München - Wenn er am Ball ist, sieht Fußballspielen auf komplexeste Art einfach aus. Thiago Alcántara do Nascimento, oder einfach nur Thiago, gehört zu den Künstlern am Rund. Eigentlich kann er mit dem Leder alles - sein Steckenpferd aber ist der Pass. Im Kindesalter bei Individualstarken meist grob unterschätzt, macht der 26-Jährige aus dem Zuspiel an den Teamkollegen das Instrument, dass das Ballkonzert in eine Symphonie verwandelt. Thiago ist der Dirigent unter den Hochbegabten im Orchester des FC Bayern München.

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Wenn er sich den Fragen der Journalisten stellt, kommt er bescheiden, demütig und zielgerichtet daher. Thiago ist keiner, der große Töne spuckt. Er gehört zu den Akteuren, die durch besonderes Talent und dennoch hart erarbeitete Leistung auf sich aufmerksam machen. Keine Worte, sondern Taten - um abgedroschen zu klingen. Für den Bundesliga-Rekordmeister vollbringt der zentrale Mittelfeldspieler seine Taten seit Sommer 2013. Vier Meisterschalen, zwei DFB-Pokale, einen DFL-Supercup, eine FIFA-Club-Weltmeisterschaft und einen UEFA Super Cup gewann er seitdem. Mit dem FC Barcelona holte er vor seinem Wechsel an die Säbener Straße den Champions-League-Titel, vier spanische Meisterschaften, Pokal, Superpokal und ebenfalls die FIFA-Club-Weltmeisterschaft. In seiner Karriere hat Thiago noch nie eine Saison ohne Titelgewinn beendet.

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Längst nicht satt

Das soll sich auch künftig nicht ändern. Mit den Münchnern hat Thiago noch Einiges vor. Erst Ende April verlängerte der 20-malige Nationalspieler Spaniens, der auch die brasilianische Staatsbürgerschaft besitzt, seinen Vertrag bis 2021. "Hier passt einfach alles", sagte er da. "Ich will mit dem FC Bayern auch in Zukunft viele Titel gewinnen."

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Möglich, dass auch die Verpflichtung Carlo Ancelottis auf der Trainerposition ihren Teil dazu beigetragen hat, dass Thiago seine Erfolgsgeschichte im Süden der Republik fortschreiben möchte. Der einstige Wunschspieler vom ehemaligen Bayern-Coach Pep Guardiola hält den jetzigen Übungsleiter des FCB für einen der weltweit Besten in seinem Fach. "Es ist eine Freude, für ihn zu spielen", äußerte er im März. Geboren ist der Sohn des brasilianischen Weltmeisters Mazinho übrigens in der süditalienischen Küstenstadt San Pietro Vernotico.

Der ideale Mitspieler

Ancelotti selbst hält ähnlich große Stücke auf seinen Schützling. Thiago ist in der Mitte des Felds der Schlüsselspieler im System des erfahrenen Fußballlehrers. Obwohl der Mann mit der Rückennummer sechs mittlerweile vermehrt auf der klassischen Zehnerposition hinter den Spitzen zum Einsatz kommt, scheint seine Wirkung als Ballmagnet mehr und mehr zuzunehmen. Thiago, der in der Jugend unter anderem drei Jahre für den prestigeträchtigen brasilianischen Club Flamengo aus Rio de Janeiro die Schuhe schnürte, hatte in der Bundesliga in dieser Saison mit 2969 Ballbesitzphasen mehr Kontakte mit dem Rund als jeder andere - dabei kam er in sieben Partien gar nicht zum Einsatz. Pro Duell hat er im Durchschnitt unter den Akteuren, die regelmäßig auflaufen, mit Abstand am meisten das Leder.

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Es kommt natürlich auch darauf an, was mit dem Spielgerät passiert. Thiago spielte mit 2486 Pässen in seinen 2291 Spielminuten mehr als alle anderen Bundesliga-Profis, brachte 90 Prozent seiner Zuspiele an. Es gibt zugegebenermaßen Spieler, die leicht bessere Werte aufweisen - das sind aber Verteidiger oder Akteure, die nicht zum Stammpersonal ihres Teams gehörten und entsprechend wenige Einsätze absolvierten. Thiago war in der abgelaufenen Spielzeit vielleicht der Beste in der Bundesliga. Weil seine Art und Weise, Fußball zu spielen, aussah wie Kunst, und dennoch höchst effektiv war. Weil er beim Deutschen Meister aus München als Dirigent und Ballmagnet agierte. Weil er der Spielmacher war.

Felix Tschon