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Santo André - Joachim Löw war sofort bestens über Superstar Lionel Messi informiert. Der Finalgegner Argentinien stand am Mittwochabend kaum fest, da lag dem Bundestrainer umfangreiches Material für einen erfolgreichen Matchplan gegen die Gauchos vor.

Videosequenzen, Einschätzungen der Stärken und Schwächen, Taktik-Analysen - alles bis ins Detail ausgearbeitet, um für das große Spiel am Sonntag (ab 20:45 Uhr im Live-Ticker) in Rio de Janeiro gerüstet zu sein.

Entscheidender Anteil am Matchplan

Der Mann, der dafür verantwortlich ist, heißt Urs Siegenthaler und ist Chefscout beim Deutschen Fußball-Bund (DFB). Der Schweizer ist selten zu sehen, und was er macht, darüber redet er noch seltener. Doch längst hat Siegenthaler mit seinem Team eine herausragende Bedeutung im Stab von Löw gewonnen.

Auch das unglaubliche 7:1 der Nationalmannschaft gegen Brasilien (Infografik) im Halbfinale darf ein bisschen auch Siegenthaler zugerechnet werden. Man analysiere die Gegner "eben gut", sagte Torjäger Miroslav Klose.

Auch Assistent Hansi Flick hob unlängst hervor, dass die Arbeit von Siegenthaler und Co. "für unseren Matchplan entscheidend ist". Zwar lässt sich Löw bei Aufstellung und Taktik auch hin und wieder von seinem Bauchgefühl leiten - doch letztendlich ist es die akribische Vorarbeit der Analysten, die den Ausschlag geben.

Die Bearbeitung beginnt in Köln

In der Sporthochschule in Köln bearbeiten dafür im Auftrag des DFB zunächst 40 Studenten laut Flick "jeden Zeitungsartikel und jede Szene vom Gegner, die für uns interessant sein könnte". Daraus würden wiederum Siegenthaler und seine Mitarbeiter Stephan Nopp und Christofer Clemens "eine qualitative Auswahl" vornehmen, "und wir entscheiden dann, was wir der Mannschaft zeigen und welchen Plan wir wählen", erzählt der Löw-Assistent.

Es ist eine Aufgabe, in der Siegenthaler geradezu aufgeht - und daheim in der Schweiz sind sie deshalb auch ziemlich stolz auf ihren Urs: "7:1 - ein Schweizer hat's erfunden", titelte das Boulevardblatt Blick.

So etwas ist Siegenthaler eher fremd, er hat es lieber unaufgeregt. "Meine Aufgabe ist es, den Bundestrainer über die Entwicklungen im Fußball und im Sport generell auf dem Laufenden zu halten. Wohin führt der Weg? Was kommt auf uns zu? Ziel ist es, nicht überrascht zu werden", erklärte er kurz vor der WM.

Siegenthaler wies Löw auf die Bedeutung von Standardsituationen hin

Im vergangenen Jahr war Siegenthaler beim Confed Cup - und er hat festgestellt: Standardsituationen führten zum Erfolg der am Ende siegreichen Brasilianer. Löw musste aber erst von Flick zu seinem Glück gezwungen werden. "Das ist ein wichtiges Thema. Standards haben ein Gewicht", sagte Löw plötzlich. In der Tat: Bereits sechs Treffer erzielte die DFB-Auswahl nach einem "ruhenden Ball". Das sei eine große Stärke. Daran müssen wir weiter arbeiten", sagt Klose nun vor dem Endspiel.

Dem Zufall wird dabei nichts überlassen. "Zufall", sagt Siegenthaler, "spielt in meiner Arbeit keine Rolle." Er geht so weit, dass er sogar die Länder der potenziellen Gegner besucht. "Ich will so viel wie möglich wissen über das Land, bis dahin, warum es Korruption gibt. Das sind Fragen, die sich auf Fußballspiele übertragen lassen", erklärte er einmal der FAZ. Auch Argentinien hat er schon bereist.

Spieler erhalten alle Daten mobil

Torsten Frings hat einmal im Scherz, aber auch voller Respekt festgestellt, dass ihm Siegenthaler sogar sagen könne, was sein Gegner zum Frühstück isst. Mittlerweile bekommen die Spieler der deutschen Nationalmannschaft alle relevanten Informationen auf Tools und Apps. Die Datenflut wird mit Hilfe von SAP zu handfesten Informationen verarbeitet, die die Spieler auf ihren Smartphones jederzeit abrufen können.

"Wir liefern alle relevanten Informationen und machen ganz klare Vorschläge", berichtet der zuständige Chefanalyst Clemens: "Die letzte Entscheidung trifft aber der Bundestrainer." Auch gegen Argentinien und Superstar Messi.