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Dortmund - Wie denkt Dortmund über Thomas Tuchel? Was meinen die Fans, die Schwarz-Gelb im Herzen tragen? Und wie schätzen ehemalige Borussen die Verpflichtung ein? bundesliga.de hat sich umgehört und ist dabei auf große Erwartungen, eine gehörige Portion Optimismus, aber auch ein Stück weit Skepsis gestoßen.

"Jeder nach Klopp hat's schwer!" Michael Rummenigge spricht aus, was alle denken. Ob Sportler oder Künstler, Ex-Profi oder Fanclub-Vorsitzender. Alle sind überzeugt, dass die Fußstapfen des Meistertrainers kaum zu füllen sind. "Ein Jürgen Klopp ist nicht zu ersetzen", meint auch Alexander Klaws, bekennender BVB-Fan und derzeit  am Theater Dortmund als "Jesus Christ Superstar" engagiert. "Himmelhochjauchzend reagiert hier keiner - schon allein aus dem Grund, dass Kloppo dann weg ist", bestätigt Marc Werdecker, Vorsitzender des BVB-Fanclubs Freundeskreis Hostedde.

"Der Spielphilosophie von Klopp nahe kommen"

Ex-Borusse Rummenigge, der in Dortmund lebt, sieht in der Verpflichtung aber "die beste Lösung, die man finden konnte. Tuchel ist hervorragend qualifiziert und hat in Mainz bewiesen, was er taktisch drauf hat." Bei den Fans erhofft man sich zudem, dass es auch künftig Vollgasfußball geben wird. "Tuchel vertritt die gleiche Linie wie Klopp, setzt auf Offensivfußball, das passt", meint Werdecker (das ist die Philosophie von Thomas Tuchel). So schätzt es auch BVB-Archivar Gerd Kolbe ein, der den Weg von Jürgen Klopp in den sieben Jahren aufmerksam begleitet hat. Er glaubt, dass Tuchel "genau der Richtige ist, um kontinuierlich, aber in taktischen Fragen verfeinert die Arbeit der letzten Jahre fortzusetzen." Ähnliches denkt Ex-Profi Kalle Riedle, heute Marken-Botschafter des BVB: "Es ist wichtig, dass er der Spielphilosophie von Jürgen Klopp sehr nahe kommt. Das sind die Spieler über einige Jahre hinweg gewohnt."

Für einige ist Tuchel aber nicht nur ein begnadeter Taktiktüftler, sondern vor allem auch ein unbeschriebenes Blatt. "Große Erfolge kann er noch nicht vorweisen. Da wundert es schon, dass er so als Supertrainer gehypt wird", staunt Uwe Pleß, Vorsitzender der "Sonnenkönige 93" und Behindertenbeauftragter des BVB. Auch Marc Werdecker weiß von Vorbehalten unter den Fans zu berichten: "Tuchel hat ja noch nichts vorzuweisen, da ist der Hype schwer zu verstehen." Prominente Unterstützung erhält er von Martin Kree, der 1997 mit dem BVB die Champions League gewann und damals den Wechsel von Erfolgscoach Hitzfeld zu Scala hautnah miterlebte. "Titel zu holen und vor allem zu bestätigen ist noch mal etwas anderes, als Mainz in die Europa League zu führen. Erst dann ist man ein großer Trainer. Und Dortmund und Mainz, das ist doch ein Unterschied."

"Tuchel passt ins Ruhrgebiet"

Trotzdem glaubt Kree, dass auch Thomas Tuchel in der Region und bei den Fans ankommen wird. "An der Linie ist er vom Typ her auch sehr extrovertiert, das passt ins Ruhrgebiet und zum Verein." Dass Tuchel sonst manchmal als spröde und distanziert beschrieben wird, schreckt zumindest Gerd Kolbe nicht: "Da muss man offen sein, sollte keine Vorurteile haben. Ich kann mir vorstellen, dass er gut zu uns passt. Und er kann hoffentlich auch bei den Fans eine Basis finden" (Video: So mischte Tuchel 2010 die Bundesliga auf).

Das hofft auch Marc Werdecker, allerdings nicht ohne Skepsis: "Er ist sicher nicht so ein kumpeliger Typ wie Klopp. Es muss sich erst zeigen, wie das ankommt - bei der Mannschaft und dem Umfeld." Eine Problematik, die auch Ex-Borusse Patrick Owomoyela sieht: "Die Fans sind es gewohnt, unterhalten zu werden, ob auf dem Platz oder in Pressekonferenzen. Ich glaube, es kann passen, aber es muss wachsen." Auch Uwe Pleß glaubt, dass sich einige umstellen müssen, obwohl er persönlich mit Tuchel auch ganz andere Erfahrungen gemacht hat: "Ich habe ihn in Mainz mal sehr volksnah erlebt, als er vor dem Spiel die Fans im Rolli-Block persönlich begrüßt hat."

Einen wie Klopp gibt es kein zweites Mal

Fazit in Dortmund: Tuchel ist eine gute Wahl, vielleicht sogar die beste. "Ich hoffe, dass er den BVB wieder in die Spur bringt. Und ich für meinen Teil werde wie immer mitfiebern", bringt es Alex Klaws auf den Punkt. Und einen wie Jürgen Klopp, den gibt's eh' kein zweites Mal. Damit muss dann auch der Neue leben, meint Uwe Pleß: "So eine Liebe wie Jürgen Klopp wird hier sicher keiner mehr erfahren!"

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte

Thomas Tuchel im Portrait: Taktikfuchs und Distanzwahrer

Video-Rückblick: So mischte Tuchel 2010 mit Mainz die Bundesliga auf

Infografik: Tuchels Trainer-Bilanz

XL-Bildergalerie: Die Karriere von Thomas Tuchel