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Nürnberg - Es war eine turbulente Woche für den 1. FC Nürnberg im Allgemeinen und Martin Bader im Besonderen. Im Interview mit bundesliga.de spricht der Sportdirektor des FCN über die Entlassung von Trainer Gertjan Verbeek, über die Konsequenzen die ein etwaiger Abstieg für den "Club" hätte und darüber, wie schwer es im Profifußball ist, auf Krisen angemessen zu reagieren.

bundesliga.de: Herr Bader, in der aktuellen Ausgabe der "Sportbild" erläutert Trainer Gertjan Verbeek noch, wie er den "Club" retten will, bei Erscheinen des Heftes war er dann aber schon entlassen (Meldung). An welchem Punkt haben Sie das Vertrauen in den Trainer verloren?

Martin Bader: Einen ganz exakten Punkt vermag ich nicht zu nennen. Eher war es ein Prozess, eine Entwicklung, die zuletzt noch einmal Tempo aufgenommen hat.

bundesliga.de: Können Sie diese Entwicklung kurz skizzieren?

Bader: Man muss immer im Blick haben, dass wir in den vergangenen neun Spielen acht Mal verloren haben, und zudem einige Male recht hoch (Nürnbergs Saisonergebnisse). Schon vor dem Spiel in Wolfsburg wollten wir noch gemeinsam etwas verändern, tatsächlich aber haben wir 1:4 verloren. Wir haben wieder gesprochen, auch die Mannschaft hat das Gespräch mit dem Trainer gesucht, und es sollte diesmal etwas geändert werden. Stattdessen haben wir erneut verloren, wieder mit 1:4, gegen Leverkusen. Natürlich kommt man irgendwann an einen Punkt, wo einem bewusst wird, dass all diese Versuche nicht zielführend sind und dass es angesichts der aktuellen Verfassung der Mannschaft kaum noch möglich ist, in der Konstellation mit Trainer Gertjan Verbeek die notwendigen Punkte zu holen, um wenigstens den Relegationsplatz zu erreichen.

bundesliga.de: War nach der Niederlage in Wolfsburg, als einige Spieler die offensive Ausrichtung stark kritisierten, das Verhältnis zum Trainer gestört, wenn nicht gar zerstört?

Bader: Nach einer 1:4-Niederlage haut man auch mal Sätze raus, die man einen Tag später so vielleicht nicht mehr sagen würde. Aber die Spieler haben erkannt, dass man angesichts der personellen Voraussetzungen, die durch die vielen Verletzten andere waren, als zu Beginn der Rückrunde, das Spiel anders anlegen müsste, um nicht so viele Gegentore zu bekommen und vielleicht auch mal wieder zu Null zu spielen. Wenn eine Mannschaft aber über einen langen Zeitraum keine Spiele gewinnt, glaubt sie nicht mehr an sich. Das Vertrauen ist verloren und die Automatismen funktionieren nicht mehr.

bundesliga.de: War Verbeek am Ende zu stur und vielleicht auch beratungsresistent?

Bader: Es liegt mir fern, im Nachhinein irgendetwas Negatives über Gertjan Verbeek zu sagen, weil er im Verein und bei der Mannschaft zunächst durchaus einiges bewegen konnte. Bloß konnte das Team später, aufgrund der angesprochenen großen Verletzungsprobleme, die Dinge, die er verlangt hat, nicht mehr umsetzen. Dann aber müsste sich ein Trainer die Frage stellen, was der Einzelne bzw. was die Mannschaft in dieser Zusammensetzung zu leisten im Stande ist. Und vielleicht müsste man die Ausrichtung an die Gegebenheiten anpassen. Andererseits besteht die Gefahr, dass Spieler eine solche Maßnahme als Alibi nutzen, um möglicherweise von eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken, und das eigene Versagen mit der zu offensiven Ausrichtung zu begründen. Letztlich liegen einer solchen Situation wohl immer mehrere Ursachen zugrunde.

bundesliga.de: Verbeek hat wiederholt betont, dass er es für falsch hält, den veränderten Bedingungen Rechnung zu tragen...

Bader: Es geht nicht um einzelne Personen, sondern darum, dem Verein zumindest eine kleine Chance zu erhalten, in der Bundesliga zu bleiben. Wir hätten das so wie bisher auf gar keinen Fall mehr zum Stehen bekommen. Das war freier Fall, und wir wollen alles versuchen, den Bremsfallschirm doch noch zu öffnen. Ob der greift, oder ob wir trotzdem aufschlagen, wird davon abhängen, wie widerstandsfähig dieser Fallschirm ist.

bundesliga.de: Obwohl die Entlassung Verbeeks unausweichlich war, müssen auch Sie sich Kritik gefallen lassen...

Bader: Sie haben Recht. Diese Entscheidung ist nicht nur in Nürnberg sehr unpopulär und für viele möglicherweise nicht nachvollziehbar. Aber es darf für mich nicht darum gehen, populäre Entscheidungen zu treffen. Es geht einzig und allein darum, das Ganze doch noch zum Guten zu wenden (mit dem Tabellenrechner die letzten Spieltage durchtippen!).

bundesliga.de: Und wenn nicht, welche Konsequenzen hätte das für den "Club"?

Bader: Wir haben bestehende Verträge mit den Spielern sowohl für die Bundesliga als auch für die 2. Bundesliga, und wir können ungefähr abschätzen, wie ein Umbruch in der 2. Bundesliga aussehen würde. Zudem müssen Spieler, die zum 1. FC Nürnberg kommen sollen bzw. wollen, immer auch das Thema 2. Bundesliga im Auge haben.

bundesliga.de: Wie der HSV und der VfB hat auch der "Club" in dieser Saison gleich zwei Trainer entlassen, was gemeinhin als GAU gilt. Kann man aus einer solchen Saison irgendwelche Schlüsse ziehen, um so etwas in Zukunft zu vermeiden? Oder ist man ab einem bestimmten Punkt im Profifußball als Verantwortlicher machtlos?

Bader: Man kann natürlich Schlüsse ziehen, aber jede Saison, sogar jeder Spieltag läuft anders. Ich erinnere nur daran, dass etwa der FC Bayern München noch im Herbst 2010 den Vertrag mit Louis van Gaal bis 2012 verlängerte, den Holländer dann aber schon im April 2011 entließ. Oder Michael Skibbe: Der hatte erfolgreich in Frankfurt gearbeitet, so dass auch sein Vertrag verlängert wurde. Aber nur drei Monate später wurde Skibbe durch Christoph Daum ersetzt. Man kann nun mal nicht voraussehen, dass sich - wie bei uns - sieben, acht Stammspieler verletzen, dass man absurde Abseitstreffer fressen muss, die so kurios sind, dass sie in jedem Saisonrückblick vorkommen, oder dass man anstatt 25 Mal ins Tor 25 Mal Aluminium trifft.

bundesliga.de: Also ist man in solchen Situationen machtlos, so dass die üblichen Mechanismen greifen?

Bader: Trotzdem geht man mit der Zeit ein Stück weit routinierter damit um. Im Übrigen haben wir nicht unmittelbar nach dem Leverkusen-Spiel reagiert, sondern haben die Situation noch einmal zwei Tage lang analysiert. Erst danach haben wir entschieden, dass wir - so sehr wir das auch bedauern - einen erneuten Trainerwechsel vornehmen müssen. Ob diese Entscheidung richtig war, wird erst die Zukunft zeigen. Ich weiß aber schon heute, dass es auf jeden Fall falsch gewesen wäre, hätten wir die Situation einfach nur aussitzen wollen. Selbst wenn der Güterzug schon mit 200 Sachen auf die Wand zurast, versuche ich trotzdem noch zu bremsen.

Das Gespräch führte Andreas Kötter