "gesichert".

So richtig realisieren Kördell und seine Mannschaftskameraden erst Tage später, was sie erreicht haben. Neben 1000 Mark Meisterprämie erhalten die Siegerelf von Hannover und Trainer Frühwirth einen Meisterring, den Kördell bis heute täglich trägt. "Ich habe damals auf viel verzichtet, um in der ersten Elf zu bleiben und um diesen Ring zu bekommen Dieser Ring gibt mir noch heute immer wieder Kraft und Mut, wenn es im Leben mal nicht so gut läuft."

Stefan Kusche