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München - Von einer "grausamen" ersten Halbzeit sprach Werders Coach Thomas Schaaf. "Es nervt einfach nur", fasste Keeper Tim Wiese den Beginn des zusammen. So hören sich Stimmen von Besiegten, von Enttäuschten an - nicht jedoch in Bremen.

Denn Werder ist und bleibt das Comeback-Team der Liga. Neun Mal in zwölf Saisonspielen, also in 75 Prozent aller Begegnungen, geriet der Tabellendritte in Rückstand. Ganze fünf Mal allerdings kamen die "Grün-Weißen" zurück und waren am Ende die Sieger. Auch gegen Köln - durch eine furiose Aufholjagd verwandelten die Hansestädter einen 0:2-Pausenrückstand in ein 3:2.

"Langweilig gewinnen ist wohl nicht machbar"

"Es ist ja positiv, dass die Mannschaft sich nicht unterkriegen lässt. Aber ich hätte nichts dagegen, wenn wir auch einmal langweilig gewinnen. Aber das ist wohl nicht machbar", analysierte Trainer Thomas Schaaf nach der Partie trocken. Der Bundesligarekord von Bayer Leverkusen, das 1999/2000 acht Spiele trotz 0:1-Rückstand gewannen, wird fallen - es sind noch ganze 22 Spieltage offen.

Comebacks und Werder - in dieser Saison unzertrennlich. Die Bremer gewannen in der aktuellen Spielzeit schon öfter nach einem Rückstand als in den beiden vorangegangenen Saisons zusammen. So auch wieder gegen den FC. "Das ist eine große Qualität, 0:2 zurückzuliegen und dann das Spiel zu drehen", stellte Geschäftsführer Klaus Allofs heraus.

Comeback-King Pizarro

Eine Qualität, die ordentlich Punkte bringt. 16 der 23 Zähler entstammen Spielen, in denen die Norddeutschen zurücklagen. Ohne Punktegarant Claudio Pizarro wären es bedeutend weniger. "Claudio ist für uns so wichtig, das kann man eigentlich gar nicht in Worte fassen", sagt sein Coach über ihn.

Warum Bremen erst immer einen "Wachmacher" braucht - eine rechte Antwort weiß darauf niemand. Auch für Werders Peruaner ist es nur noch "verrückt mit anzuschauen", wie sein Team immer wieder in Rückstand gerät. "Das müssen wir unbedingt lernen, dass uns das nicht mehr so häufig passiert Denn so ein Comeback wird uns nicht immer gelingen, wie wir alle im vergangenen Heimspiel gegen Dortmund gesehen haben", mahnt der Goalgetter.

Besonders in den letzten Zügen der Spiele dreht Werder meistens nochmal auf. Neun (!) Tore erzielte Bremen bereits in der Schlussviertelstunde - so viele erzielte Augsburg insgesamt. Alle anderen Bundesligisten schafften in den letzten 15 Minuten maximal fünf Treffer.

Fans feiern, Verantwortliche warnen

Für die Fans sind solche Abende voller Emotionen, voller Spektakel - inklusive Happy End - natürlich kaum zu toppen, zumal Bremen auf Rang 3 auch in der Tabelle sehr gut dasteht. Aber die Verantwortlichen warnen: "Das hängt an einem seidenen Faden, Woche für Woche. Das kann schnell in eine andere Richtung ausschlagen", meint Allofs.

Auch Coach Schaaf leidet an der Seitenlinie. "Ich als Trainer muss das so nicht haben", gibt er zu. Vielleicht muss der knorrige Übungsleiter auf seinen Wunsch, einen "langweiligen" Sieg, bis nach Weihnachten warten. Aber vielleicht klappt's ja schon am nächsten Spieltag im Top-Spiel bei Borussia Mönchengladbach. Den Werder-Fans wird's egal sein - solange Bremen weiter das letzte Wort hat.

Christoph Gschoßmann