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München - Als Mario Gomez schon dachte, den Interviewmarathon hinter sich zu haben und Richtung Ausgang der Mixed Zone trottete, wurde er noch von einem italienischen Reporterteam aufgehalten. "Mario, per favore!", flehte ein Journalist von "Sky Italia" den Doppeltorschützen an, ihm noch schnell ein Interview für den Pay-TV-Kanal vor dem Champions-League-Auftritt gegen Neapel zu geben.

Also blieb Gomez stehen, vernahm geduldig die erste Frage, die der italienische Kollege in gebrochenem Deutsch von einem Zettel ablas - und die eben noch heitere Miene verfinsterte sich augenblicklich. "Entschuldigung, wenn ich das jetzt sage - aber die deutschen Journalisten nerven mich schon mit dieser Frage. Jetzt kommen die Italiener damit auch noch an", schnaubte der Stürmer.

"Der Rekord ist nicht wichtig für mich"

"Super-Mario", der den Torreigen gegen den 1. FC Nürnberg bereits nach 85 Sekunden eröffnete und auch noch für den 4:0-Endstand sorgte, wollte nicht schon wieder auf den Tor-Rekord von Gerd Müller angesprochen werden - und genau das tat der Reporter. Mit einem Augenzwinkern fügte Gomez an: "Der Rekord ist nicht wichtig für mich."

Seine Saisontore elf und zwölf machen Gomez auch jenseits der Alpen zu einem begehrten Interviewpartner - und mittlerweile ist der Vergleich mit dem "Bomber" alles andere als abwegig. Gomez, der sich in seiner Anfangszeit beim Rekordmeister lange schwer getan hatte, hat mittlerweile 71 Bundesligaspiele für den FC Bayern auf dem Buckel - und dabei satte 53 Tore erzielt. Müller brachte es im vergleichbaren Zeitraum "nur" auf 43 Treffer.

Dabei ist der 26-Jährige meistens nur das letzte Glied einer insgesamt beeindruckenden Bayern-Maschinerie, die vor allem in der heimischen Allianz Arena die Gegner reihenweise an die Wand spielt: In den fünf Bundesligaspielen seit der 0:1-Niederlage gegen Gladbach zu Saisonbeginn gelangen ebenso viele "Dreier" und 23:0 Tore. Nimmt man alle Wettbewerbe zusammen, erhöht sich die Statistik auf acht Heimsiege und atemberaubende 33:0 Treffer.

Bayern lässt Ball und Gegner laufen

Gegen diese Übermacht musste auch der 1. FC Nürnberg früh die weiße Flagge hissen: Ehe sich der "Club" versah, lag er bereits hinten und hätte bei einem 0:3-Pausenrückstand eigentlich schon vorzeitig die Heimreise antreten können. "Bayern hat uns regelrecht vorgeführt. Wir können froh sein, dass es nicht noch höher ausgegangen ist", resümierte Abwehrchef Philipp Wollscheid.

Statistisch lässt sich die erneute Bayern-Gala mit 15:6 Torschüsse und 72 Prozent Ballbesitz zu Gunsten der Gastgeber aufdröseln. Auf den ersten Blick erstaunt allenfalls die Gesamt-Laufleistung der Münchner, die mit 108,7 Kilometern (gegenüber 116,9 Kilometern der Gäste) vergleichsweise gering ausfiel. Blickt man jedoch auf die Anzahl der gespielten Pässe, wird deutlich, dass die Franken ihren Gegenübern meist nur hinterherrannten: Während der "Club" den Ball lediglich 139 Mal durch die eigenen Reihen wandern ließ, spielten sich die Münchner den Ball unglaubliche 691 Mal zu.

Dabei scheint Bayern-Coach Jupp Heynckes die alte Van-Gaal-Schule vom Ballbesitz mit neuer Effizienz gepaart und damit die Erfolgsformel gefunden zu haben. "So wie wir im Moment Fußball zelebrieren, das macht Spaß", freute sich Präsident Uli Hoeneß nach dem erneuten Spektakel. "Wir können Jupp Heynckes nur dankbar sein, wie er hier Fußball zur Kunst erhoben hat. Die Zuschauer sind mehr als happy, sie kriegen jedes Wochenende phantastische Unterhaltung geboten."

Ribery blüht unter Heynckes auf

Heynckes selbst gibt das Lob an seine Elf weiter: "Wir haben wunderschöne Tore herausgespielt. Die Mannschaft zeigt exzellenten Fußball, sehr gute Raumaufteilung, ist sehr ballsicher und passsicher, und man sieht, dass die Spieler Spaß am Fußballspielen hat. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, um erfolgreich Fußball zu spielen."

Wo Louis van Gaal noch rigide und beratungsresistent sein Spielsystem durchdrücken wollte, verstand es Heynckes mit "langer Leine", den Stars die zuletzt verborgene Spielfreude wieder herauszukitzeln. Und die danken es ihm nun reihenweise - allen voran Franck Ribery. Der Dribbelkünstler, der auch gegen Nürnberg nach tollem Solo traf, hat nach elf Spieltagen bereits fünf Tore auf seinem Konto und steht symbolisch für die neue bajuvarische Lust am Fußballspiel.

Die Lust am Interview war Mario Gomez nur kurz vergangen. Als der Reporter bei seinen weiteren Fragen auf die Mannschaftsleistung der Münchner, die Dominanz in der Meisterschaft und das kommende Duell gegen Napoli zu sprechen kam, hellten sich die Gesichtszüge des Top-Stürmers wieder auf. Und aus einer Nervensäge wurde augenblicklich wieder der nette Signore von "Sky Italia".

Aus der Allianz Arena berichtet Johannes Fischer