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Köln - Der FC Bayern wird zum vierten Mal Deutscher Meister, Günter Netzer wechselt sich im Pokalfinale selbst ein und schießt Gladbach zum Sieg, Braunschweig führt die Trikotwerbung ein und Fortuna Köln schafft sensationell den Aufstieg in die Bundesliga. Es ist das Jahr 1973. Für den Club aus dem Kölner Süden sollte es das einzige Jahr in der 1. Liga bleiben.

Der Kölner Karneval findet im Frühsommer 1973 seine Fortsetzung als die Aufstiegshelden in einem offenen Doppeldecker-Bus des Phantasialands durch die Domstadt fahren. Es fliegen Kamelle und Blumen wie am Rosenmontag. Der Jubel über den Bundesliga-Aufstieg der Fortuna ist grenzenlos.

Die 2. Bundesliga gab es damals noch nicht. Als Zweiter der Regionalliga West qualifizierten sich die Kölner für die Aufstiegsrunde. Dort setze sich die Elf von Trainer Martin Luppen gegen St. Pauli, Mainz 05, den Karlsruher SC und Blau-Weiß 90 Berlin durch. Den entscheidenden Punkt holten die Domstädter bereits im vorletzten Spiel durch ein 0:0 in Mainz. Am 20. Juni 1973 war der Aufstieg perfekt. Die 2:3-Niederlage zum Abschluss gegen St. Pauli vier Tage später konnten die 10.000 Zuschauer in der Kölner Radrennbahn, in der die Fortuna bis 1979 ihre Heimspiele austrug, schließlich verschmerzen.

Große Feste gefeiert



Einer der Aufstiegsgaranten war Torwart Wolfgang Fahrian, Kölns großer Rückhalt. Gut kann er sich noch an den anschließenden "Ausnahmezustand" erinnern. "Die Südstadt stand Kopf. Es war die Hölle los. Fortuna Köln war damals innerhalb der Stadt sehr beliebt", erzählt der frühere Nationaltorhüter, der 1969 von der Düsseldorfer zur Kölner Fortuna gewechselt war, beim Treffen mit bundesliga.de. Als sehr familiär und herzlich hat er die Stimmung bei Fortuna Köln in den 70er Jahren in Erinnerung.

Hans "Jean" Löring (Präsident von 1967 bis 2001, gestorben 2005), den alle nur den "Schäng" nannten, verstand es, große Feste zu feiern und seinen Verein fulminant in Szene zu setzen. "Ich selbst hatte ein tolles Verhältnis zu Löring, ohne den der Erfolg nicht möglich gewesen wäre", sagt Fahrian. Löring, ein erfolgreicher Unternehmer, war schon damals (lange bevor er 1999 Trainer Toni Schumacher in der Halbzeitpause feuerte) für manche Überraschung gut. So lud er beispielsweise die damals noch junge Band "Bläck Föös" ins Trainingslager ein, um für gute Laune zu sorgen.

Mit dem FC das Stadion geteilt



Darüber hinaus hatte die Fortuna, so Fahrian, "auch eine richtig gute Mannschaft" - mit Hans-Günther Neues, Rolf Kucharski oder dem rothaarigen irischen Abräumer Noel Campbell - die unter Neu-Trainer Volker Kottmann in ihre erste und einzige Bundesligaspielzeit ging. Gemeinsam mit dem "Effzeh". Aufgrund des Umbaus des Müngersdorfer Stadions mussten sich beide Stadtrivalen dabei die "Radrennbahn" teilen.

Nach einem 1:3 im Auftaktspiel in Mönchengladbach (Wolfgang Glock erzielte Fortunas erstes Bundesliga-Tor) kam es bereits am 2. Spieltag zum Duell mit dem Deutschen Meister Bayern München, den Fortuna Köln 1971 im DFB-Pokalhinspiel zuhause noch mit 2:1 besiegt hatte (Rückspiel 1:5). Diesmal ließen sich Beckenbauer, Müller und Co. jedoch nicht überraschen und setzen sich vor 24.000 Zuschauern souverän mit 3:0 durch. Der erste Sieg (2:0) gelang am 4. Spieltag bei Mitaufsteiger Rot-Weiß Essen (Tore: Zimmermann, Struth). Am 5. Spieltag erkämpften sich die Domstädter nach einem 0:3 zur Pause noch ein 3:3 im Heimspiel gegen Hertha BSC. Im Pokal wurde der VfB Stuttgart mit 3:2 nach Verlängerung ausgeschaltet. Eine Runde später war Hannover 96 (im Wiederholungsspiel) Endstation.

Beide Stadtduelle verloren



Das erste der beiden Derbys gegen den 1. FC fand am 11. Spieltag statt. Durch Tore von Wolfgang Overath und Hennes Löhr setze sich der Favorit vor 28.000 Fans mit 2:0 durch. Auch das zweite Stadtduell entschied der FC vor 20.000 für sich. Fahrian musste dabei fünf Mal hinter sich greifen, nach Treffern von Löhr (2) und Heinz Flohe (3). "Trotzdem waren diese Spiele absolute Highlights für uns", erinnert sich der 71-Jährige.

Nach der Hinrunde stand der Club mit 13:21 Punkten (Siege gegen Essen, Duisburg, Offenbach) noch über dem Strich (Platz 16) vor Hannover und Duisburg.

Doch die Rückrunde begann mit vier Niederlagen. Erst am 23. Spieltag gelang gegen Wuppertal (2:1) der vierte Sieg. Am 19. Spieltag ging es nach dem 1:5 beim FC Bayern runter auf Platz 18, den der Aufsteiger erst am 27. Spieltag nach einem 3:2-Heimsieg gegen Frankfurt kurz verlassen konnte. Es folgte mit dem 0:5 gegen den 1. FC Köln der nächste Dämpfer.

Entscheidung am letzten Spieltag



Nach einem 3:0 gegen den HSV ging das Team um Wolfgang Fahrian von Rang 16 in den letzten Spieltag, an dem schließlich der Traum vom Klassenerhalt endete. Zum Verhängnis wurde den Kölnern der späte Ausgleich des Wuppertaler SV (2:2) beim VfB Stuttgart, während Fortuna 0:4 in Offenbach verlor. Wuppertal sicherte sich punktgleich, nur durch das bessere Torverhältnis, den Klassenerhalt. Fortuna Köln stieg als 17. mit Hannover 96 in die neue 2. Bundesliga ab, in der der Verein die folgenden 26 Jahre (bis 2000) spielen sollte.

Fahrian absolvierte als einziger Kölner alle 34 Saisonspiele. Die Punkte habe man schon vorher verloren dennoch "war der Abstieg natürlich tränenreich, aber rückblickend war es sportlich eine tolle Zeit". Nach der historischen Saison 1973/74 hütete er noch zwei weitere Spielzeiten das Kölner Tor, bevor er 1976 verletzungsbedingt seine aktive Laufbahn beendete und eine zweite Karriere als erfolgreicher Spielerberater (Firma ROGON) startete.

In Köln neue Heimat gefunden



In Köln ist der gebürtige Klingensteiner (bei Ulm) indes heimisch geworden. "Die Kölner sind sehr locker. Ich habe mich hier immer wohl gefühlt", sagt er. So hat er natürlich auch einen weiteren großen Erfolg des Clubs hautnah erlebt - das DFB-Pokalfinale 1983 in Müngersdorf gegen den 1. FC Köln, das unglücklich mit 0:1 (Tor: Littbarski) verloren ging.

Regelmäßig besucht er auch heute noch die Heimspiele der Fortuna im Südstadion - seit 1979 die Heimstätte der Kölner - die aktuell in der Regionalliga West (4. Liga) eine gute Rolle spielen. Zwischen 500 und 1000 Fans lockt der von Präsident Klaus Ulonska geführte Südstadt-Verein aktuell an.

Im Bundesliga-Jahr 1973/74 waren es 13.000 Zuschauer, die im Schnitt in die Radrennbahn kamen. Doch davon können heute nur noch die Älteren berichten. So wie vom Karneval im Sommer vor 40 Jahren.

Markus Hoffmann


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