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Köln - In Möchengladbach ist in diesem Sommer richtig was los! Die Borussia hat erstmals in ihrer Vereinsgeschicht die Möglichkeit, an der Champions League teilzunehmen. Doch ein Teil der Erfolgsgaranten der vergangenen Saison ist weg. Roman Neustädter, Dante und Marco Reus haben den Verein verlassen.

Doch laut Christian Hochstätter haben die "Fohlen" in Stürmer Luuk de Jong, Mittelfeldspieler Granit Xhaka und Innenverteidiger Alvaro Dominguez adäquaten Ersatz gefunden. Im Interview mit bundesliga.de analysiert der ehemalige Spieler und Sportdirektor der Gladbacher die ungewohnte Situation, in der sich der VfL derzeit befindet und erklärt, warum die "Fohlen" seiner Meinung nach besonders motiviert sein sollten.

bundesliga.de: Borussia Mönchengladbach steht in der kommenden Saison vor einer neuen Situation: Im letzten Jahr wurde mit Platz 4 die Qualifikation zur Champions League geschafft und somit steht die Teilnahme an einem europäischen Wettbewerb fest. Damit wird von außen für die kommende Spielzeit ein gewisser Leistungsdruck erzeugt. Wie stellt sich die Situation für Borussia Mönchengladbach derzeit dar?

Christian Hochstätter: Das stimmt. Das ist sicherlich eine schwierigere Situation als im letzten Jahr. Da war der Anspruch ziemlich niedrig, da ja in der Spielzeit davor der Abstieg gerade eben so vermieden wurde. Daher hatte die Öffentlichkeit keine großen Erwartungen und die Mannschaft konnte frei spielen. Aber wie die Mannschaft und der Trainer die letzte Saison gestaltet haben, war von der allerfeinsten Sorte. Lucien Favre hat da sehr gute Arbeit geleistet.

bundesliga.de: Was ist denn in dieser Saison für die "Fohlen" drin?

Hochstätter: Die Mannschaft ist stabil genug, um auch in diesem Jahr wieder eine gute Rolle zu spielen. Wo es letztendlich hingeht, das vermag ich nicht zu beurteilen. Es können ja Unwegbarkeiten wie Verletzungen und Ähnliches auftreten. Grundsätzlich denke ich aber, dass die Borussia von ihrer Substanz her auf jeden Fall unter den ersten sechs, sieben Mannschaften zu finden sein wird.

bundesliga.de: Also gehen Sie davon aus, dass die Leistungsträger Marco Reus, Dante und Roman Neustädter nach ihrem Weggang adäquat ersetzt wurden?

Hochstätter: Das wird sich zeigen. Natürlich darf man nicht vergessen, dass Marco Reus, Dante und Roman Neustädter in den letzten zweieinhalb Jahren kontinuierlich zusammengespielt haben. Das hat dem Mannschaftsgefüge gut getan. Jetzt sind neue Spieler da, die von ihrem Namen und von ihrer Qualität her sehr interessant sind und Perspektive haben. Aber auch denen muss man die Zeit geben, sich ins Mannschaftsgefüge einzubringen. Ich glaube, die Neuzugänge haben die Qualität, die Mannschaft weiter zu bringen. Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Lucien Favre daraus eine homogene Mannschaft formt.

bundesliga.de: Bis zum ersten Pflichtspiel der Saison, der DFB-Pokal-Partie bei Alemannia Aachen, sind es noch rund drei Wochen. Reicht die Zeit bis dahin für die Mannschaft aus, sich zu finden?

Hochstätter: Das muss man abwarten. Die aktuelle Vorbereitung ist ja die längste, die es jemals gegeben hat. Viele Clubs sind ja schon vier Wochen im Training und haben noch gute drei Wochen vor sich, bis die Saison startet - das ist viel Zeit. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Lucien Favre das in dieser Zeit und mit dieser Mannschaft hinkriegt. Alles andere wird auch von den Ergebnissen abhängen.

bundesliga.de: Wie wichtig ist denn ein gelungener Start in die neue Saison?

Hochstätter: Wenn die Ergebnisse stimmen, funktioniert die Integration neuer Spieler deutlich besser, als wenn die ersten Ergebnisse schlecht sind. Wenn das Pokalspiel gut verläuft, werden die Playoff-Partien der Champions-League-Qualifikation und der Bundesliga-Auftakt sicherlich auch gut verlaufen. Ein Fazit kann man aber erst ziehen, wenn in der Liga sieben oder acht Spiele absolviert wurden. Dann weiß man, wo es hingeht.

bundesliga.de: Zuletzt hat Sportdirektor Max Eberl gesagt, dass er es fantastisch fände, wenn die Mannschaft wieder Platz 8 erreichen würde. Halten Sie das für Tiefstapelei?

Hochstätter: Ob das Tiefstapeln ist, weiß ich nicht. Wenn man sich die ersten Acht der vergangenen Saison anschaut, dann waren hinter Gladbach vier Teams, die durchaus auch das Potenzial haben, vor der Borussia zu stehen. Die Bundesliga ist sehr eng und nicht umsonst die beste Liga der Welt. Man darf nicht vergessen, dass drei Leistungsträger gegangen sind. Auch wenn drei sehr gute Jungs dazugekommen sind, heißt das nicht automatisch, dass die Mannschaft so gut spielen wird wie im letzten Jahr. Daher würde ich sagen, dass Max Eberls Einschätzung eher eine sehr realistische ist.

bundesliga.de: Sollte Borussia die nächste Runde im DFB-Pokal erreichen, hätte das Team vorerst mit einer Dreifach-Belastung zu kämpfen. Auch Sie haben während Ihrer aktiven Zeit beim VfL international gespielt. Wie beurteilen Sie diese Situation?

Hochstätter: Bei Teams wie Bayern München, die über mehrere Jahre zwischen 50 bis 60 Spiele absolvieren, kann man von einer Extrem-Belastung sprechen. Zu meiner Zeit war es so, dass wir uns darauf gefreut haben. Durch die Spiele mittwochs und samstags waren wir im Rhythmus. Die zusätzliche Belastung als Ausrede anzuführen, ist mir deshalb zu einfach. Die haben andere Teams auch. Und wenn man nach über 15 Jahren endlich wieder dabei ist und sogar die Chance hat, Champions League zu spielen, da würde ich nicht von einer Doppelbelastung sprechen. Ich würde mich darauf freuen, dass ich diese Möglichkeit habe. Das wäre eine zusätzliche Motivation.

Das Gespräch führte Gregor Nentwig