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Die denkwürdigste Szene des Viertelfinalhinspiels zwischen dem FC Bayern und Manchester hat sich abgespielt, als fast schon alles vorbei war.

Mario Gomez war in der 92. Minute nach einem schönen Solo am eisenharten Nemanja Vidic hängen geblieben. Vier Abwehrmänner in weißen Leibchen standen im eigenen Strafraum um den Ball, die Situation war eigentlich vorbei.

Typische Szene für den "Dauerbrenner"

Eigentlich, doch dann hatte Olic seinen großen Auftritt: Der bienenfleißige Kroate stibitzte dem Franzosen Fabrice Evra den Ball, schlängelte sich durch die Ansammlung verdutzter United-Verteidiger und versenkte den Ball freistehend rechts unten im Tor.

Was folgte war pure Euphorie. Es war eine typische Szene für Olic, den unermüdlichen Dauerläufer. Für den späten Triumph hatte er gerackert wie kein anderer. Über elf Kilometer war er an diesem Abend gerannt, die größte Distanz aller Spieler auf dem Platz. Kein anderer Bayernspieler schoss häufiger auf das Gehäuse von Edwin van der Sar als der Kroate.

Dieser unbändige Wille ist es, den sein Trainer Louis van Gaal an ihm schätzt und den der Niederländer meint, wenn er sagt: "Ivica Olic ist immer scharf. Man muss immer mit ihm rechnen"

"Wir wissen, was wir an ihm haben"

Auf der Rechnung hatten ihn vor der Saison nicht alle. Etliche Experten sagten ihm vor der Saison ein Dasein auf der Bayern-Bank voraus, im Schatten der alles überstrahlenden Neuzugänge Mario Gomez und Arjen Robben.

Olic strafte seine Kritiker lügen. In 23 von 28 Ligaspielen kam er zum Einsatz. Mit ihm holten die Bayern im Schnitt 0,5 Punkte mehr pro Partie und schossen durchschnittlich fast ein Tor mehr als ohne ihn.

"Wir wissen, was wir an ihm haben", betonte Vorstands-Chef Karl-Heinz Rummenigge anerkennend. "Wir haben ihn nicht umsonst vom Hamburger SV geholt."

Insbesondere auf internationalem Parkett hatte sich die Verpflichtung lange vor dem Spiel gegen United ausgezahlt. Schon in der Vorrunde gegen Haifa schoss er das entscheidende Tor und bescherte damit Trainer und Umfeld ein bisschen Ruhe in turbulenten Zeiten. Mit ihm gewannen die Münchner fünf von sechs Partien in der Champions League, teilten lediglich gegen Turin die Punkte. In den drei Spielen in der "Königsklasse", die der Rekordmeister verlor, wirkte Olic nicht mit.

"Ein raffinierter Spieler"

"Ich denke, ich habe jetzt gezeigt, dass ich auch in den letzten Minuten wertvoll sein kann", erklärte der Matchwinner, der trotz eines Treffers am vergangenen Spieltag beim 1:2 gegen Stuttgart ausgewechselt worden war.

"Ich hatte gedacht, dass ich beim 4:1 gegen Juve mein wichtigstes Tor geschossen habe", so Olic weiter. Sein Verhalten nach dem Treffer gegen Manchester ließ keinen Zweifel daran, dass er dieses noch viel höher einordnet: Ausgiebig herzte Olic den Spielball mit den schwarz-roten Sternen. Und gab das offizielle Spielgerät der Uefa auch nach dem Schlusspfiff nicht mehr aus der Hand.

Der Ritterschlag an diesem erinnerungswürdigen Dienstagabend für den unermüdlichen Dauerrenner kam von ganz oben. "Ein raffinierter Spieler" sei dieser quirlige Kroate, befand Franz Beckenbauer: "Ein Schlawiner!"


Andreas Messmer