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Köln - Am Dienstag ist der neue Bundesliga-Reiseführer für Menschen mit Handicap erschienen. Das 234 Seiten starke Werk hilft Menschen mit Behinderung, sich auf dem Weg in die Stadien der 36 Clubs des Ligaverbandes zurechtzufinden. Der Reiseführer beschreibt auch ausführlich, in wieweit die Vereine Live-Reportagen für Blinde und Sehbehinderte anbieten.

Beim Supercup-Spiel im August in der Augsburger impuls arena hat Stefan Kusche, Autor des Bundesliga-Magazins und bei bundesliga.de, als "normal Sehender" Eindrücke von der Berichterstattung für Fans mit Handicap gesammelt.

Live-Atmosphäre im Stadion spüren und aufsaugen

Stell dir vor, du gehst zum Supercup und kannst nichts sehen: weder Bastian Schweinsteiger im neuen, rot-weiß gestreiften Trikot des FC Bayern noch Superstar Raúl vom FC Schalke 04 in Dunkelblau und mit der weißen Nummer 7 auf dem Rücken; weder das satte Grün des Rasens noch die vollbesetzten Ränge der Augsburger impuls arena.

Für blinde und sehbehinderte Fußballfans ist das die Wirklichkeit. Sie können kein Fußballspiel so verfolgen wie es für Millionen anderer Fans selbstverständlich ist. Aber auch sie möchten das Ereignis fühlen und erleben, die Live-Atmosphäre im Stadion spüren und aufsaugen. Die Ohren und die anderen Sinne ersetzen ihre Augen. Durch die Einführung der Live-Reportage hat die Bundesliga den entscheidenden Schritt getan, um den Blinden und Sehbehinderten das Spieltags- und Stadionerlebnis hautnah zu vermitteln.

Als normal Sehender habe ich an der Live-Reportage beim Supercup teilgenommen, zusammen mit 14 Blinden oder Sehbehinderten samt ihren Begleitern, die von der DFL Deutsche Fußball Liga zum ersten Höhepunkt der Saison 2010/11 eingeladen worden waren. Ganz wohl fühle ich mich nicht in meiner Haut. Viele Fragen schwirren durch meinen Kopf: Kann ich überhaupt einen Blinden "spielen"? Mich wirklich in seine Lage versetzen? Mich allein auf meine Ohren verlassen?

Technik macht Übertragung einfach

Die technischen Voraussetzungen sind verblüffend einfach. Die Reporter arbeiten mit Bügelmikrofonen (Headsets), die an einen Funksender angeschlossen sind. Die Zuhörer erhalten einen leichten Bügelkopfhörer und Funkempfänger. Dieses kleine Kästchen ist bewusst unkompliziert gestaltet, um die Bedienung so leicht wie möglich zu machen: Es gibt nur die Funktionen "Ein" und "Aus" sowie "laut" und "leise". Spezielle Plätze mit Tisch oder Steckdose sind also nicht erforderlich. Wir sitzen auf normalen Tribünenplätzen auf Höhe der Eckfahne.

Noch zehn Minuten bis zum Anstoß. Ein letzter Blick auf Spielfeld und Tribünen, dann schalte ich mit dunkler Brille vor den geschlossenen Augen den Empfänger an. Nach zwei, drei Sekunden verliere ich Ordnung und Orientierung. Weil eine Flut von Geräuschen auf mich einstürzt, die ohne Augen kaum zu sortieren sind: die Stimme des Reporters, die plötzliche Durchsage des Stadionsprechers, die Gesänge in den Fankurven, die Gespräche der Leute in meiner direkten Umgebung. Der Kopf dreht sich wie von selbst in Richtung jeder Geräuschquelle.

Gewirr aus Stimmen und Geräuschen

Diesen ersten Versuch muss ich abbrechen. Die Augen lassen sich einfach nicht ausblenden. Sie wollen praktisch prüfen, was die nun viel intensiver wahrgenommenen Geräusche übermittelt haben. Zwei Plätze weiter sitzt ein Blinder -vollkommen vertieft in die Reportage, die ihn über sein Headset erreicht. Ähnlich ruhig und konzentriert schalte ich meinen Empfänger ein zweites Mal ein. Jetzt fällt es schon leichter, die Stimmen und Geräusche zu sortieren. Fast wie bei einem alten Radio, bei dem man durch Drehen des Senderknopfs nach vielen Musik- und Gesprächsfetzen endlich sein gewünschtes Programm findet.

Nun kann ich mich besser und besser auf die Reportage einlassen, die mir die Reporter Martin Feye und Markus Bliemetsrieder anbieten - beide sonst ebenfalls gemeinsam bei den Heimspielen von Borussia Dortmund und des VfL Bochum 1848 im Einsatz. Parallel übertragen noch Rebekka Wilke und René Ambiel (beide sonst 1899 Hoffenheim) sowie Florian Reinecke (sonst SV Werder Bremen und Bayer 04 Leverkusen) auf einer anderen Frequenz für jeweils eine andere Gruppe.

"Verortung" die wichtigste Reporter-Aufgabe

Grundsätzlich ist eine Live-Reportage auf den Tribünen für diese Fans mit solchem Handicap anders und in gewissem Sinne auch anspruchsvoller als eine gewöhnliche Hörfunk-Übertragung. Denn die Berichterstattung für Blinde und Sehbehinderte hat eigene Gesetze. Der wichtigste Unterschied zur gewohnten Radio-Reportage besteht darin, dass die Blinden und Sehbehinderten eine kontinuierliche und konkrete Nennung der Orte des Spielgeschehens benötigen: Über welche Seite läuft der Angriff? Wo steht der gerade den Ball führende Spieler? Wie groß ist die Entfernung zum Tor? "Verortung" heißt der Fachausdruck dafür.

"Außerdem muss praktisch jede akustische Reaktion der Fans übersetzt werden. Warum pfeifen die Fans plötzlich? Oder warum kommt spontaner Jubel aus der Kurve? Dann muss der Reporter erklären, dass sich ein ehemaliger Spieler vor der Heim-Fankurve warmläuft oder ein beliebter Spieler kurz vor seiner Einwechslung steht." So erklärt Broder-Jürgen Trede.

DFL bildet Reporter regelmäßig fort

Der Dozent der Universität Hamburg, der schon seit geraumer Zeit systematische und wissenschaftliche Analysen der Live-Berichte für Blinde und Sehbehinderte durchführt, wird die Reportagen vom Supercup-Spiel in Augsburg in einem folgenden Fortbildungsseminar der DFL bewerten. Unter dem Titel "Mit den Ohren sehen" führt die DFL seit 2008 regelmäßige Fortbildungen für die Reporter durch.

Den ersten Live-Kommentar dieser Art überhaupt hat Bayer 04 Leverkusen am 15. Oktober 1999 beim Heimspiel gegen den SSV Ulm 1846 getestet. Inzwischen bieten 25 der 36 Proficlubs diese Berichterstattung an. "Ziel muss es sein, diesen Service flächendeckend in der Bundesliga und der 2. Bundesliga anzubieten", sagt Marco Rühmann, Projektmanager Fanangelegenheiten der DFL.

Immer auf Ballhöhe

Beim Supercup schildert Reporter Feye nun die ersten Spielminuten. Jetzt erlebe ich in der Praxis, wie wichtig die "Verortung" ist. Wenn Philipp Lahm den Ball auf der rechten Seite zehn Meter vor dem eigenen Strafraum führt oder Manuel Neuer das neue Modell "Torfabrik" über die Mittellinie auf die linke Angriffsseite abwirft: Der gute Reporter führt den Blinden quasi jederzeit auf Ballhöhe über das Spielfeld.

Vertrauen ist gut - aber hin und wieder schaue ich doch auf das Spielfeld, um das Gehörte mit dem Gesehenen zu vergleichen. Der Vergleich hält dem kritischen Journalisten-Urteil stand. Die Qualität der Reportage ist absolut professionell: jederzeit informativ, sprachlich und fachlich herausragend. Als ich nach etwa dreißig Minuten Spielzeit die Kopfhörer abnehme, fühle ich mich ohne den Kommentar für einen Moment fast desorientiert.

"Stadionbesuch wieder interessant und attraktiv"

Fast alle in Augsburg anwesenden Blinden und Sehbehinderten haben zum ersten Mal an einer solchen Live-Reportage teilgenommen. Wie Wolfgang Schmidt (49), der als Kind noch volle Sehkraft hatte, nun jedoch wegen einer Netzhauterkrankung kaum mehr als hell und dunkel unterscheiden kann. Der Bayern-Fan hatte wegen seiner Erkrankung inzwischen schon schweren Herzens auf Stadion-Besuche verzichtet und die Spiele meist zuhause am Radio verfolgt.

Inzwischen haben sich für ihn aber wieder ganz neue Perspektiven eröffnet: "Bei der Reportage hat alles gepasst", sagt Schmidt. "Der Kommentar und die Akustik waren sehr gut, und ich habe die Live-Atmosphäre genossen. Das war ein ganz tolles Erlebnis. Mit Hilfe einer Blinden-Reportage wird ein Stadionbesuch für mich wieder interessant und attraktiv."

Götz Bender, Leiter Spielplanung der DFL und Projektleiter beim Supercup, sagt: "Wie zuvor schon beim Liga-Pokal hat die DFL auch beim Supercup die Blinden-Reportage angeboten. Wir sind begeistert, wie erfolgreich dieses Angebot von den blinden und sehgeschädigten Nutzern angenommen wurde und haben uns sehr über die Danksagungen im Nachhinein gefreut. Deshalb haben wir beschlossen, diesen Service auch bei allen zukünftigen Supercup-Spielen anzubieten."