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Was genau Jupp Heynckes vor exakt zwölf Monaten gemacht hat, ist nicht bekannt. Vielleicht ist er mit seinem Schäferhund "Cando" in der Nähe seines Hauses in Mönchengladbach spazieren gegangen, vielleicht saß er mit seiner Frau auch gerade gemütlich bei einer Tasse Kaffee zusammen. Anfang April 2009 genoss Heynckes jedenfalls noch sein Dasein als Frührentner, der zuvor mehr als 40 Jahre im Profi-Fußball als Spieler und Trainer beschäftigt war.

Doch dann kam der 27. April 2009 - und mit Gemütlichkeit war es für Jupp Heynckes erst einmal vorbei. An jenem 27. April trennte sich der FC Bayern München von Trainer Jürgen Klinsmann und engagierte Heynckes als Übergangsnachfolger. "Ich tue das für den FC Bayern, der mir das Sprungbrett in den internationalen Fußball gegeben hat, und aus Freundschaft zu Uli Hoeneß", sagte Heynckes damals.

Ungeschlagen als Bayern-Coach

Dass der Weltmeister von 1974 den Bayern in den letzten fünf Bundesligaspielen dann aber so viel Leben einhauchte, dass sie fast noch den VfL Wolfsburg an der Tabellenspitze abgefangen hätten, konnten am ersten Tag weder Heynckes noch Hoeneß ahnen.

Der Altmeister holte mit dem Club, den er schon 1989 und 1990 als Coach zur deutschen Meisterschaft geführt hatte, 13 Punkte aus fünf Spielen und sicherte so das Mindestziel Champions-League-Teilnahme. Zudem merkte er bei der Arbeit an der Säbener Straße, wie sehr das Feuer für den Fußball noch in ihm brennt.

Das blieb auch Bayer 04 Leverkusen nicht verborgen, die Rheinländer verpflichteten ihn im vergangenen Sommer als Nachfolger Bruno Labbadias. Im Duell mit dem FC Bayern am Samstag (ab 18 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio!) kann Heynckes nun zum "Königsmacher" werden. Er könnte die Münchner mit einem Sieg wieder von der Tabellenspitze stoßen, für den Fall, dass der FC Schalke sein Spiel bei Hannover 96 gewinnt.

Heynckes verbessert eigenen Rekord

Noch vor einigen Wochen sah alles danach aus, dass die "Werkself" vielleicht sogar selbst den ersten Meistertitel der Vereinsgeschichte einfahren könnte, blieb sie doch bis zum 25. Spieltag (2:3 in Nürnberg) ungeschlagen. Heynckes übertraf mit saisonübergreifend 30 Bundesligaspielen ohne Niederlage seinen eigenen Rekord aus der ersten Bayern-Zeit.

Doch nach vier Niederlagen in den letzten fünf Partien ist der Meisterzug für die Leverkusener wohl abgefahren, was den Routinier auf der Trainerbank aber nicht beunruhigt: "Wir haben nie vom Titel gesprochen, denn wir haben eine sehr junge Mannschaft. Da wussten wir von vornherein, dass es schwierig sein würde, das Niveau über die gesamte Saison zu halten", sagt Heynckes.

"Natürlich wollen wir den 3. Platz"

Der Coach, der am 9. Mai - einen Tag nach dem letzten Bundesligaspieltag - seinen 65. Geburtstag feiert, blickt schon wieder voraus. "Natürlich wollen wir den 3. Platz verteidigen und werden darum kämpfen. Die Mannschaft hat das Zeug dazu, dieses Ziel zu erreichen", erklärt Heynckes.

Rückendeckung erhält er von der Vereinsführung. "Wenn einer unsere Situation in den Griff kriegen kann, dann er", sagt Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser. In Leverkusen ist man überzeugt und begeistert von der Arbeit, die Heynckes mit dem hochtalentierten aber auch noch sehr unerfahrenen Kader leistet.

Unaufgeregt, feinfühlig und diplomatisch navigiert der Trainer sein Team auch durch schwere Gewässer. "Man muss eine Atmosphäre schaffen, in der die Spieler atmen können", beschreibt Heynckes seine Arbeitsweise. Neben dem Platz ist er souverän im Umgang mit den Medien. Er stellt für die Mannschaft, in der Abwehr-Hühne Sami Hyypiä sein Stellvertreter auf dem Rasen ist, den Ruhepol dar, den diese momentan so gut gebrauchen kann.

Positive Heimbilanz gegen die Bayern

Und auch ein Blick auf Heynckes' persönliche Bilanz gegen die Bayern könnte dem eigenen Team Mut machen. Denn auch wenn die "Werkself" vier der letzten fünf Heimspiele gegen den Rekordmeister verloren hat, für ihren Trainer stehen in neun Heimpartien gegen die Münchner sechs Siege zu Buche.

Vom Gerede über den typischen Bayer-Einbruch in der Rückrunde will Heynckes ohnehin nichts wissen. Er kennt das Potenzial seiner Elf und traut ihr zu, eine starke Saison auch zu einem guten Ende zu bringen. Dazu haben die Leverkusener noch fünf Spiele und können gegen den FC Bayern damit beginnen.

Was in fünf Spielen alles möglich ist, weiß Jupp Heynckes spätestens seit letztem April. Manchmal reichen sie sogar, um das Feuer für den Fußball ganz neu zu entfachen.


Matthias Becker

Fakten zur Partie und mögliche Aufstellungen finden Sie