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Dortmund - Gleich drei Vertragsverlängerungen konnte der BVB in der Winterpause perfekt machen. Mit der Verpflichtung von Nuri Sahin ist Sportdirektor Michael Zorc aber ein ganz besonderer Coup gelungen.

"Man soll sich ja nicht selbst loben, aber wir waren in den letzten Tagen wirklich fleißig", verkündete ein sichtlich entspannter Michael Zorc am Freitag. Neven Subotic und Sven Bender haben beim BVB verlängert, dazu jetzt auch Marcel Schmelzer bis 2017 - und dann ist da ja noch die Rückkehr des verlorenen Sohnes. Mit Nuri Sahin kickt künftig der Spieler wieder in Dortmund, der die Mannschaft 2011 zum Meistertitel geführt hatte und dann zu Real Madrid gewechselt war.

Wie es möglich war, den 24-Jährigen wieder beim BVB unter Vertrag zu nehmen, was er sich von dem Mittelfeldstrategen verspricht und welche Ziele die Borussia mit Sahin auch in Europa anpeilen kann, darüber hat Michael Zorc mit bundesliga.de gesprochen.

bundesliga.de: Herr Zorc, ist Ihnen in Ihrer langen Zeit als Sportdirektor schon einmal ein Spieler begegnet, der mit soviel Herzblut wie jetzt Nuri Sahin begründet hat, warum er nur beim BVB spielen will?

Michael Zorc: Nein, das habe ich ehrlich gesagt in dieser Form noch nicht erlebt. Aber ich denke, man hat bei der Vorstellung von Nuri allen Beteiligten angesehen, wie groß die Freude ist, dass wir diesen Transfer realisieren konnten. Man muss auch ganz offen sagen, dass dieser Wechsel nur machbar war, indem Nuri dieses Herzblut gezeigt hat.

bundesliga.de: Sie spielen darauf an, dass Sahin auf einiges Geld verzichtet, um wieder zuhause spielen zu können, wie er es selbst gesagt hat?

Zorc: Wir wissen doch auch, dass die Gehaltsstrukturen von Real Madrid und Borussia Dortmund deutlichst auseinander liegen. Aber Nuri hat sich komplett auf unsere Möglichkeiten eingelassen, weil er einfach wieder das Trikot von Borussia Dortmund tragen will. Anders wäre dieser Transfer nicht möglich gewesen. Das zeigt aber auch ganz deutlich, dass sein Bekenntnis zum BVB nicht nur ein paar Sätze sind. Dahinter steckt wirklich der Wunsch, die nächsten Jahre bei uns zu spielen - und nirgendwo anders.

bundesliga.de: Wie weit ging es bei diesem Transfer darum, einen verlorenen Sohn wieder nach Hause zu holen? Und wie weit ging es darum, die sportliche Substanz weiter zu erhöhen?

Zorc: In erster Linie geht es natürlich immer um die sportlichen Faktoren. Auch wenn er in den letzten 18 Monaten nicht oft gespielt hat, können wir Nuris Leistungsvermögen gut einschätzen und wissen genau, was er kann. Darum sind wir überzeugt, dass er in den nächsten Jahren eine absolute sportliche Bereicherung für uns sein wird. Er kann im Mittelfeld mit allen Spielern gut zusammen spielen, das passt hervorragend. Er besitzt ein überragendes spielerisches Potenzial. Aber auch als Typ und als Charakter ist Nuri eine echte Bereicherung - er passt hundertprozentig zum BVB.

bundesliga.de: Sie haben angesprochen, dass Sahin zuletzt wenig Spielpraxis hatte. Glauben Sie, dass er auf dem Weg zurück zu alter Stärke eine gewisse Anlaufzeit benötigen wird?

Zorc: Das ist ganz normal. Zumal wir auf der anderen Seite auch eine Mannschaft haben, die sich in den letzten eineinhalb Jahren ohne Sahin weiterentwickelt und gewisse Automatismen verinnerlicht hat. Darum habe ich gebeten, dass man die Erwartungshaltung bei Nuri jetzt nicht bis unter die Decke hängt. Wir haben diese Zeit, die es braucht. Nuri wird sie sich auch nehmen - und das sollte jeder tun.

bundesliga.de: War die Verpflichtung von Sahin auch eine Antwort des BVB auf die Transferpolitik des FC Bayern - sozusagen ein kleiner Konter in der Winterpause?

Zorc: Konter spielen wir nur auf dem Platz. Wir machen immer das, was wir für gut und sinnvoll für Borussia Dortmund erachten. Das ist die Maxime bei unseren Transfers. Mit dem FC Bayern hat das herzlich wenig zu tun.

bundesliga.de: Einziger Wermutstropfen für Sahin: Auf seine alte Rückennummer muss er künftig beim BVB verzichten.

Zorc: Das stimmt, die Nummer 8 ist jetzt bei uns an Ilkay Gündogan vergeben. Darum wird Nuri in der Zukunft mit der Nummer 18 auf dem Trikot spielen. So viele Nummern waren nicht frei, da hat sich diese angeboten. Man muss quasi nur eine 1 vor seine alte Nummer machen.

bundesliga.de: Vielleicht ist es ja auch als gutes Omen zu sehen: Sahin trägt nun die gleiche Nummer wie damals BVB-Ikone Lars Ricken, als er die Borussia zum Sieg in der Champions League geschossen hat. Und spielberechtigt ist Sahin ja auch für Europas Königsklasse.

Zorc: Man kann einen Spieler nachmelden, auch wenn er in der laufenden Saison schon Europa League gespielt hat. Das werden wir natürlich tun. Aber darüber hinaus beschäftigen wir uns nur mit unserem nächsten Gegner in der Champions Legaue, und der heißt im Achtelfinale Schachtjor Donezk. Vor fünf Monaten hatten uns einige Experten gar nicht auf der Rechung, jetzt sieht uns die halbe Fußballwelt auf einmal im Endspiel. Da sind wir beim BVB etwas bodenständiger und nicht so sprunghaft. Darum ist unser Thema auch mit Sahin in Europa jetzt Donezk, nichts anderes. Dazu wollen wir uns in der Bundesliga wieder direkt für die Champions League qualifizieren. Und im Pokal wird das Viertelfinale bei Bayern München keine einfache Aufgabe für uns - für die Bayern aber auch nicht.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte