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Hamburg - Als ob sechs Spiele ohne Sieg und der Absturz auf Rang 14 der Tabelle noch nicht genug an den Nerven zehren würden: Stunden vor dem wichtigen Spiel gegen Mitaufsteiger 1. FC Kaiserslautern platzte dem Trainer der Kragen.

Holger Stanislawski zog die Konsequenzen und feuerte den etatmäßigen Innenverteidiger Carlos Zambrano ebenso aus disziplinarischen Gründen aus dem Kader wie Deniz Naki und Charles Takyi, die zuletzt in Bremen eingewechselt worden waren. Zum Sieg reichte es auch so: St. Pauli gewann dank eines Eigentores von Christian Tiffert mit 1:0.

Problem wird intern gelöst

"Jede Mannschaft hat Regeln, einen Verhaltenskodex, an die sich jeder zu halten hat", so der Trainer, der über die Gründe für die drastischen Maßnahmen nichts sagen wollte: "Das behandeln wir intern."

Offen ließ er auch, ob die Kaltgestellten am kommenden Samstag beim FC Bayern München wieder zu Kader stoßen könnten. "Wir hatten noch keine Zeit, uns damit zu beschäftigen. Wir mussten die Mannschaft auf ein wichtiges Spiel vorbereiten."

St. Pauli mit drei Neuen in der Viererkette

Da auch Markus Thorandt wegen einer Sperre nicht zur Verfügung stand und Außenverteidiger Bastian Oczipka "eine Pause verordnet" bekam und auf der Bank Platz nehmen musste, hatte der Trainer die Vierer-Abwehrkette auf drei Positionen neu besetzt. Lediglich Carsten Rothenbach durfte auf seiner rechten Seite ran.

Für Zambrano und Thorandt bildeten der etatmäßige Kapitän Fabio Morena und Ralph Gunesch die Innenverteidigung, "Moritz Volt habe ich auf der linken Seite ausprobiert", so Stanislawski: "Er hat seine Sache gut gemacht."

Angespanntes Nervenkostüm

"Klar, dass sechs Spiele ohne Sieg an den Nerven zehren", gab Fabian Boll zu. Die Umstellung der Abwehrkette habe er aber nicht als Problem gesehen. "Jeder, der meint, dass er spielen muss, muss dann auf dem Platz auch zeigen, dass er es verdient hat, aufgestellt zu werden. Es war schön zu sehen, dass die neue Innenverteidigung funktioniert hat."

Davon war der 31-Jährige aber auch schon vor der Partie überzeugt: "Es ist ja nicht so, dass wir zum ersten Mal zusammengespielt haben. Mit Fabio und Ralph sind wir aus der 3. Liga in die Bundesliga aufgestiegen", so Boll zu bundesliga.de.

"Jeder hat mal seinen Tag X"

Auch Gunesch behauptete, nicht nervös gewesen zu sein: "Ich bereite mich jede Woche so vor, als ob ich von Anfang an spiele", so der 27-Jährige: "Obwohl es natürlich nicht schön ist, sich Woche für Woche vorzubereiten und dann auf der Tribüne zu sitzen".

Damit hat Gunesch die Philosophie seines Trainers verinnerlicht: "Jeder hat mal seinen 'Tag X'. Dafür sind wir Profis. Und wenn man in der Saison 350 Trainingseinheiten absolviert und nur 15 Minuten zum Einsatz kommt, kann man der Mannschaft helfen. Niemand darf sich ausruhen."

Intensive Trainingswochen

Und von Ausruhen konnte beim Aufsteiger zuletzt keine Rede sein: Stanislawski hatte in den vergangenen zwei Wochen alle freien Tage gestrichen. "Wir haben sehr intensive Wochen hinter uns, in denen wir entgegen aller Trainingslehren keinen Wert auf Regeneration gelegt haben", so Stanislawski.

Mit Erfolg. Gegen Kaiserslautern gab es endlich wieder einen "Dreier". "Wir haben uns belohnt für die harte Arbeit", war Max Kruse erleichtert. Und dieser Sieg soll keine Eintagsfliege bleiben. "Unsere Schwächeperiode, die jeder Verein im Laufe der Saison mal hat, ist beendet", ist sich der 22-Jährige sicher

Partie gegen Bayern "ein absolutes Highlight"

Ob alle "Teufels-Bezwinger" auch am Samstag bei den Bayern auflaufen, ist keineswegs sicher. Erst zwei Mal ließ Stanislawski in der aktuellen Saison dieselbe Elf an zwei aufeinanderfolgenden Spieltagen starten. Oft entscheidet der 41-Jährige erst am Spieltag darüber, wer aufläuft.

Zwei Tage gab der Coach seinen Spielern zuletzt erst einmal frei. "Dann bereiten wir uns auf die Bayern vor, und die Karten werden neu gemischt." Beim großen FC Bayern München will schließlich jeder dabeisein. "Das ist ein Spiel, auf das viele von uns sieben, acht, neun Jahre hingearbeitet haben. Deshalb wird es ein absolutes Highlight", beschreibt Boll die Bedeutung der Partie für die Underdogs.

"Wir fahren nicht nach München, um dort Guten Tag zu sagen", rechnet sich Florian Bruns durchaus Chancen für die Braun-Weißen aus. Vielleicht hat ja jemand seinen "Tag X" und sorgt für eine Sensation beim schwächelnden Meister und Pokalsieger.

Jürgen Blöhs