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Gelsenkirchen - Grinsend stand Thilo Kehrer nach dem 1:1 im Revierderby zwischen dem FC Schalke 04 und Borussia Dortmund vor den Mikrofonen und plauderte aus dem Nähkästchen. Vor dem Spiel habe man in der Kabine "ein bisschen geflachst, dass es ein guter Zeitpunkt wäre, mein erstes Tor zu machen - aber eigentlich war es geplant per Kopf nach einem Standard". Der 20-Jährige entschied sich dann nach 77 Minuten für den trockenen Schuss ins kurze Eck - Jubelsprung vor der Nordkurve und geballte Fäuste inklusive: "Das war einfach nur Gänsehaut!"

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Die kurze Episode zeigt ein wenig, wie dieser Thilo Kehrer tickt, der seit Samstagnachmittag der neue Derbyheld der Schalker ist. Er ist irgendwie ein ganz cooler Typ, ausgestattet mit einer guten Portion Selbstvertrauen. Da störte es ihn auch herzlich wenig, dass Markus Weinzierl den Youngster ausgerechnet im Prestigeduell gegen die Dortmunder als Vertreter des verletzten Sead Kolasinac auf die ungewohnte, linke Abwehrseite beordert hatte. "Ich nehme es so, wie es kommt. Wenn der Trainer mich links braucht, dann spiele ich eben links. Ich versuche einfach meinen Job zu machen."

Kehrer beeindruckt auch erfahrene Mitspieler

Für Kehrer bedeutet das: Die Aufgabe mutig angehen, in der Defensivarbeit vom Starensemble des Gegners nicht verunsichern lassen und sich offensiv etwas zutrauen. Dass er seine starke Leistung später mit dem ersten Pflichtspieltor krönte, einer spielerisch unterlegenen Schalker Mannschaft damit neues Leben eingehaucht und die Arena zum Beben gebracht hatte, passte ins Bild und beeindruckte auch die erfahrenen Mitspieler.

"Es freut mich riesig, dass er als Schalker Junge dieses wichtige Tor im Derby macht, und dann auch noch direkt vor der Nordkurve – eine geile Sache", schwärmte Benedikt Höwedes.

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Schalker Junge ist Kehrer, seit er 2012 mit 15 Jahren vom VfB Stuttgart nach Gelsenkirchen gewechselt ist. In der Knappenschmiede holte er sich den Schliff, den man für eine erfolgreiche Profi-Karriere braucht. Als Kapitän der Schalker Jugendteams überzeugte der gebürtige Tübinger mit Leistung und Führungsqualitäten gleichermaßen. 2015 führte er die U19 zur Deutschen Meisterschaft und durfte als Erster jubelnd den Siegerpokal in die Höhe recken.

Wirbel um Inter Mailand – doch Schalke hält an ihm fest

Der vorläufige Höhepunkt markierte zugleich auch einen kleinen Knick in Kehrers bis dahin steiler Laufbahn. Inter Mailand meldete Interesse an, es kam zu einem Transferstreit, der sogar in einem Trainingsboykott des Hochgelobten auf Schalke mündete. Horst Heldt hielt damals als Schalker Manager an seinem Spieler fest, glaubte an das enorme Talent und gab ihm einen neuen Vertrag.

Doch sportlich musste Thilo Kehrer sich erst einmal hinten anstellen und vielleicht hat auch das seinen Charakter geprägt und ihn zu dem gemacht, der er heute ist. "Es gab Phasen, in denen ich unzufrieden war und gezweifelt habe", bekennt er rückblickend. "In diesen Momenten war entscheidend, dass ich immer an mich geglaubt und darauf konzentriert habe, was ich selbst beeinflussen kann. Und das ist die tägliche Arbeit auf dem Trainingsplatz."

Abgeklärt, technisch versiert und zweikampfstark

Dass Kehrer spätestens nach dem Trainerwechsel zu Markus Weinzierl auf seine Chance bei den Profis gehofft und auch ein Stück weit ungeduldig gewartet hatte, daran erinnerte Schalkes Sportvorstand Christian Heidel jetzt noch einmal. Als er sie bekam, nutzte er sie und hinterließ in den Gruppenspielen der Europa League Eindruck bei Manager, Trainer und Fans.

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Und als die Verletzungsmisere die Schalker Hintermannschaft heimsuchte, durfte er endlich auch in der Bundesliga im Dezember gegen Leverkusen sein Startelfdebüt feiern – abgeklärt, technisch versiert, zweikampfstark, energisch. Man könne Kehrer blind vertrauen, lobte Markus Weinzierl damals und spart auch jetzt nicht mit Zuspruch: "Thilo ist ein guter Junge, der für die Mentalität dieser Mannschaft steht."

Er kann rechts, er kann links

Nach gerade einmal zwölf Bundesligaspielen und einen Derbynachmittag scheint Thilo Kehrer damit endgültig angekommen zu sein in der Schalker Mannschaft. Zugute kommt dem Defensivspezialisten dabei auch seine Vielseitigkeit. Den Sprung auf die linke Außenbahn vollzog er im Derby ohne Umstellungsprobleme, obwohl sonst eher die zentrale Rolle in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld oder auch die rechte Außenbahn seine bevorzugte Heimat sind. Seine Flexibilität zeichnet den beidfüßigen Techniker aus und hat ihm auch an anderer Stelle Anerkennung beigebracht. Stefan Kuntz berief den 20-Jährigen im vergangenen Monat erstmals in die deutsche U21-Nationalmannschaft.

Aus Gelsenkirchen berichtet Dietmar Nolte