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München - Sagenhafte 388 Bundesligaspiele hat Uli Borowka auf dem Buckel - und hat dabei nur für zwei Vereine gespielt. Sechs Jahre war er eines von Jupp Heynckes' Gladbacher "Fohlen", danach sammelte er unter Otto Rehagel in Bremen über neun Jahre lang Titel.

Jetzt treffen seine punktgleichen Ex-Clubs im Top-Spiel Dritter gegen Vierter aufeinander (Samstag, ab 15 Uhr im Live-Ticker/Liga-Radio). Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Borowka über ein unglaubliches Duell der beiden Teams im Pokal, den starken Saisonstart der zwei Mannschaften und vergleicht die Top-Knipser Claudio Pizarro und Marco Reus.

bundesliga.de: Herr Borowka, sechs Jahre haben Sie für Mönchengladbach gespielt, neun für Werder. Schlagen am Samstag zwei Herzen in Ihrer Brust?

Uli Borowka: Das ist auf jeden Fall so. Ich freue mich auf das Spiel und dass beide schon so viele Punkte haben.

bundesliga.de: Gab es eine ganz besondere Begegnung Gladbach gegen Bremen, als Sie selbst noch auf dem Platz standen? Haben Sie vielleicht eine Anekdote für uns?

Borowka: Ja, im Pokalhalbfinale 1984 in Gladbach, 5:4 ist es ausgegangen. Daran kann ich mich sehr gut erinnern. Ich bin in der 82. Minute für Gladbach eingewechselt worden. Erst in der 107. Minute fiel dann das 5:4 durch Jörg Criens. Und den entscheidenden Pass habe ich geschlagen. Das war sicher das aufregendste Spiel zwischen diesen beiden Vereinen. Da war alles dabei. Auch Verletzte gab es, Uwe Rahn hatte einen Trümmerbruch im Gesicht, konnte aber im Finale wieder spielen. Davor war schon das andere Halbfinale Bayern gegen Schalke, das 6:6 ausging. So viele Tore gab es in zwei Halbfinalspielen meines Wissens noch nie.

bundesliga.de: Beide Teams, Gladbach und Bremen, sind gut in die Saison gestartet. Wem trauen Sie eher zu, sich dort oben festzubeißen?

Borowka: Beiden! Sie sind ja punktgleich mit starken 23 Zählern, das ist eigentlich schon sensationell. Die Gladbacher können mehr als befreit aufspielen. So viele Punkte hatten Sie ja in der letzten Spielzeit bis zur Mitte der Rückserie nicht.

bundesliga.de: Wie gefestigt ist die Borussia mittlerweile schon?

Borowka: Die Borussia ist absolut gefestigt. Sie haben jetzt endlich auch auswärts mal ein bisschen couragierter gespielt, was sie in den vorherigen Spielen nicht so gemacht haben. In Freiburg oder in Hoffenheim wäre zum Beispiel viel mehr drin gewesen. Wenn sie auch auf fremdem Platz noch mehr nach vorne spielen, ist für sie noch mehr drin.

bundesliga.de: Nur neun Gegentore bedeuten den zweitbesten Wert ligaweit. Was macht die Gladbacher Defensive so stark?

Borowka: Die absolute Disziplin. Das muss man dem neuen Trainer zugestehen. Die waren ja schon mit eineinhalb Beinen in der 2. Bundesliga. Da hat er Ordnung in die Abwehr gebracht. Auch Torwart Marc-Andre ter Stegen hat sehr großen Anteil am Nichtabstieg. Und endlich hat man mal eine Viererkette und auch defensive Mittelfeldspieler gefunden, die viele Spiele hintereinander machen können. Die sind dann eingespielt, haben Vertrauen und stehen sehr gut, was ich so gesehen habe.

bundesliga.de: Ist der Gladbacher Aufschwung alleine an Lucien Favre festzumachen?

Borowka: Nein, auch an der Mannschaft und an der brutalen letzten Saison. Kein einziger Spieler möchte das nochmal miterleben, möchte nicht noch einmal ansatzweise in diese fatale Situation kommen. So etwas verleiht jedem Bundesligaspieler Flügel - da läufst du einfach mehr. Das bringt eine ganz andere Sichtweise mit sich. Und deswegen spielt Gladbach auch in dieser Saison einen herzerfrischenden und selbstbewussten Fußball, dazu haben sie jetzt eine gewisse Ordnung im Spiel, das macht schon auch verdammt viel aus. Und der Zusammenhalt stimmt, deswegen stehen sie auch zu Recht da oben.

bundesliga.de: Kommen wir zu Bremen. Mit Werder wurden Sie zwei Mal Deutscher Meister, zwei Mal Pokalsieger und holten sogar den Europapokal der Pokalsieger. Wie weit ist Werder im Moment davon weg, wieder mal einen Titel zu holen?

Borowka: Im Moment sind sie doch einen Tick weiter davon weg, das ist klar. Nach dieser grausigen letzten Saison haben sie sich zum Glück aber wieder gefangen. Da sind Parallelen zu Gladbach zu erkennen, obwohl Bremen ja viel mehr internationale Erfahrung aufzuweisen hat. Die haben ja kontinuierlich an der Champions League teilgenommen. Von Titeln brauchen wir da aber nicht zu reden, die Meisterschaft ist sowieso für alle Mannschaften dahin, wenn Bayern ansatzweise so weiterspielt. Platz 2 bis 5 ist, glaube ich, dann auch das Ziel von Werder Bremen.

bundesliga.de: Was läuft in dieser Saison bei Werder anders, besser als im Vorjahr?

Borowka: Im Vorjahr hat keine Mannschaft auf dem Platz gestanden. Die sogenannten Leistungsträger wie Mertesacker hatten eine grausame Saison. Es sind zwei, drei Stammspieler da gewesen, die über die ganze Saison nicht ansatzweise ihre Leistung gebracht haben. Und von den ganz Jungen kann man dann nicht so viel verlangen. Thomas Schaaf - zum Glück hat man an ihm festgehalten - hat jetzt wieder ein Team auf dem Platz, in dem jeder für jeden da ist, es herrscht ein brutaler Zusammenhalt. Und dann gewinnst du auch Spiele wie das gegen Köln. Vorne haben sie mit Claudio Pizarro natürlich einen Knipser, den kannst du mit Geld gar nicht bezahlen. Und alle anderen haben sich auch wahnsinnig gesteigert.

bundesliga.de: Spiele mit Bremer Beteiligung waren in den letzten Wochen immer ein Spektakel. Für Sie als ehemaligen Abwehrspieler muss es harte Kost sein, dass die Defensive bei Werder teilweise so wackelt.

Borowka: Das ist richtig, es gab mit Sicherheit das ein oder andere Gegentor zu viel. Oft wirst du keinen 0:2-Rückstand noch drehen. Schaaf ist aber erfahren genug und weiß, dass es in der Defensive noch große Probleme gibt. Irgendwann kannst du das auch nicht mit einem Pizarro kompensieren. Wenn er verletzt ist, wird es sehr eng für Bremen.

bundesliga.de: Pizarro oder Gladbachs Dribbler Marco Reus - wer ist für Sie der wertvollere Offensivspieler?

Borowka: Das ist schwierig! Reus ist im Moment für Gladbach ganz, ganz wichtig. Und Pizarro ist für Werder Gold wert - ganz schwer zu vergleichen. Sie machen die alles entscheidenden Tore. Ich denke, man kann im Moment beide auf eine Stufe stellen und beide Vereine müssen drei Kreuze machen oder mal in die Kirche gehen und eine Kerze anzünden, dass sie diese beiden außergewöhnlichen Stürmer haben.

bundesliga.de: Zum Schluss: Was für ein Spiel erwarten Sie am Samstag?

Borowka: Ich würde mich freuen, wenn es ein Spektakel gibt - ein richtiges Fußballfest. Werder hat in der Defensive Probleme, schießt aber auch auswärts Tore. Ein 3:3 wäre mir sehr angenehm, obwohl dann wieder eine Mannschaft zwei Punkte verliert. Auch wenn einer 4:3 oder 3:2 gewinnt, soll es so sein. Hauptsache, es gibt ein richtig geiles Fußballspiel.

Das Gespräch führte Christoph Gschoßmann