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München - Wer hätte das gedacht? Monatelang dominiert der FC Bayern die Bundesliga scheinbar nach Belieben, dann geraten die Münchener dermaßen aus dem Tritt, dass sie sogar die Tabellenführung einbüßen. Ende November übernimmt der amtierende Meister Borussia Dortmund die Spitze.

Eine Fußballmannschaft, selbst eine funktionierende, ist ein hochsensibles Gebilde. Wenn ein Rädchen ins andere greift, ist sie in der Lage großartige Leistungen abzurufen. Wenn es aber nur an einer Stelle hakt, können ungeahnte Probleme auftreten. Davor ist nicht einmal der große FC Bayern gefeit.

Schock für die Bayern

An der Säbener Straße steht Bayern-Trainer der teuerste und beste Kader der Bundesliga zur Verfügung. Jede Position ist doppelt besetzt. Jede? Die schwere Verletzung, die sich Bastian Schweinsteiger im vierten Gruppenspiel der Champions League gegen den SSC Neapel zuzieht, zeigt, dass es offensichtlich auch bei den Bayern eben doch Spieler gibt, die selbst über einen kürzeren Zeitraum nicht adäquat zu ersetzen sind.

Bis dahin lief die Bayern-Maschinerie wie geschmiert. Bastian Schweinsteiger war der Taktgeber im Mittelfeld, das Herz des FC Bayern. Nach seinem Schlüsselbeinbruch ist sofort auch ein Bruch im Bayern-Spiel. Schon gegen Neapel bringen die Münchener mit Ach und Krach ihren durch einen Hattrick von Mario Gomez herausgeschossenen Vorsprung mit einem 3:2-Sieg über die Runden.

In den folgenden Bundesliga-Spielen läuft aber nicht mehr viel zusammen. Beim daheim sieglosen Aufsteiger FC Augsburg quält sich der FC Bayern . Doch im Gipfeltreffen gegen den Titelverteidiger am 13. Spieltag verlieren die Münchener ebenso (0:1) wie eine Woche später in Mainz (2:3). Die Souveränität in der Bundesliga ist weg, die Tabellenführung auch.

Sammers sportliche Ansage

Immerhin gelingt in der Champions League die vorzeitige Qualifikation als Gruppensieger für das Achtelfinale. Ein bestens aufgelegter Franck Ribery trifft beim 3:1-Erfolg gegen Villarreal doppelt und absolviert in seinem Übermut auch gleich ein paar Liegestütze auf dem Rasen. Das verleitet den im Stadion anwesenden DFB-Sportdirektor Matthias Sammer dazu, in die Falle des Skymoderators Patrick Wasserzier zu tappen.

Auf die Frage, wieviele Liegestütze er denn schaffen würde, antwortete Sammer: "70, 80." Für den Fall, dass die Bayern im Mai des kommenden Jahres das Endspiel im eigenen Stadion gewinnen, hat Sammer erklärt, den Beweis seiner Fitness antreten zu wollen. Franck Ribery ist begeistert davon und will auch mitmachen.

Dortmund mit zwei Gesichtern

Jürgen Klopp macht dagegen lieber Luftsprünge. Er hat auch reichlich Grund zur Freude, denn sein BVB ist in der Bundesliga wieder komplett zurück in der Erfolgsspur. Nach dem Sieg in München triumphiert Borussia Dortmund auch im . In der Champions League gewinnen die Schwarzgelben zwar gegen Piräus (1:0), verlieren dann aber das vorentscheidende Spiel bei Arsenal London mit 1:2 und obendrein auch noch Sven Bender mit Kieferbruch. In Europa sieht es schlecht aus.

Ganz im Gegensatz zu Bayer Leverkusen, das schon nach dem 5. Spieltag der Königsklasse den Einzug ins Achtelfinale perfekt macht. Ein Last-Minute-Tor von Manuel Friedrich beschert der "Werkself" einen 2:1-Erfolg über den FC Chelsea. Und in der Bundesliga "robbt sich Bayer so langsam nach vorne", wie Rudi Völler bemerkt. Immerhin auf Platz 6 steht Leverkusen Ende des Monats.

Vor dem Vizemeister sorgt der rheinische Konkurrent aus Mönchengladbach für Furore. Vor allem Marco Reus entzückt die Fans mit seinem Hochgeschwindigkeitsfußball und inzwischen auch sensationellem Abschluss. In drei Spielen in Folge (Hannover, Berlin und Bremen) trifft er mindestens doppelt und erzielt dabei sieben seiner bereits zehn Saisontore. Keinem anderen Borussen in der ruhmreichen Geschichte war es vorher gelungen, eine solche Serie aufzustellen.

Hanke blüht wieder auf

An seiner Seite blüht auch der oft verkannte Mike Hanke wieder auf, weniger als klassischer Mittelstürmer wie früher, sondern mehr als Ballverteiler und Vorlagengeber. Dass er bis zum 14. Spieltag insgesamt 1.024 lange Minuten auf seinen eigenen ersten Treffer warten muss, stört ihn nicht. Der Ex-Nationalspieler hebt sich seine erste "Bude" fürs rheinische Derby beim 1. FC Köln auf, wo er bei Borussias 3:0-Auswärtssieg gleich doppelt einnetzt. Damit ziehen die Gladbacher sogar am FC Bayern vorbei, der auf Platz 3 zurückfällt.

In der Spitzengruppe halten sich auch konstant Werder Bremen und Schalke 04. Die Bremer beeindrucken mit konstanter Erfolgen gegen die schlechter platzierten Teams, während sie in direkten Duellen mit den Topclubs nichts holen. Der Niederlage gegen Dortmund folgt eine in Mönchengladbach. Ähnlich verhält es sich bei den "Knappen", die gegen Bayern und Dortmund nichts zu melden hatten, aber regelmäßig punkten und wie auch Hannover 96 in der Europa League eine gute Rolle spielen.

Der Hamburger SV hat unter Thorsten Fink keines seiner ersten fünf Spiele verloren und inzwischen nach dem ersten Heimsieg nach acht Monaten (2:0 gegen Hoffenheim) auch die Abstiegsränge verlassen. Dort stehen der FC Augsburg, der immerhin zwischenzeitlich auch zuhause seinen ersten "Dreier" landen konnte (2:0 gegen Wolfsburg), der SC Freiburg sowie der 1. FC Kaiserslautern.

Overath sorgt für Wirbel

Für einen Paukenschlag sorgt beim 1. FC Köln Präsident Wolfgang Overath. Auf der Jahreshauptversammlung des Vereins verkündet er völlig überraschend seinen sofortigen Rücktritt, dem sich auch weitere Präsidiumsmitglieder anschließen. Immerhin hat sich der FC sportlich im Mittelfeld der Bundesliga etabliert und bereits einige starke Partien abgeliefert.

Anlass zum Feiern gibt es in Manchester. United-Trainerlegende Sir Alex Ferguson feiert sein 25-jähriges Dienstjubiläum. In Madrid endet die lange Leidenszeit von Nuri Sahin, der im Trikot von Real Madrid in der Primera Division debütiert. Zurück auf der Trainerbank ist Christoph Daum. Er übernimmt den belgischen Traditionsverein FC Brügge.

Kurioses Spiel gegen den EM-Gastgeber

Die deutsche Nationalmannschaft absolviert ihre beiden letzten Spiele des Jahres. In der Ukraine experimentiert Bundestrainer Joachim Löw munter am System und nimmt so ein kurioses 3:3-Unentschieden in Kauf, bei dem der Hannoveraner Torhüter Ron-Robert Zieler sein Debüt gibt.

Vier Tage später brilliert die deutsche Elf in Hamburg im Klassiker gegen die Niederlande, die nach allen Regeln der Fußballkunst mit 3:0 auseinander genommen werden. In dieser Verfassung ist Deutschland neben Spanien der Topfavorit auf den EM-Titel im kommenden Jahr. Über den Umweg Relegation lösen auch Portugal, Kroatien, Irland und Tschechien doch noch ihr EM-Ticket.


Das Spiel des Monats:

Es ist das Topspiel des 13. Spieltages, das Duell des Rekordmeisters gegen den Titelverteidiger, des Tabellenführers gegen den Zweiten. Bei einem Sieg können die Bayern den BVB auf acht Punkte distanzieren. Doch die Bayern finden an diesem Tag nicht zu ihrer Bestform. Zudem vermissen sie Bastian Schweinsteiger schmerzlich.

Die Dortmunder stehen kompakt und schlagen dann Mitte der zweiten Halbzeit eiskalt zu. Youngster Mario Götze bleibt es vorbehalten, nach 65 Minute nach einem Moment der Orientierungslosigkeit von Bayern-Innenverteidiger Jerome Boateng aus kurzer Distanz das Tor des Tages zu erzielen.

Für den BVB ist es der dritte Erfolg gegen den FC Bayern in Serie. Das Rennen um die Meisterschaft ist wieder völlig offen.

Tobias Gonscherowski

Das Jahr 2011 im Überblick